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      <title>Kultur</title>
      <link>http://www.tagblatt.ch/</link>
      <description>St. Galler Tagblatt News</description>
      <language>de-DE</language>
      <pubDate>Fri, 25 May 2012 03:53:35 +0200</pubDate>
      <lastBuildDate>Fri, 25 May 2012 03:53:35 +0200</lastBuildDate><item>
         <pubDate>Fri, 25 May 2012 01:05:28 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Klein, aber fein  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2992267</link>
         <description><![CDATA[  Bei uns geht es auch um einen Raum, in dem Kinder inneres Wachsen erleben k&ouml;nnen. Wir nennen uns bewusst &laquo;kleine&raquo; Kunstschule, wir wollen klein, aber fein sein.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b></b><br /><br /><p>Bei uns geht es auch um einen Raum, in dem Kinder inneres Wachsen erleben k&ouml;nnen. Wir nennen uns bewusst &laquo;kleine&raquo; Kunstschule, wir wollen klein, aber fein sein.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2992267</guid>
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         <pubDate>Fri, 25 May 2012 01:05:28 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Kreativität mit Händen zu greifen  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2991856</link>
         <description><![CDATA[  Die kleine Kunstschule wird zehn Jahre alt. Bis heute ist das Konzept das gleiche: Kinder und Jugendliche sollen ohne vorgefertigte Konzepte ihre eigene gestalterische Sprache finden. Am ersten Juni-Wochenende wird das Jubil&auml;um gefeiert.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Die kleine Kunstschule wird zehn Jahre alt. Bis heute ist das Konzept das gleiche: Kinder und Jugendliche sollen ohne vorgefertigte Konzepte ihre eigene gestalterische Sprache finden. Am ersten Juni-Wochenende wird das Jubil&auml;um gefeiert.</b><br /><br /><p>Die Kinder an diesem Mittwochnachmittag an der Kleinbergstrasse haben alle sch&ouml;ne und seltene Namen: Sinan, Asiana, Jerune oder Ulyana heissen sie. Sinan ist T&uuml;rke und acht Jahre alt. Gekonnt bearbeitet er mit Fugenspachtel ein kugelf&ouml;rmiges Mosaik. Die Mosaiksteinchen hat er sich selbst mit einem Hammer zurechtgeschlagen. Asiana ist sieben und hat eine Holzkiste samt Schloss gebastelt. Sie soll dereinst als Geheimfach gegen neugierige Blicke der Schwester dienen.</p> <h4>Gummib&auml;rli und Polenta</h4> <p>Im Fotolabor wird noch in einer richtigen Dunkelkammer gearbeitet. Jerune streut kleine bunte N&uuml;deli, Gummib&auml;rli und Polenta aufs Fotopapier - mit wunderbaren Ergebnissen. So richtig die Phantasie walten l&auml;sst die siebenj&auml;hrige Russin Ulyana. Sie war noch nie in einer Disco, baut sich aber ein Discozimmer. Samt Gestell f&uuml;r eine Discokugel, K&ouml;rbe f&uuml;r Kuscheltiere und eine feine Streichelecke. An einer Wand der kleinen Kunstschule h&auml;ngen viele fertige Arbeiten der Kinder. Schubladen sind mit Leim, Leimpistolen, Heissleim, Farbsand, Magnete, &Ouml;sen, Holzbohrer angeschrieben. Hier herrscht Materialvielfalt, Basis f&uuml;r Kreativit&auml;t, die im &laquo;Schulzimmer&raquo; fast mit H&auml;nden zu greifen ist.</p> <p>Lucia Andermatt hat die kleine Kunstschule vor zehn Jahren gegr&uuml;ndet. Entstanden ist sie aus Anregungen eines Workshops der heutigen Z&uuml;rcher Hochschule der K&uuml;nste (ZHdK). Modell standen auch entsprechende Kunstschulen f&uuml;r Kinder und Jugendliche in Finnland. 150 Absolventen gingen die letzten Jahre durch die kleine Kunstschule. Auf diese Zahl ist die heutige Pr&auml;sidentin Silja D'Agostino-De&eacute;r stolz. Zehn Mitglieder umfasst der Vorstand, darunter die vier Lehrkr&auml;fte. Der Verein der kleinen Kunstschule hat vierzig Mitglieder. Anders als die Musikschule wird die kleine Kunstschule von der Stadt St. Gallen noch nicht unterst&uuml;tzt.</p> <h4>Eigene Sprache finden</h4> <p>Das p&auml;dagogische Konzept ist so einfach wie konsequent. Nichts ist verschult. Die Kunstschule will Raum bieten f&uuml;r die Ideen der Kinder. &laquo;Die Kinder bearbeiten die Themen &uuml;bers Machen selbst&raquo;, sagt Werklehrerin Esther Wiesli. &laquo;Sie sollen ihre eigene Sprache finden.&raquo; Wiesli benutzt bewusst nicht den Begriff Kunst f&uuml;r das, was an Kreativem aus Kinderh&auml;nden entsteht. &laquo;Die Kunstschule ist auch mit dem kleinen Park ein perfekter Raum, um sich gestalterisch ausleben zu k&ouml;nnen. Hier k&ouml;nnen Kinder unabh&auml;ngig von sogenanntem Talent ihre eigenen gestalterischen Wege finden. Und sie finden immer welche&raquo;, erz&auml;hlt Esther Wiesli. L&ouml;sungsstrategien f&uuml;r bestimmte gestalterische Themen br&auml;uchten oft Zeit. Und diese Zeit h&auml;tten die Kinder in der Kunstschule.</p> <h4>Qualit&auml;t im Kleinen</h4> <p>&laquo;Wir wollen im Kleinen gute Qualit&auml;t bieten&raquo;, sagt Pr&auml;sidentin Silja D'Agostino, die sich &uuml;ber neue Anmeldungen von Kindern und Jugendlichen in den Kursen und der offenen Werkstatt freut, aber nicht vom grossen Expandieren tr&auml;umt.</p> <p>Am 1. und 2. Juni wird der zehnj&auml;hrige Geburtstag der Schule gefeiert. Das sch&ouml;nste Geschenk macht die kleine Kunstschule ihren Kindern und Jugendlichen selbst. An der Vereinsversammlung n&auml;chste Woche wird &uuml;ber eine Schulgeldreduktion von hundert Franken pro Semester abgestimmt. Das Geld daf&uuml;r kommt aus einem gut gef&uuml;llten Fonds, der bisher nur Kindern aus weniger finanzkr&auml;ftigen Elternh&auml;usern zur Verf&uuml;gung stand.</p> <div class="mpnl_hinweis">Fr, 1.6., ab 20 Uhr: Referat von Serge Lunin, Designer an der ZHdK; danach Auftritt des Slampoeten Pierre Lippuner. Sa, 2.6., ab 17 Uhr: Fest mit Musik, Essen und Trinken (Kleinbergstr. 1). <a class="more" href="http://www.kleinekunstschule.ch">www.kleinekunstschule.ch</a></div>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2991856</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Thu, 24 May 2012 12:22:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Fredy Lienhard ist tot  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2991825</link>
         <description><![CDATA[  Fredy Lienhard, der unvergessliche Onkel Fritz aus der Fernsehshow &laquo;Teleboy&raquo;, ist laut dem &laquo;Blick&raquo; am Montag gestorben. Der Tod habe sich abgezeichnet, wird Lienhards Familie online zitiert.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Fredy Lienhard, der unvergessliche Onkel Fritz aus der Fernsehshow &laquo;Teleboy&raquo;, ist laut dem &laquo;Blick&raquo; am Montag gestorben. Der Tod habe sich abgezeichnet, wird Lienhards Familie online zitiert.</b><br /><br /><p>Fredy Lienhard, der unvergessliche Onkel Fritz aus der Fernsehshow &laquo;Teleboy&raquo;, ist laut dem &laquo;Blick&raquo; am Montag gestorben. Der Tod habe sich abgezeichnet, wird Lienhards Familie online zitiert.</p> <p>Lienhard sei als Primarlehrer zum Cabaret Rotstift gestossen, erst als Texter, dann bis 1964 als Darsteller. Er habe Kabarett-Texte und Sketche f&uuml;r alle Grossen der Schweizer Kabarett- und Theaterszenen geschrieben - so f&uuml;r Voli Geiler, Stephanie Glaser, C&eacute;sar Keiser, Margrit Rainer, Walter Roderer, Ursula Schaeppi, Ines Torelli oder Ruedi Walter.</p> <p>Sp&auml;ter trat er laut &laquo;Blick&raquo; mit Soloprogrammen und in diversen Filmen und Fernsehsendungen auf. Daneben habe er einige Grimm-M&auml;rchen f&uuml;r die &laquo;Schlieremer Chind&raquo; bearbeitet.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2991825</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Wed, 23 May 2012 16:01:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Die Premiere des Neuen  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2990475</link>
