«Habt ihr nicht verhütet?»

Sie ist 16 und im achten Monat schwanger. Damit hadert Ilaria Lusi aus Müllheim nicht mehr. Doch dumme Fragen aus dem Umfeld hätten Spuren hinterlassen, sagt sie.

«Plötzlich wusste man es auch in Frauenfeld»: Ilaria Lusi, 16, und Miguel, ihr Freund und Vater des Kindes.

«Plötzlich wusste man es auch in Frauenfeld»: Ilaria Lusi, 16, und Miguel, ihr Freund und Vater des Kindes.
Bild: Donato Caspari

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Ihre Tage blieben plötzlich aus, und irgendwann schlich sich Unbehagen ein. Die Mutter fragte wieder: «Ilaria, hast du die Tage bekommen?» Ilaria Lusi verneinte. Die Mutter riet, den Arzt anzurufen. Doch die Tochter ging zu ihrer älteren Schwester und machte einen vierten Schwangerschaftstest. Dreimal war er bereits negativ ausgefallen, wozu Unbehagen, wozu der Arzt. Der vierte Test aber war positiv. Die Gefühle fuhren Achterbahn, die Lusis zum Doktor. Der untersuchte mit Ultraschall den Bauch, dann gratulierte er. Keine Zweifel: Die 16-jährige Ilaria Lusi war schwanger.

Auf der Strasse angestarrt

Ein gehöriger Schock und existenzielle Fragen prägten den Januar 2009. Tod oder Leben? Abtreiben oder Mutter werden? Im Herbst eine Lehre beginnen oder ein Kind stillen? Die Müllheimer Sekundarschülerin musste die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen, und dafür blieben ihr nur wenige Tage. Bald kam eine Abtreibung nicht mehr in Frage. So studierte sie die Blätter, die ihr der Arzt mitgegeben hatte. Ein halbes Jahr später ist sie noch immer entsetzt, wie eine Abtreibung abläuft. «Entweder», erzählt sie, «machst du es operativ und bleibst einen Tag stationär im Spital. Oder du treibst medikamentös ab.»

Ilaria hat das Kind behalten. Mit dem 20-jährigen Miguel, ihrem Freund und dem Vater des Kindes, sitzt Ilaria auf dem schattigen Sitzplatz ihres Elternhauses. Die Kleider kleben an den Plastikstühlen, über dem Asphalt der Quartierstrasse flimmert die Hitze. Sonnenblumen stehen stramm auf einem Feld, ein Bauer bringt mit Traktor und Anhänger Heu zum Hof. Ein beschaulicher Sommertag in Müllheim, und mitten in dieser Beschaulichkeit dieser Bauch, der die Gerüchte wie Buschfeuer durch die Umgebung peitschte. «Plötzlich wusste man auch in Frauenfeld, dass ich schwanger war», erzählt Ilaria. Einige meinten, ihre Eltern hätten sie nicht aufgeklärt. Anderes wie die Frage «Habt ihr verhütet?» bringt Ilaria in Rage. «Das ist doch die dümmste Frage», sagt sie, «das fragt man doch nicht einfach so.» Schliesslich hätten sie verhütet, dabei sei ein Unfall geschehen. Tief verletzt hat Ilaria auch, dass Kolleginnen sie auf der Strasse angestarrt hätten. Von Kopf bis Fuss, grusslos. Was in deren Köpfen vorgeht, ist Ilaria gleichgültig. «Ich selber würde ganz anders reagieren, wenn es einer Freundin geschähe.»

Aufruhr in der Kirche

Das Liebesleben von Schülern findet normalerweise im Verborgenen statt – und die Teenies kultivieren die Auswertung der Schwangerschaftstests hinter verschlossenen WC-Türen. Doch Ilarias Bauch scheint die Gesellschaft auf die Probe zu stellen. Er macht die Liebe zu Miguel öffentlich und unübersehbar. In der katholischen Kirche Müllheim führte das vor einigen Wochen zu einem kleinen Aufruhr. Der Pfarrer sprach mit ihr, ob sie sich schwanger firmen lassen will. Und die Firmlehrerin meinte, sie kenne die Kirchgänger und stelle sich vor, wie die sie im Kirchenschiff anschauen. «Das ist mir egal», antwortete Ilaria. «Ich betrete die Kirche und mache die Firmung.»

Eine Spritze für die Lungen

Diese Zielstrebigkeit legte sie nicht immer an den Tag. Lange wusste sie nicht, ob es richtig war, das Kind zu behalten. Wenn die Verzweiflung Ilaria schüttelte, tröstete sie die Mutter. «Alleine bist du ja nicht», sagte sie dann. Und Ilarias Vater wurde von Tag zu Tag stolzer. Nur liegen hätte die 16-Jährige mehr müssen; ein kurzer Aufenthalt im Krankenhaus und eine Spritze, damit die Lungen des Kindes für den Fall einer Frühgeburt schneller reifen, haben Ilaria vorsichtig machen lassen.

Ihr Geburtstermin liegt im August. Für den Sekabschluss hat es noch gereicht, und eigentlich wollte Ilaria eine Lehre beginnen. Das verschiebt sie um ein Jahr. Erst will sie Mutter sein, später hüten auch Eltern und Grosseltern das Kind. Und Miguel, der seit fünf Monaten bei Ilaria wohnt, hat keine Angst vor der Verantwortung des Vaterseins. Nur einen besseren Job will er, eine Festanstellung und nicht nur Stundenlohn. Und er träumt von Ferien. Von Ferien zu dritt, mit dem Auto, am besten am Meer. Wenn alles gut geht, ist es schon im September so weit. (ThurgauerZeitung)

Erstellt: 16.07.2009, 06:59 Uhr

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