         <description><![CDATA[  ST.GALLEN. Otto Tausk, der neue Chefdirigent des Sinfonieorchesters St.Gallen, steht diese Woche erstmals auf dem Pult in der Tonhalle. Der Niederl&auml;nder bezeichnet sich als &uuml;berzeugten Nichtspezialisten und neugierigen Allrounder.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>ST.GALLEN. Otto Tausk, der neue Chefdirigent des Sinfonieorchesters St.Gallen, steht diese Woche erstmals auf dem Pult in der Tonhalle. Der Niederl&auml;nder bezeichnet sich als &uuml;berzeugten Nichtspezialisten und neugierigen Allrounder.</b><br /><br /><p>Konzert und Theater St.Gallen freuten sich schon bei der Bekanntgabe des neuen Chefdirigenten Ende letzten Jahres. Mit dem Niederl&auml;nder Otto Tausk habe man eine Pers&ouml;nlichkeit verpflichtet, &laquo;die in nahezu idealer Weise dem Anspruch und k&uuml;nstlerischen Wollen&raquo; entspreche. Mit seinen vielf&auml;ltigen k&uuml;nstlerischen Qualifikationen, stilistischer Bandbreite sowie Engagement f&uuml;r innovative Programmgestaltung und der Kommunikation mit dem Publikum werde Tausk Orchester und Theater auf einem vielversprechenden neuen k&uuml;nstlerischen Weg begleiten.</p> <p>Im Interview vor seinem ersten Auftritt in St.Gallen best&auml;tigt Tausk, dass ihm eine starke Verbindung zwischen Orchester und Publikum wichtig sei. Das Orchester selbst will er f&uuml;r alle Epochen der Musikgeschichte einsetzen und zu einem flexiblen und lebendigen Klangk&ouml;rper machen. F&uuml;r ihn heisse Orchesterarbeit aber auch, &laquo;dass das Orchester immer weniger abh&auml;ngig vom Dirigenten wird, dass ich dem Orchester wirklich zuh&ouml;ren kann, statt es einfach zu dominieren&raquo;.</p> <p>Vor seinem Engagement in St.Gallen war Tausk in Rotterdam Assistent von Valery Gergiev. Zuletzt war er mehrere Jahre Chefdirigent der Holland Synfonia, daneben trat er aber mit verschiedenen Orchestern in anderen L&auml;ndern auf. (red.)</p> <h4>Mehr zum Thema in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper vom 24. Mai.</h4>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2990475</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Mon, 21 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2987408</link>
         <description><![CDATA[  Mit einem Kranz von Vorschusslorbeeren kam der 28-j&auml;hrige Regisseur Ant&uacute; Romero Nunes nach Z&uuml;rich. Sein szenischer Versuch &uuml;ber Stanislaw Lems weltber&uuml;hmten Science-Fiction-Roman bleibt aber in der Beziehungskiste stecken.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Mit einem Kranz von Vorschusslorbeeren kam der 28-j&auml;hrige Regisseur Ant&uacute; Romero Nunes nach Z&uuml;rich. Sein szenischer Versuch &uuml;ber Stanislaw Lems weltber&uuml;hmten Science-Fiction-Roman bleibt aber in der Beziehungskiste stecken.</b><br /><br /><p class="autor">Barbara Villiger Heilig</p> <p>Der Kosmonaut Kris Kelvin fliegt mit einer Mission von der Erde zum Planeten Solaris, dessen Natur R&auml;tsel aufgibt und der den Forschern in der dortigen Raumstation Probleme verursacht. Er wird bedeckt von einem Ozean aus - so die Vermutung - &laquo;denkender&raquo; Gallerte; ihre nicht-menschliche Intelligenz &uuml;berfordert das humane Hirn und treibt mit ihm trickreiche Sp&auml;sse. Ausserdem kreist der Planet um zwei Sonnen, eine rote und eine blaue, und wie Stanislaw Lem in seinem Roman von 1961 den st&auml;ndig wechselnden, in gleissende Feuermeere, schmutzigen Nebel, silbriges Blasengebrodel, grau-gelblichen Schaum geh&uuml;llten Himmelsk&ouml;rper beschreibt, das raubt einem den Atem: gleich schon bei Kelvins Anflug, danach w&auml;hrend seines Aufenthalts in der Station und bis zur Expedition auf die Planetenoberfl&auml;che am Schluss. Solaris ist die W&uuml;ste in uns. Das absolut Andere.</p> <h4>Auf der Suche nach sich selbst</h4> <p>In Z&uuml;rich, wo sich der junge deutsche Regisseur Ant&uacute; Romero Nunes - chilenische Mutter, portugiesischer Vater - in der Schiffbau-Box des Schauspielhauses an den Stoff heranwagt, kommt Kelvin gar nicht in ausserirdischen Sph&auml;ren an. Er bleibt stecken im Zwischenmenschlichen oder, noch enger, im eigenen Ich, das in eine zweifelhafte Instanz zerf&auml;llt und als unsicheres Seelengel&auml;nde Lems Kosmos ersetzen muss. Denn den Planeten hat Nunes gestrichen, was bedauerlich ist, aber nachvollziehbar. Er w&uuml;rde jede B&uuml;hne sprengen.</p> <p>Diejenige von Florian L&ouml;sche, ein niedriger viereckiger Raum, oben und unten begrenzt durch Stahlgitter, beschr&auml;nkt sich auf die Raumstation. Hier spielen Jirka Zett und Yvon Jansen als zweigeteiltes Ich, Du und Er nebst Kelvin auch seine Genossen Snaut und Sartorius, allesamt auf der so vergeblichen wie enervierenden Suche nach sich selbst, kurzhaarig, b&auml;rtig, in identischem hellblauem Raumanzug, oder aber, in rotem Kleid, Harey, die mysteri&ouml;se Reinkarnation von Kelvins toter Frau (Kost&uuml;me: Judith Hepting). Acht Fernsehmonitoren ringsherum (Video: Sebastian Pircher) zeigen haupts&auml;chlich das dahinter aufgereihte Publikum, vielleicht, damit es sich seinerseits mit der eigenen Identit&auml;t konfrontiert.</p> <p>Nat&uuml;rlich handelt auch Lems Psychothriller, Abenteuerroman und erkenntnistheoretischer Essay - dies und mehr ist &laquo;Solaris&raquo; - von Beziehungsfragen. Doch Nunes walzt sie platt bis zum Gehtnichtmehr. Dabei k&auml;mpfen die gewollt oder ungewollt dilettantisch in den Textfluten herumrudernden, sich vorwiegend anschreienden Schauspieler hilflos mit der Theatertechnik, wenn sie zum Beispiel nach einer gemeinsamen Dusche die Headsets neu montieren m&uuml;ssen. W&auml;hrend der Soundtrack etwas wie kosmischen Hall evoziert, unterbrechen vereinzelte Lichteffekte die Trostlosigkeit der knappen zwei Stunden: Eine Aluminiumdecke flirrt durch die Luft, eine Trockeneiss&auml;ule stemmt sich in die H&ouml;he, beide reflektieren die Helle der Scheinwerfer. Das kann man theatralische Mittel nennen oder, weniger freundlich, Laientheater.</p> <h4>Postdramatische Umlaufbahn</h4> <p>Yvon Jansen als Harey ist im Unterschied zur sanften Kindfrau des Romans ein hochgradig uncharmantes Gesch&ouml;pf (&laquo;h&auml;?&raquo;), das den bem&uuml;hten Jirka Zett (&laquo;okay!&raquo;) schliesslich in den Suff treibt und dazu sowohl aus der Raumstation als auch ins postdramatisch-dekonstruktivistische Theater: Er klettert durch eine Luke nach oben und entdeckt dort die Videokamera, welche ihn filmt. Wow. - &laquo;Ich bin deine Traktorspur. Verstehst Du?&raquo;, heisst es einmal, &laquo;ich liebe dich&raquo; ein andermal, wobei der Zusammenhang beide Male eher zuf&auml;llig wirkt. Wenn die Schauspieler nicht mehr weiterwissen, darf das Publikum einspringen im Rahmen einer &laquo;Fl&uuml;sterpost&raquo;: Ein Wort wandert der Sitzreihe entlang von Mund zu Ohr und kommt verformt am Ende an. Falls das die Unsch&auml;rfe der sogenannten exakten Wissenschaften beweisen soll, ist die dazu gew&auml;hlte Methode nicht einfach, sondern simpel.</p> <p>&laquo;Solaris&raquo;, im stalinistischen Kontext der Entstehungszeit auch ein Politikum, wurde verfilmt (u. a. von Andrei Tarkowski) und als Opernlibretto verwendet. Die Z&uuml;rcher Produktion weicht dem Vergleich mit solchen Bearbeitungen zu Recht aus. Doch findet sie keine eigene Form. Die politische Dimension des Romans hat sich wortreich ins Programmheft zur&uuml;ckgezogen - eine Verlegenheitsl&ouml;sung. Und an Peinlichkeiten ist die Veranstaltung auch sonst nicht arm. Better luck next time!</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2987408</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Mon, 21 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Lernen, nur nicht aufhören zu lernen  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2987409</link>
         <description><![CDATA[  Im Kindergarten an der Ecke spielen die 130-J&auml;hrigen von morgen. Uns auszumalen, was das bedeutet, &uuml;berfordert unsere Phantasie, da langfristige Antizipation f&uuml;r unsere Spezies keinen besonderen Evolutionsvorteil bot. Die Alterung macht es heute aber unabdingbar, die ganze Lebensplanung zu revidieren.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Im Kindergarten an der Ecke spielen die 130-J&auml;hrigen von morgen. Uns auszumalen, was das bedeutet, &uuml;berfordert unsere Phantasie, da langfristige Antizipation f&uuml;r unsere Spezies keinen besonderen Evolutionsvorteil bot. Die Alterung macht es heute aber unabdingbar, die ganze Lebensplanung zu revidieren.</b><br /><br /><p class="autor">Florian Coulmas</p> <p>Shigeaki Hinohara glaubt an lebenslanges Lernen. Von Beruf Arzt, stand er vor zwei Jahren zum ersten Mal auf der B&uuml;hne, um an einem Musical mitzuwirken. Aus der Routine aussteigen und einmal etwas ganz anderes machen ist eine Herausforderung, die anregend wirkt. Nicht, dass Herr Hinohara die Langeweile der Routine f&uuml;rchten m&uuml;sste. Neben seiner Arbeit im St.-Lukas-Krankenhaus in Tokio, das er gr&uuml;ndete und zu einem der besten der Stadt machte und wo er noch immer Patienten behandelt, hat er mehr als ein Dutzend Posten in Stiftungsr&auml;ten und Nonprofitorganisationen inne, schreibt B&uuml;cher und h&auml;lt Vortr&auml;ge - &uuml;ber das Lernen, das gesunde Leben, das von Krankheit bedrohte Leben, Pflege, Genesung, Kunst und Gott und die Welt.</p> <p>F&uuml;r eine Nebent&auml;tigkeit ist seine Schreibe recht erfolgreich. Von seinem 2007 erschienenen Buch &laquo;Vom guten Leben&raquo; wurden 1,2 Millionen Exemplare verkauft. Und das ist nur eins von &uuml;ber zwanzig B&uuml;chern, die er seit Beginn des Jahrhunderts - dieses Jahrhunderts! - herausgebracht hat. 2002 erschien von ihm &laquo;Memento Mori. &Uuml;ber den Tod&raquo;. Aber das ist lange vergessen. Inzwischen hat er sich wieder fr&ouml;hlicheren Themen zugewandt. Zu seinem 100. Geburtstag voriges Jahr ver&ouml;ffentlichte er ein Buch &laquo;&Uuml;ber die Freude an der Kunst&raquo;.</p> <h4>Es ist nie zu sp&auml;t</h4> <p>Lebenslanges Lernen ist eines der Prinzipien, die Hinohara propagiert und verk&ouml;rpert, davon &uuml;berzeugt, dass das Leben durch Lernen nicht nur reicher, sondern auch besser und l&auml;nger wird. Wer w&uuml;rde ihm widersprechen?!</p> <p>Nicht nur f&uuml;r das Leben, sondern auch vom Leben lernen zu gestalten und sich gleichzeitig dem, was kommt, &uuml;berlassen ist ein Grundsatz seiner Lebensphilosophie. Es ist nie zu sp&auml;t. Auf dem Weg zu einem &Auml;rztekongress sass er 1970 in dem Japan-Airlines-Flug 351 von Tokio nach Fukuoka. Das Flugzeug wurde von Mitgliedern der japanischen Rote-Armee-Fraktion gekapert. Die umsichtigen Entf&uuml;hrer hatten f&uuml;r die 129 Geiseln etwas zu lesen mit an Bord gebracht, Lenins gesammelte Schriften sowie die von Kim Il Sung und - ein wenig &uuml;berraschend - auch etwas von Dostojewski. Hinohara entschied sich f&uuml;r &laquo;Die Br&uuml;der Karamasow&raquo; des grossen russischen Romanciers. Er war nach eigener Auskunft der Einzige, der auf dem Angstflug &uuml;ber Fukuoka und Seoul nach Pjongjang las. Man kann ja nie wissen.</p> <p>Herr Hinohara ist ein fr&ouml;hlicher Mensch, ein Optimist, der nichts davon h&auml;lt, die H&auml;nde in den Schoss zu legen oder vorzeitig aufzugeben. Als Arzt ist ihm der Tod nicht fremd, und viele seiner Schriften handeln davon, wie man ihn als Teil des Lebens akzeptiert. Er weiss, dass es nicht nur darauf ankommt, ihn hinauszuz&ouml;gern. Ihm selber ist das allerdings gelungen und mit ihm vielen anderen Japanern. Im Laufe des 20. Jahrhunderts konnten sie ihre Lebenserwartung, so unglaublich es erscheinen mag, verdoppeln. In anderen Industriel&auml;ndern geht die Tendenz in dieselbe Richtung, aber die Geschwindigkeit, mit der sich das in Japan vollzog, ist einzigartig in der Geschichte der Menschheit. Mit Hinohara konnten 2011 ungef&auml;hr 40 000 Japaner ihren 100. Geburtstag feiern. Vor einer Generation war die Zahl solcher Jubilare noch dreistellig.</p> <p>Dass die Japaner den Tod innerhalb eines kurzen Jahrhunderts um Jahrzehnte aufgeschoben haben, ist Beweis der sehr erfolgreichen Ausnutzung technischer und wissenschaftlicher Errungenschaften, eines guten Gesundheitssystems und einer im Grossen und Ganzen gut funktionierenden und auch geistig gesunden Gesellschaft. Die demografischen Verschiebungen, die mit der Alterung einhergehen, zwingen diese erfolgreiche Gesellschaft dennoch zu enormen Anpassungen.</p> <h4>Eine Volkskrankheit</h4> <p>Nicht allen Hochbetagten geht es so gut wie Herrn Hinohara; auch das weiss er sehr genau. Eines seiner B&uuml;cher heisst: &laquo;100 Ratschl&auml;ge: Bis 100 ohne Demenz&raquo;. Der Leserkreis ist gross, denn wie in allen Industriel&auml;ndern nimmt die Zahl der neurodegenerativen Erkrankungen rapide zu. Fr&uuml;her starben die Menschen an Infektionskrankheiten oder Altersschw&auml;che, bevor Altersdemenz sie der F&auml;higkeiten beraubte, deren es f&uuml;r ein selbst&auml;ndiges Leben bedarf. Die grossen Fortschritte in der allgemeinen Hygiene und der molekularen Medizin und die Langlebigkeit, die sie nach sich zogen, haben jedoch aus Demenz eine Volkskrankheit werden lassen.</p> <p>In Japan allein wird die Zahl der unter Alzheimer und anderen neurodegenerativen Krankheiten Leidenden derzeit auf 1,7 Millionen gesch&auml;tzt. Bis 2020 soll sie nach Hochrechnungen der japanischen Alzheimer-Gesellschaft auf 3,3 Millionen ansteigen. In Ostasien gilt hohes Alter traditionell als Gl&uuml;ck, doch durch die rapide Zunahme des Demenzrisikos wird diese sprichw&ouml;rtliche Assoziation in Frage gestellt. Wer wird die an Altersdemenz Leidenden pflegen? Ihnen und vielen anderen Pflegebed&uuml;rftigen ein gl&uuml;ckliches oder auch nur menschenw&uuml;rdiges Dasein zu erm&ouml;glichen, ist heute eine der gr&ouml;ssten Herausforderungen Japans. Die rund 10 000 Mitglieder der Alzheimer-Gesellschaft arbeiten daran, mehr Information &uuml;ber und Verst&auml;ndnis f&uuml;r Demenzkrankheiten zu verbreiten und dadurch Betroffenen und ihren Familien die Angst davor zu nehmen. Angesichts der Bev&ouml;lkerungsentwicklung ist das von grosser Dringlichkeit.</p> <h4>Viele aktive Alte</h4> <p>Denn w&auml;hrend die Alterskohorten &uuml;ber 65 weiter wachsen, beschleunigt sich gleichzeitig der R&uuml;ckgang der Gesamtbev&ouml;lkerung. 2030 wird es 10 Millionen Japaner weniger geben als heute - einmal Belgien. Dabei geht die werkt&auml;tige Bev&ouml;lkerung am schnellsten zur&uuml;ck, von 68 Prozent im Jahre 2000 auf 60 Prozent 2020 und 53 Prozent bis zur Jahrhundertmitte. Der Anteil der &uuml;ber 65-J&auml;hrigen nimmt unterdessen von 25 Prozent auf 35 Prozent zu. Bisher markierte 65 wie in Westeuropa die Schwelle zum Alter, aber von dieser Definition r&uuml;ckt man langsam ab.</p> <p>Herr Hinohara w&auml;re nach der &uuml;berkommenen Vorstellung vom Ruhestandsalter heute seit 35 Jahren Rentner, arbeitet aber noch immer. Als Person ist er exzeptionell, aber er verk&ouml;rpert auch die Sonnenseite des wichtigsten Trends, der die japanische Gesellschaft gegenw&auml;rtig kennzeichnet. Der r&uuml;hrige Senior ist kein Exot; es gibt viele andere aktive Alte. Aber er steht mehr im Rampenlicht und wird bewundert, weil er die ihm gegebene genetische Ausstattung optimal genutzt hat, um ein langes, gesundes und erf&uuml;lltes Leben zu gestalten; mit H&ouml;hen und Tiefen, aber unterm Strich sicher ein gutes Leben. Das Zusammenwirken von Genetik und Umwelt, das unser Altern bestimmt, hat Hinohara optimiert.</p> <p>Seine Ratschl&auml;ge f&uuml;r ein demenzfreies Alter ziehen deshalb grosse Aufmerksamkeit auf sich; weniger bei seinen Altersgenossen als in der Generation ihrer Kinder; denn sie muss sich Sorgen &uuml;ber die im Alter zunehmenden pflegeintensiven Krankheiten machen. Sein eigenes erfolgreiches Altern verleiht seinen Ratschl&auml;gen Glaubw&uuml;rdigkeit. Sie umfassen weder Zaubertrankrezepturen f&uuml;rs ewige Leben noch strenge Di&auml;tvorschriften - dreimal die Woche Broccoli -, ganz zu schweigen von Anti-Ageing-Produkten, von denen er wie jeder Arzt weiss, dass sie ausser auf die Brieftasche des Patienten keinerlei Wirkung haben. Hinohara popularisiert im Wesentlichen allgemeine Erkenntnisse der Alternsforschung. Sie haben mehr mit Lebensstil als mit Pharmazie zu tun: fr&uuml;h aufstehen, genug schlafen, eine gewisse Regelm&auml;ssigkeit der Lebensf&uuml;hrung, k&ouml;rperliche Bewegung, massvolles Essen und Trinken, vielf&auml;ltige geistige T&auml;tigkeit und - ganz besonders wichtig - soziale Einbettung in private und berufliche Beziehungen; nicht viel also, was &uuml;ber den gesunden Menschenverstand hinausginge oder ihm widerspr&auml;che.</p> <p>Allein, der gesunde Menschenverstand bzw. die F&auml;higkeit, ihm zu gehorchen, ist nicht jedem gegeben. Die ph&auml;nomenale Bev&ouml;lkerungsalterung bringt, was das betrifft, neue Anforderungen mit sich. Menschen, als Individuen und als Gruppen, sind nicht sehr gut darin, lange vorauszuplanen, denn bei einer Lebenserwartung, die noch in r&ouml;mischer Zeit durchschnittlich nur ungef&auml;hr 25 Jahre betrug, war f&uuml;r das &Uuml;berleben immer das Hier und Jetzt von &uuml;berragender Bedeutung, langfristige Voraussicht also kein wirklicher Evolutionsvorteil. Erst der Quantensprung der Lebenserwartung im 20. Jahrhundert hat das ge&auml;ndert. Er hat weiten Kreisen der Bev&ouml;lkerung praktisch &uuml;ber Nacht zus&auml;tzliche Jahrzehnte Lebenszeit beschert, mit denen sie noch nicht sinnvoll umzugehen gelernt haben. Den 30-J&auml;hrigen f&auml;llt es schwer, f&uuml;r ihren 100. Geburtstag zu planen, obwohl sie gute Chancen haben, ihn zu erleben.</p> <p>Wenn wir uns sagen, dass im Kindergarten nebenan die erste Generation der 130-J&auml;hrigen heranw&auml;chst, ist das so abstrakt, dass daraus praktisch keine Konsequenzen gezogen werden. Die Menschen sparen zu wenig f&uuml;r ihr eigenes Alter, und der Staat verh&auml;lt sich kaum anders. In Japan ist das sehr deutlich, wobei sich eine bedrohliche Schw&auml;che der demokratischen Regierungsform zeigt. Obwohl Japan noch nie so reich war wie heute, sind die &ouml;ffentlichen Kassen nicht nur leer, sondern im tiefsten Minus. Das Umlagesystem der Versorgung der alten, aus dem Arbeitsleben ausgeschiedenen Bev&ouml;lkerung funktioniert nicht mehr. Wenn das Renteneintrittsalter nicht drastisch angehoben wird, m&uuml;ssen um die Mitte des Jahrhunderts 1,5 Arbeitnehmer einen Rentner unterhalten. Jeder weiss, dass die entstehenden Defizite in Renten- und Pflegekassen nur durch Steuererh&ouml;hungen auszugleichen sind. F&uuml;r Politiker, die wiedergew&auml;hlt werden wollen, ist das keine attraktive Option. Ein Zeithorizont von mehreren Jahrzehnten ist f&uuml;r sie ebenso uninteressant wie der eigene 100. Geburtstag f&uuml;r einen 30-J&auml;hrigen. Gr&uuml;nde, die gegen eine Steuererh&ouml;hung sprechen, gibt es immer, insbesondere wenn eine Wahl bevorsteht.</p> <p>Obwohl die Bev&ouml;lkerungsentwicklung recht zuverl&auml;ssige langfristige Hochrechnungen zul&auml;sst, verhalten sich K&ouml;rperschaften und Staaten kaum weitsichtiger als Individuen. Uns unser eigenes Leben in zwei oder drei Jahrzehnten vorzustellen, &uuml;berfordert unsere Vorstellungskraft ebenso wie eine Gesellschaft, in der jeder Zweite &uuml;ber 60 ist. Wenn jedoch der 100-j&auml;hrige Herr Hinohara &ouml;ffentlich auftritt, Interviews gibt und &uuml;ber Fragen des Alltags spricht, dann wird es konkret, und wir k&ouml;nnen uns vorstellen, dass es uns betrifft; dass wir und nicht erst k&uuml;nftige Generationen den Standardlebenslauf neu planen m&uuml;ssen, da die Alterung im Rahmen der gegebenen Strukturen inzwischen f&uuml;r viele zu zwei Jahrzehnten M&uuml;ssiggang am Ende gef&uuml;hrt hat.</p> <h4>Bis zum Schluss aktiv bleiben</h4> <p>Heranwachsen, Lernen, Arbeiten, Ausruhen - diese vier Phasen stellen keine sinnvolle Einteilung mehr dar. Die Menschen in einer schrumpfenden und weiter alternden Gesellschaft l&auml;nger arbeiten zu lassen, ist nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit; ausser bei den Gebrechlichen und Kranken wird das auch ihren Bed&uuml;rfnissen gerecht. Hier liegt die eigentliche Bedeutung des lebenslangen Lernens. Es stellt keine Besch&auml;ftigungstherapie f&uuml;r die Alten dar, die sich sonst langweilen w&uuml;rden, sondern die Voraussetzung daf&uuml;r, aktiv zu bleiben.</p> <p>Nicht alle werden so alt werden wie Herr Hinohara und so lange wie er das Bed&uuml;rfnis, die F&auml;higkeit und die Gelegenheit haben, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Die Zahl der Pflegebed&uuml;rftigen wird weiter zunehmen. Umso wichtiger ist es f&uuml;r all diejenigen, die in der Lage sind zu arbeiten, durch aktive Beteiligung am Erwerbsleben oder an freiwilligen und ehrenamtlichen T&auml;tigkeiten das Potenzial auszusch&ouml;pfen, Die auf den Staat zukommenden Lasten nehmen &uuml;berall zu. In vielen Industriel&auml;ndern, Japan eingeschlossen, begegnet man diesem Trend dadurch, dem Einzelnen mehr Verantwortung f&uuml;r seine eigene Zukunftssicherung zu geben. Wer keinen alles beherrschenden Staat will, kann das nur begr&uuml;ssen. Allein, bisher ist noch kein Modell entwickelt worden, in dem vermehrte Eigenverantwortung nicht zu einer Vergr&ouml;sserung der Disparit&auml;ten in der Gesellschaft f&uuml;hrt.</p> <p>Es ist bekannt, dass sich Gesundheitsprobleme in Niedrigeinkommensschichten h&auml;ufen und dass Einkommensunterschiede mit dem Alter zunehmen. Armut macht krank, und Krankheit macht arm. Das bittere Diktum &laquo;Weil du arm bist, musst du fr&uuml;her sterben&raquo; ist noch immer wahr, und weitere Lebenserwartungsgewinne werden daran, wenn alles so weitergeht wie bis anhin, nichts &auml;ndern.</p> <p>Was sich &auml;ndern m&uuml;sste, um der sozialen Ungleichheit der Gesundheit entgegenzuwirken, ist das Lernen, und zwar sowohl hinsichtlich der Inhalte als auch der Zeiteinteilung. Hierin liegt die eigentliche Bedeutung des lebenslangen Lernens in der alternden Gesellschaft, denn der bei weitem einflussreichste Faktor gesunden und erfolgreichen Alterns ist die Bildung: je h&ouml;her das Bildungsniveau, desto h&ouml;her das Einkommen und desto l&auml;nger das behinderungsfreie Leben. Ungleichheit schl&auml;gt sich in der Gesundheit im Alter nieder: Nicht nur unter k&ouml;rperlichen Gebrechen leiden Rentner mit niedrigeren Einkommen h&auml;ufiger als solche mit h&ouml;heren Einkommen, sondern auch unter Altersdemenz sowie klinischer Depression, Schlafst&ouml;rungen und anderen psychischen Leiden.</p> <h4>Wachstumsbranche</h4> <p>Lebenslanges Lernen ist deshalb eine Wachstumsbranche, an der der Staat grosses Interesse haben muss; denn auf lange Sicht tr&auml;gt es dazu bei, die mit der Alterung unvermeidlich zunehmenden Gesundheitskosten in Grenzen zu halten und die Disparit&auml;ten in der Gesundheitsversorgung nicht weiter anwachsen zu lassen. Recht verstanden bedeutet lebenslanges Lernen nicht nur periodische Weiterbildung und (auch) Lernen im Alter, sondern schon als Kind f&uuml;rs Alter zu lernen, um sich immer wieder aufs Neue die geistigen und sozialen F&auml;higkeiten aneignen zu k&ouml;nnen, die vonn&ouml;ten sind, um den Anschluss an immer schneller sich vollziehende Entwicklungen nicht zu verpassen.</p> <p>Herr Hinohara steuert seinen Teil dazu bei. &laquo;Was ist das Leben?&raquo; heisst der Titel des Vortrags, den er demn&auml;chst in dem von ihm gegr&uuml;ndeten Life Planning Center in Tokio halten wird - in einem Saal, der 800 Zuh&ouml;rern Platz bietet.</p> <p>Florian Coulmas ist Direktor des Deutschen Instituts f&uuml;r Japan- Studien in Tokio. Zusammen mit Judith Stalpers hat er zuletzt den 2011 bei C. H. Beck erschienenen Band verfasst: &laquo;Fukushima: Vom Erdbeben zur atomaren Katastrophe&raquo;.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2987409</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Mon, 21 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Party in der Kirche  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2987389</link>
         <description><![CDATA[  &laquo;Common Ground&raquo; lautet der Titel der von David Chipperfield kuratierten 13. Architekturbiennale Venedig, die Ende August er&ouml;ffnet wird. Auch mehrere Schweizer Architekten hat der Brite eingeladen. J&uuml;rgen Tietz sprach mit David Chipperfield &uuml;ber die Biennale und die Bedeutung des architektonischen Dialogs.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>&laquo;Common Ground&raquo; lautet der Titel der von David Chipperfield kuratierten 13. Architekturbiennale Venedig, die Ende August er&ouml;ffnet wird. Auch mehrere Schweizer Architekten hat der Brite eingeladen. J&uuml;rgen Tietz sprach mit David Chipperfield &uuml;ber die Biennale und die Bedeutung des architektonischen Dialogs.</b><br /><br /><p class="question">Herr Chipperfield, anl&auml;sslich der Pr&auml;sentation Ihres Projekts f&uuml;r die Architekturbiennale Venedig haben Sie in Berlin und im Kunsthaus Z&uuml;rich darauf hingewiesen, dass die von Ihnen kuratierte Ausstellung eine Provokation darstellt. Worin besteht sie?</p> <p class="answer">Der Titel &laquo;Common Ground&raquo; ist eine Provokation f&uuml;r meine Architektenkollegen. Sie sollen auf der Architekturbiennale Venedig nicht nur ihre Arbeiten pr&auml;sentieren, sondern sie in Beziehung zu jenen Grundfragen setzen, die uns alle angehen. Architekten stehen bei jedem Projekt unter einem enormen Druck. Deshalb untersch&auml;tzen sie gelegentlich, wie viele Gemeinsamkeiten uns verbinden. Die Gesellschaft nimmt den Wettstreit unter den Architekten wahr, aber sie gewinnt dadurch noch kein positives Bild von der Architektur selbst. Ich glaube, dass die meisten meiner Kollegen - und ganz sicher die, die an der Architekturbiennale teilnehmen - sich mit gemeinsamen Themen befassen, die &uuml;ber die eigene Position hinausgehen.</p> <p class="question">Inwieweit hat Ihre eigene Architekturpraxis Ihre Themensetzung f&uuml;r die Biennale beeinflusst?</p> <p class="answer">Ich bin gepr&auml;gt durch meine angels&auml;chsischen Erfahrungen, aus denen heraus ich nur das Missverh&auml;ltnis zwischen der architektonischen Praxis und der Gesellschaft beklagen kann. In England gibt es leider keine gute Diskussion &uuml;ber Baukultur. In meiner Position als britischer Architekt bin ich zwar sehr privilegiert, doch andererseits f&uuml;hle ich mich auch als ein Opfer der Entwicklung, dass die Architektur in England immer mehr an Unabh&auml;ngigkeit einb&uuml;sst. Das Urteil eines Architekten sollte respektiert werden. Doch stattdessen wird der Architekt nur noch als eine Art Berater wahrgenommen, als Dekorateur. Deshalb wird auch die Architektur immer dekorativer. Dabei bin ich mir absolut sicher, dass man den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Geb&auml;ude sogar riechen kann. Doch wenn man einem Entwickler oder einem Projektmanager zu erkl&auml;ren versucht, warum man sich f&uuml;r dieses oder jenes Detail oder Material entschieden hat, dann geben am Ende nur die Kosten den Ausschlag. Insofern besitzt der Mangel an architektonischem Wissen und an Gespr&auml;chskultur hinsichtlich Architektur einen grundlegenden Einfluss auf die Qualit&auml;t von Architektur.</p> <p class="question">Haben Sie diese Erfahrung auch in der Schweiz gemacht?</p> <p class="answer">Manchmal h&ouml;re ich, dass sich meine Schweizer Kollegen beklagen. Da kann ich nur sagen, dass es daf&uuml;r keinen Grund gibt. Verglichen mit dem Rest der Welt, leben sie in einem Paradies. Die Schweiz ist einer der letzten Orte auf der Welt, an denen architektonische Werte noch gesch&auml;tzt werden.</p> <p class="question">Was sind die Gr&uuml;nde daf&uuml;r?</p> <p class="answer">Vielleicht liegt die Ursache in der Schweizer Kultur begr&uuml;ndet, und nat&uuml;rlich gibt es hier auch den notwendigen wirtschaftlichen Hintergrund. Letztlich finden sich in der Schweiz all jene Dinge, mit denen wir uns bei der diesj&auml;hrigen Architekturbiennale besch&auml;ftigen wollen: Die Schweizer Architekten sind so gut, weil es hier ein gutes Ausbildungssystem gibt. In der Gesellschaft wird die Arbeit der Architekten gesch&auml;tzt, und auch das Handwerk erf&auml;hrt eine hohe Wertsch&auml;tzung. Nicht zu vergessen ist auch, dass es Orte f&uuml;r einen geistigen Austausch &uuml;ber Architektur gibt. Durch das alles entsteht jener &laquo;common ground&raquo; f&uuml;r gute Architektur. Nat&uuml;rlich gibt es auch heftige Auseinandersetzungen, doch es herrscht ein Einvernehmen dar&uuml;ber, dass das alles wichtige Themen sind.</p> <p class="question">Muss der Dialog zwischen Architekten, Investoren und der &Ouml;ffentlichkeit verbessert werden, um dieses Einvernehmen auch andernorts zur&uuml;ckzugewinnen?</p> <p class="answer">Unbedingt. Wir Architekten sind auf diesen Dialog angewiesen. Wir k&ouml;nnen nicht losgel&ouml;st von diesem Kontext arbeiten. Wir ben&ouml;tigen Investoren und Entscheidungstr&auml;ger genauso, wie wir Ideen ben&ouml;tigen. Wir sind nicht autonom, sondern arbeiten wie Makler, die zwischen den unterschiedlichen Positionen vermitteln. Insofern sind wir davon abh&auml;ngig, welches gesellschaftliche Klima um uns herum herrscht.</p> <p class="question">Welche Bedeutung kommt dieser Dialogkultur zu?</p> <p class="answer">Ich denke, dass es keine schlechte &Uuml;bung f&uuml;r Architekten ist, die eigenen Ideen zu verteidigen. Architekten sollten immer wieder erkl&auml;ren, warum sie etwas tun. Die wichtigste berufliche Erfahrung in meinem Leben war der Bau des Neuen Museums in Berlin - und das war ein Projekt in absolutem Dialog - unbarmherzig, manchmal grausam, manchmal anstrengend. Dennoch bin ich mir ganz sicher, dass dieser Dialog ein entscheidender Teil des Projektes war. Die Tatsache, dass ich meine Position artikulieren musste und sie mit anderen diskutieren konnte, die daran interessiert waren, brachte mich weiter. Wenn man aus einer solchen Diskussion herauskommt, dann kann man nat&uuml;rlich alles verwerfen, was man geh&ouml;rt hat. Oder aber man geht am Abend nach Hause und denkt dar&uuml;ber nach, ob an dem Gesagten nicht doch etwas dran ist, dass einem bei seinem Projekt weiterhilft.</p> <p class="question">Die Qualit&auml;t der Debatte bestimmt die Qualit&auml;t der Architektur mit.</p> <p class="answer">Ich denke ja. Wenn aber die Debatte ausser Kontrolle ger&auml;t, dann ist das schlecht. Aber eine gute Debatte ist sehr hilfreich.</p> <p class="question">Ist eine so grosse Ausstellung wie die Architekturbiennale Venedig &uuml;berhaupt noch zeitgem&auml;ss oder hilfreich, um zur Baukultur beizutragen?</p> <p class="answer">An der diesj&auml;hrigen Architekturbiennale beunruhigt mich gelegentlich, dass ich mit ihr eine sehr spezifische Absicht verfolge. Ich hoffe, dass die Besucher dadurch nicht eingesch&uuml;chtert werden. Was ist die Architekturbiennale? Ist sie ein Festival, bei dem sich alle am&uuml;sieren und sagen: Architektur ist wunderbar? Oder gleicht sie eher dem Gang in die Kirche, bei der alle sagen: Oh, er hat ja recht, aber es ist langweilig. Ich denke, die Architekturbiennale muss beides sein, Kirche und Festival. Ich habe zur Party in die Kirche eingeladen.</p> <p class="question">Meinen Sie, dass sich in Venedig am Ende alle - Investoren, Architekten und Nutzer - auf einem &laquo;common ground&raquo; wiederfinden werden?</p> <p class="answer">Ich w&uuml;nsche mir, dass die Ausstellung sowohl f&uuml;r das Fachpublikum als auch f&uuml;r die Laien interessant ist und sie sagen: &laquo;Ich bin wirklich beeindruckt. Ich h&auml;tte nicht erwartet, dass Architekten so intensiv &uuml;ber das nachdenken, was sie machen.&raquo; Das ist mein Ziel, das ist der &laquo;common ground&raquo;. Ich w&uuml;nsche mir, dass die &Ouml;ffentlichkeit mit uns auf diesem gemeinsamen Grund zusammenkommt, auf dem wir ehrlich zeigen, was die Themen sind, die uns interessieren - von unserem professionellen wie auch von unserem pers&ouml;nlichen Standpunkt aus.</p> <div class="box"> <h3>Architekt des Z&uuml;rcher Kunsthauses</h3> <p>jtz. David Chipperfield, Jahrgang 1953, geh&ouml;rt zu den erfolgreichsten britischen Architekten seiner Generation mit B&uuml;ros in London, Berlin, Mailand und Schanghai. Bekannt wurde Chipperfield, der heute weltweit aktiv ist, mit dem Bau des River and Rowing Museum in Henley-on-Thames (1989/97). Neben dem Bau von privaten Wohngeb&auml;uden hat er verschiedene Firmenzentralen, aber auch Verwaltungsgeb&auml;ude verwirklicht wie das Justizquartier in Barcelona (2002/09). Einen besonderen Schwerpunkt in Chipperfields Arbeit bildet der Museumsbau: So hat er u. a. den preisgekr&ouml;nten Neubau des Schiller-Nationalmuseums in Marbach (2006), das Anchorage Museum in Alaska oder das Liangzhu Museum in China (beide 2009) verwirklicht. Als eines seiner Hauptwerke gilt die beispielhafte, ebenfalls preisgekr&ouml;nte Instandsetzung und Erg&auml;nzung der Ruine des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel. Erst k&uuml;rzlich erhielt Chipperfield den Auftrag zur Sanierung der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe in Berlin. F&uuml;r Z&uuml;rich plant er derzeit ein f&uuml;r ihn besonders wichtiges Projekt: die Erweiterung des Kunsthauses. Im Januar 2012 wurde David Chipperfield zum Generalkommissar der 13. Architektur-Biennale in Venedig berufen.</p> </div>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2987389</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 06:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Das Bedürfnis der Selbsttätigkeit  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2986060</link>
         <description><![CDATA[  In Philosophiegeschichten kommt er oft genug nur als &Uuml;bergangsfigur zwischen Kant und Hegel (oder Schelling) vor. Doch der am 19. Mai vor 250 Jahren geborene Johann Gottlieb Fichte war ein eigenst&auml;ndiger Kopf, auch wenn manche ihn nur f&uuml;r einen eigenwilligen Kauz hielten.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>In Philosophiegeschichten kommt er oft genug nur als &Uuml;bergangsfigur zwischen Kant und Hegel (oder Schelling) vor. Doch der am 19. Mai vor 250 Jahren geborene Johann Gottlieb Fichte war ein eigenst&auml;ndiger Kopf, auch wenn manche ihn nur f&uuml;r einen eigenwilligen Kauz hielten.</b><br /><br /><p class="autor">Uwe Justus Wenzel</p> <p>Nicht alle, die M&uuml;he hatten, ihn zu verstehen, suchten die Schuld bei sich selbst; manche zweifelten sogar an dem Geisteszustand des neuen Sterns am Philosophenhimmel: Johann Gottlieb Fichte gab seinen Zeitgenossen zu denken und zu reden. Einer der ersten Leser der 1794/95 publizierten &laquo;Wissenschaftslehre&raquo; beschrieb, wie er sich &laquo;die Geistesaugen wund und blind geguckt&raquo; habe bei dem Versuch, sich auf den &laquo;Unsinn und &Uuml;berwitz in den Thesen-, Antithesen- und Synthesenklaubereien&raquo; des Buches einen Reim zu machen. Der Autor kam dem ebenso erwartungs- wie verzweiflungsvollen Rezipienten - es war der d&auml;nische Schriftsteller und Aufkl&auml;rungsfreund Jens Immanuel Baggesen - wie ein &laquo;Hexenmeister&raquo; vor, der ein &laquo;Schattenspiel an der Wand des Gem&uuml;ths&raquo; auff&uuml;hre und der das Messer der Begriffe so lange sch&auml;rfe, bis kein Stahl mehr da sei. Auch Goethe, der daf&uuml;r gesorgt hatte, dass der zweiunddreissigj&auml;hrige Hexenmeister an die Universit&auml;t Jena berufen wurde und der mit ihm gern konversierte, konnte Fichtes &Uuml;berlegungen, nur &laquo;mit M&uuml;he und von ferne folgen&raquo;.</p> <p>Andere meinten in der Schrift, die erkl&auml;rtermassen dazu diente, &laquo;den absolut-ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz alles menschlichen Wissens aufzusuchen&raquo;, Anzeichen von Verr&uuml;cktheit zu erkennen. Manfred K&uuml;hn, der p&uuml;nktlich zum zweihundertf&uuml;nfzigsten Geburtstag Fichtes eine opulente Biografie des deutschen Philosophen vorlegt, weiss von noch weitaus mehr Bedenken zu erz&auml;hlen, die gegen den &laquo;neuen Helden im Land der Wahrheit&raquo; (so Schelling &uuml;ber Fichte) laut wurden.</p> <h4>Wirken wollen</h4> <p>Der Biograf nimmt seinen &laquo;Helden&raquo; nicht gegen alle Vorw&uuml;rfe in Schutz. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Er verteidigt ihn gegen erstaunlich wenige. Seinerseits glaubt er dem Unterfangen Fichtes, Philosophie als eine Wissenschaft der Wissenschaft zu konzipieren, zumindest &laquo;eine Art von philosophischem Gr&ouml;ssenwahn&raquo; attestieren zu m&uuml;ssen. Was bei Fichtes Bem&uuml;hungen herausgekommen ist, reicht in K&uuml;hns Augen historisch lediglich f&uuml;r die &laquo;Rolle des Vermittlers zwischen Kant und Hegel&raquo;, f&uuml;r die eines Inspirators der Fr&uuml;hromantik sowie (in Anbetracht der Wirkungsgeschichte der &laquo;Reden an die deutsche Nation&raquo;) f&uuml;r die eines der &laquo;Vorv&auml;ter des unseligen deutschen Nationalismus&raquo;. Auch - und besonders - &laquo;menschlich&raquo; l&auml;sst Fichte im Urteil seines gestrengen Richters zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Der Mangel an Selbstzweifel, an Klugheit, Takt und Selbstbeherrschung, mit dem Fichte geschlagen gewesen zu sein scheint, l&auml;sst den Biografen ein ums andere Mal den Kopf sch&uuml;tteln und auch den Zeigefinger heben.</p> <p>Was ihn an der Gestalt Fichtes aber so fasziniert, dass er ihr eine detailreiche (auf mancher Strecke nur langsam vorankommende) Studie widmet - das bleibt weitgehend verborgen. Gleichwohl ist das Buch nicht minder lesenswert als die kundige Biografie Kants, mit der K&uuml;hn sich bei einem gr&ouml;sseren Publikum einen Namen gemacht hat. Knapper und weniger rechthaberisch, aber nicht unkritisch ist die gleichfalls gut zu lesende Darstellung von Fichtes Lebens- und Denkweg ausgefallen, die Wilhelm G. Jacobs, ein Kenner des deutschen Idealismus, zum runden Geburtstag beisteuert.</p> <p>Was aber hat es nun auf sich mit dem des Gr&ouml;ssenwahns verd&auml;chtigten Projekt einer &laquo;Wissenschaftslehre&raquo;, deren Grundz&uuml;ge Fichte &uuml;brigens in &ouml;ffentlichen Privatvorlesungen 1794 in Z&uuml;rich vortrug - im Hause Lavaters, durch den er auch seine ihm im Jahr zuvor angetraute Frau, Marie Johanne Rahn, kennengelernt hatte? Es ist vermutlich nicht ganz abwegig, dieses Projekt mit einem Grundimpuls seiner Person in Verbindung zu bringen, den Fichte Johanne Rahn im Jahre 1790 brieflich offenbarte: &laquo;Den Stand des Gelehrten kenne ich; ich habe da wenig neue Entdeckungen zu machen. Ich selbst habe zu einem Gelehrten von m&eacute;tier so wenig Geschik, als m&ouml;glich. Ich will nicht blos denken; ich will handeln [. . .] Ich habe nur ein Bed&uuml;rfnis, nur eine Leidenschaft, nur ein Volles Gef&uuml;hl meiner Selbst, das: ausser mir zu w&uuml;rken.&raquo;</p> <p>Beinahe mutet das Bekenntnis wie die Bekundung einer leeren Entschlossenheit an, in der sich kaum mehr als ein empfundener Mangel manifestiert. Doch ein wenig bestimmter zeichnet sich schon ab, worauf Bed&uuml;rfnis und Selbstgef&uuml;hl hinauswollen. Nicht bloss denken, sondern auch handeln: Fichte findet einen Weg, beides zu vereinen - einen Weg, auf dem das Denken und das von ihm unabtrennbare Reden selbst als Handeln begriffen werden. Bereits beim jungen Fichte, beim Schulabg&auml;nger von Schulpforta, machte sich der Drang, in der Welt zu wirken, als Hang zur Redekunst, zu Rhetorik und Predigt, bemerkbar. Kanzelredner, Schriftsteller oder Volkslehrer h&auml;tte er nach abgebrochenem Theologiestudium werden m&ouml;gen, als Hauslehrer in beg&uuml;terten Familien musste Fichte sich, wie seinerzeit nicht wenige aus bescheidenen Verh&auml;ltnissen kommende Universit&auml;tsabsolventen, lange Jahre durchschlagen, in Leipzig, Z&uuml;rich, Warschau und anderswo. Immerhin war diese T&auml;tigkeit mit p&auml;dagogischer Ansprache verbunden; und wo sich ihm die Gelegenheit bot, predigte Fichte in Kirchen - einen moralischen Gottesglauben mit rationalistischem Einschlag.</p> <h4>&laquo;Tathandlung&raquo;</h4> <p>Um zur &laquo;Wissenschaftslehre&raquo; als Projekt der Vereinigung von Denken und Handeln zu gelangen, bedurfte es auf Fichtes Weg freilich noch der Begegnung mit den Schriften Kants. Er lebe in einer &laquo;neuen Welt&raquo;, seit er die &laquo;Kritik der praktischen Vernunft&raquo; gelesen habe, notierte Fichte im September 1790. Es ist dies ein Welt, in der er - endlich - an die Freiheit des Menschen glauben und als Grund und Prinzip des Selbstdenkens wie der Selbstverpflichtung appellieren konnte. Nach dem &laquo;Kant-Erlebnis&raquo; meinte er zun&auml;chst zwar seine Aufgabe und seine Erf&uuml;llung darin zu finden, die Aufkl&auml;rungsphilosophie des K&ouml;nigsbergers zu popularisieren. Doch dem vermeintlichen Adepten er&ouml;ffnete sich eine ganz eigene Perspektive.</p> <p>Etwas Wesentliches davon hat begriffen, wer sich klarmacht, dass die gedruckte &laquo;Wissenschaftslehre&raquo; von 1794 sich als eine Art Begleitbuch zu Fichtes Vorlesungen versteht. Soll heissen: Das Buch ist als Aufforderung zu lesen, den in ihm skizzierten Grundgedanken selbstt&auml;tig zu denken. Dieser Gedanke ist einfach und kompliziert zugleich. Er ist einfach, weil er nur besagt, dass das Denken aus der freien Selbstt&auml;tigkeit des Denkenden entspringt. Er f&uuml;hrt zu delikaten Komplikationen, weil das Denken seiner eigenen freien T&auml;tigkeit als T&auml;tigkeit nicht habhaft werden, weil es sich beim Denken nicht selbst beobachten kann - und doch einen Begriff von diesem unbeobachtbaren Quellgrund haben will. 1794 ist dieser Begriff f&uuml;r Fichte der der &laquo;Tathandlung&raquo;. Er klingt auch darum vielsagend, weil in ihm die m&auml;chtige Tendenz jener Zeit - die der Franz&ouml;sischen Revolution - ihren bewusstseinsphilosophischen Resonanzk&ouml;rper findet.</p> <p>Zwei Jahrzehnte lang unternimmt der Lehrer dieser Wissenschaftslehre, die eine Freiheitslehre ist, immer neue Anl&auml;ufe, &laquo;gelehrte&raquo; wie auch &laquo;popul&auml;re&raquo;, um das, was in jenem Grundgedanken beschlossen liegt - es ist mehr als angedeutet -, so zu entfalten, dass der Funke des Verstehens auf andere &uuml;berspringe. Auch das ist ein m&eacute;tier.</p> <p class="fussnote">Wilhelm G. Jacobs: Johann Gottlieb Fichte. Eine Biografie. Insel-Verlag, Berlin 2012. 251 S., Fr. 35.50. Manfred K&uuml;hn: Johann Gottlieb Fichte. Ein deutscher Philosoph. Verlag C. H. Beck, M&uuml;nchen 2012. 682 S., Fr. 40.90.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2986060</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 06:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Sinfonien als Ausdruck ihrer Entstehungszeit  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2986061</link>
         <description><![CDATA[  Die Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch sind heute bekannt - mit Ausnahme der Nummern zwei und drei. Die beiden Werke beziehen sich ausdr&uuml;cklich auf kommunistische Feiertage. Soll man das dem Komponisten vorhalten?  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Die Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch sind heute bekannt - mit Ausnahme der Nummern zwei und drei. Die beiden Werke beziehen sich ausdr&uuml;cklich auf kommunistische Feiertage. Soll man das dem Komponisten vorhalten?</b><br /><br /><p class="autor">Derek Weber</p> <p>Auch wenn sich die Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch in den letzten zehn Jahren einen festen Platz in den Konzerts&auml;len erobert haben, sind zwei von ihnen kaum je zu h&ouml;ren: die Zweite und die Dritte, beide in den sp&auml;ten 1920er Jahren entstanden. Und beide tragen sie programmatische Titel, mit denen der junge Komponist repr&auml;sentative Aufgaben f&uuml;r die nach den Jahren des B&uuml;rgerkriegs gefestigte Sowjetmacht erf&uuml;llen zu wollen schien: &laquo;An den Oktober&raquo; und &laquo;1. Mai&raquo;. Beide schliessen denn auch mit einem Chorfinale. Die verwendeten Texte preisen die Revolution und die revolution&auml;re Tradition des 1. Mai.</p> <p>Von ihrer musikalischen Sprache her, die sich der freien Atonalit&auml;t (in der Zweiten) bzw. einer erweiterten Tonalit&auml;t (in der Dritten) bedient, zeigen sie einen &laquo;anderen&raquo; Schostakowitsch, welcher - Jahre, bevor Stalin und sein kulturpolitischer Adlatus Andrei Schdanow die Forderung nach &laquo;Verst&auml;ndlichkeit&raquo; und &laquo;Volkst&uuml;mlichkeit&raquo; in der Musik erhoben - der offiziellen Kulturpolitik verd&auml;chtig sein musste. Tats&auml;chlich wurden die Sinfonien bald nach ihrer Urauff&uuml;hrung als &laquo;formalistisch&raquo; gebrandmarkt und aus den Konzerts&auml;len verbannt. Aber auch der Komponist selbst hat sich sp&auml;ter von ihnen distanziert und sie als &laquo;ganz und gar unbefriedigend&raquo; bezeichnet; laut seinem Sohn Maxim &laquo;hielt Schostakowitsch nicht viel von seiner zweiten und dritten Sinfonie&raquo;.</p> <h4>Die Verh&auml;ltnisse</h4> <p>Der 2011 kurz vor seinem 98. Geburtstag verstorbene Dirigent Kurt Sanderling, ein profunder Schostakowitsch-Kenner, sagte: &laquo;Ich habe nicht dadurch, dass ich Schostakowitsch pers&ouml;nlich kannte, eine besondere Sicht auf seine Musik gewonnen, sondern dadurch, dass ich die Verh&auml;ltnisse kannte, unter denen seine Musik geschrieben wurde.&raquo; Unter welchen &laquo;Verh&auml;ltnissen&raquo; sind die Zweite und Dritte also entstanden? Der 1906 geborene Schostakowitsch geh&ouml;rte zur ersten Musikergeneration, die in der sowjetischen Zeit gross wurde. Die Identifikation mit der Oktoberrevolution ist beim Heranwachsenden deutlich zu sp&uuml;ren. Sechs Monate nach der ersten Sinfonie - seiner Abschlussarbeit am Konservatorium - trat er 1926 mit der Klaviersonate op. 12 hervor, einem wilden St&uuml;ck voller aggressiver Dissonanzen, dem er den - sp&auml;ter gestrichenen - Titel &laquo;Oktober&raquo; gab. 1927 folgte die zweite Sinfonie, 1929 die dritte. W&auml;hrend die Zweite ein Auftragswerk Anatoli Lunatscharskis anl&auml;sslich des zehnten Jahrestages der Oktoberrevolution war, schrieb der Komponist die dem 1. Mai gewidmete dritte Sinfonie ohne &auml;usseren Anlass.</p> <p>Die beiden Sinfonien m&ouml;gen Schw&auml;chen haben, aber sie m&uuml;ssen ebenso wie andere in diesen Jahren entstandene Werke - die Oper &laquo;Die Nase&raquo; oder das Ballett &laquo;Der Bolzen&raquo; - als Produkte einer kulturell bewegten Epoche genommen werden. Die Jahre bis 1929 - als mit dem ersten F&uuml;nfjahresplan die Zeit der Neuen &Ouml;konomischen Politik (NEP) zu Ende ging - waren eine Zeit des k&uuml;nstlerischen Experimentierens. Die Sowjetunion war ein grosses Laboratorium, in dem die Proletkult-Bewegung ebenso Platz hatte wie das dirigentenlose Orchester &laquo;Persimfans&raquo;.</p> <p>Georgi Rimsky-Korsakow, ein Enkel des ber&uuml;hmten Nikolai Rimsky-Korsakow, konnte 1923 eine &laquo;Gesellschaft f&uuml;r Vierteltonmusik&raquo; gr&uuml;nden. Der ukrainische Komponist Julij Mejtus liess mit seinem ersten Werk, einer &laquo;Rhythmo-Deklamation&raquo; zum Tod Lenins (1924), aufhorchen und komponierte 1929 bis 1932 mit &laquo;Na Dnjepostroe&raquo; (&laquo;Am Dnjepr-Staudamm&raquo;) ein reines Perkussions-St&uuml;ck &uuml;ber den Bau der damals weltgr&ouml;ssten Talsperre. Gruppen wie die &laquo;Prokoll&raquo; komponierten als &laquo;Produktionskollektiv&raquo;. Und Alexander Mossolow schuf mit &laquo;Zavod&raquo; (&uuml;bersetzt eigentlich &laquo;Fabrik&raquo;, bekannt unter dem Titel &laquo;Eisengiesserei&raquo;) eine Komposition, die das Zischen von Dampf und fl&uuml;ssigem Metall in Musik &uuml;bersetzte.</p> <h4>Aufbruch in eine neue Zeit</h4> <p>Es herrschte eine Art &laquo;progressiver&raquo; Pluralismus - gelenkt, doch im Wesentlichen noch ohne Zensur. Neben der neuen Industrie- und Maschinenmusik gab es die Komponisten der alten Generation. Michael Michailowitsch Ippolitow-Iwanow verfasste 1927 eine &laquo;Hymne an die Arbeit&raquo; f&uuml;r Chor, Orchester und Blasorchester. Im selben Jahr komponierte Reinhold Gli&egrave;re, der schon 1924 f&uuml;r das Festival der Komintern eine Fantasie f&uuml;r Blasorchester geschrieben hatte, das erfolgreiche Revolutionsballett &laquo;Roter Mohn&raquo;. Und Schostakowitschs Lehrer Maximilian Steinberg verherrlichte mit seiner 1933 - schon in der F&uuml;nfjahresplan-Zeit - entstandenen vierten Sinfonie (&laquo;Turksib&raquo;) den Bau der Turkestanisch-Sibirischen Eisenbahn. &laquo;Modernisten&raquo; wie Mossolow sammelten sich in der 1923 gegr&uuml;ndeten Assoziation f&uuml;r Zeitgen&ouml;ssische Musik (ASM). Die dem Proletkult auf musikalischem Gebiet huldigenden Komponisten dagegen waren in der Russischen Assoziation Proletarischer Musiker (RAPM) organisiert; sie waren einer neuen &laquo;Einfachheit&raquo; verpflichtet.</p> <p>1932 wurden alle Verb&auml;nde aufgel&ouml;st. Mit ihnen verschwand die Vielfalt; der sozialistische Realismus avancierte zur neuen k&uuml;nstlerischen Staatsreligion. 1936 wurde Schostakowitsch, der schon Jahre zuvor in die Schusslinie der Kulturw&auml;chter geraten war, zum privilegierten Opfer der Kritik von oben, nachdem ihm in der &laquo;Prawda&raquo; vorgeworfen worden war, er verbreite mit seiner &laquo;Lady Macbeth&raquo;-Oper &laquo;Chaos statt Musik&raquo;.</p> <p>Die Kritik war &laquo;richtig&raquo; und ungerecht zugleich: Schostakowitsch mag nicht der ganz grosse Experimentator gewesen sein. Und auch wenn er ein Intermezzo der Oper &laquo;Die Nase&raquo; als reines Schlagzeugst&uuml;ck komponiert hatte, so blieb er doch &laquo;verst&auml;ndlich&raquo; und war er bem&uuml;ht, &laquo;den professionellen Standards der Tradition zu gen&uuml;gen&raquo;. Er wollte seine pers&ouml;nliche Sprache finden - und bewahren. Gleichzeitig musste er innerhalb der musikalischen Tendenzen der Zeit Position beziehen und dar&uuml;ber hinaus versuchen, den Anspr&uuml;chen der sowjetischen Politik zu gen&uuml;gen.</p> <p>Dies glaubte er auf dem Gebiet der Oper wohl weniger weitgehend befolgen zu m&uuml;ssen als in der &laquo;K&ouml;nigsgattung&raquo; der Sinfonie. Die zweite und dritte Sinfonie zeigen Schostakowitsch auf der Suche nach kompositorischem Neuland. Mit der Verwendung zeitgen&ouml;ssischer Texte versuchte er, die Praxis des Sprechchors f&uuml;r die sinfonische Musik fruchtbar zu machen; in der zweiten Sinfonie bereitet eine Fabriksirene den Schlusschor vor. Die letzten Worte - &laquo;Oktober, Kommune, Lenin&raquo; - werden, von Schlagzeug unterlegt, mehr aggressiv deklamiert als gesungen.</p> <p>In der Kompositionstechnik brach Schostakowitsch mit der Tradition. Zu einem Kollegen meinte er: &laquo;Es w&auml;re reizvoll, eine Sinfonie zu schreiben, in der sich kein einziges Thema wiederholt.&raquo; In der Tat wird in den beiden Sinfonien die Technik der thematischen Entwicklung v&ouml;llig negiert. Kein einziges Thema wird wiederholt - weder w&ouml;rtlich noch abgewandelt. Sogar die Wiederholung von Motiven oder Melodiepartikeln wird - wie bei Arnold Sch&ouml;nberg oder Anton Webern - vermieden.</p> <p>Kein Wunder, dass die Sinfonien nicht gefielen. An der auf 17 Minuten komprimierten Zweiten missfiel &laquo;die absichtliche H&auml;rte des Klanges&raquo;. Es regieren Polytonalit&auml;t, Polyrhythmik und eine ungest&uuml;me Motorik. Schostakowitsch versucht einen Ton anzuschlagen, der dem Aufbruch in eine neue Zeit, mit dem er sich damals wohl noch identifizierte, Rechnung tr&auml;gt, und schreibt ein ganz und gar &laquo;unromantisches&raquo;, dissonanzenreiches, spr&ouml;des und unpathetisches Tongem&auml;lde.</p> <p>Auch in der dritten Sinfonie gibt es keine thematische Entwicklung, doch ist die Musik zug&auml;nglicher, melodischer. Sie weist auf den sp&auml;teren Schostakowitsch voraus und setzt (wie bei Mahler) beim H&ouml;rer Assoziationen frei - vom &laquo;blutigen Niedermetzeln einer Mai-Demonstration&raquo; bis zu &laquo;eulenspiegelhaftem Humor&raquo; und der &laquo;Geburt der Sinfonie aus der Dynamik der revolution&auml;ren Rhetorik&raquo;. Schostakowitsch selbst meinte lapidar, er habe in der Sinfonie nur &laquo;die allgemeine Stimmung&raquo; eines Festes zum 1. Mai ausdr&uuml;cken wollen.</p> <p>War Schostakowitsch damals ein &laquo;Parteikomponist&raquo;? Oder sind die zweite und die dritte Sinfonie einfach &laquo;misslungen&raquo;? Aber was heisst &laquo;misslungen&raquo;? Es gibt Werke des &Uuml;bergangs, Werke, durch die jemand hindurch muss, um zu sich selbst zu finden, &laquo;experimentelle Werke&raquo; - Durchgangs-Sinfonien, die jemanden &laquo;auf dem Weg&raquo; zeigen.</p> <p>Die Revolution, meinte Ernst Bloch einmal in einer Bemerkung zur Ikonographie der Arbeiterbewegung, &laquo;verachtete die Graeculi, die t&auml;nzerischen, die tr&auml;umerischen, die sch&ouml;nen Poeten&raquo;. Genau dies unterscheidet die dritte Sinfonie von der zweiten. In der dritten Sinfonie ist diese quasi-hellenistische Helligkeit pr&auml;sent. Sie beginnt wie eine Morgend&auml;mmerung zum 1. Mai - mit einem heiter-elegischen Klarinettensolo. Ein wenig martialischer Marsch wird angestimmt; ein fr&ouml;hliches Fest beginnt. Bald f&auml;hrt ein dunkler Ton in die Sinfonie hinein, wie eine Ahnung von kommenden Gefahren. Laufen die Menschen davon, oder dr&auml;ngen sie vorw&auml;rts? Wird eine Polizeikette durchbrochen? Da - ein Trommelwirbel, Spannung, als plustere sich einer auf. Ist das noch die alte Polizei oder schon Stalin? Oder h&ouml;ren wir nur - wie in einem alten DDR-Konzertf&uuml;hrer vorgeschlagen - ein agitatorisches Pamphlet?</p> <h4>Aufw&uuml;hlende Subjektivit&auml;t</h4> <p>Deklamatorische Orchesterrezitative bereiten den Einsatz des Chores vor, der Verse von Semyon Kirsanow, einem vom russischen Formalismus beeinflussten Dichter und Weggef&auml;hrten Majakowskis, intoniert. Die kurze, siebentaktige instrumentale Marschcoda, mit der die Sinfonie endet, hat eine Eislersche, geradezu fellineske, Nino-Rotasche Heiterkeit. Der leichte, unpathetische Duktus der Dichtung hat den Komponisten h&ouml;rbar inspiriert. In Wirklichkeit aber lagen 1929 bereits dunkle Schatten &uuml;ber dem 1. Mai: Im Westen das Heraufd&auml;mmern des Faschismus; in der Sowjetunion waren Stalin und seine Helfershelfer dabei, alle Macht - auch die Kontrolle &uuml;ber die Kultur - auf sich zu vereinen.</p> <p>Nichts anderes konnte unter diesen Umst&auml;nden mehr geschrieben werden als die vierte Sinfonie, die Schostakowitsch 1936 noch vor der Urauff&uuml;hrung aus Angst vor Massregelung und Verfolgung zur&uuml;ckzog. Der Unterschied zur Dritten ist sofort greifbar. Das Werk ist - vom ersten Ton, einem Aufschrei der Klarinette, der dem H&ouml;rer in Mahlerscher Manier durch Mark und Bein f&auml;hrt, an - mit aufw&uuml;hlender Subjektivit&auml;t getr&auml;nkt. Hier ist ein Klima der Angst in Musik gesetzt. Die &laquo;Verh&auml;ltnisse&raquo; haben dem Komponisten die avantgardistische Experimentierfreude der vorangegangenen Sinfonien ausgetrieben. Von nun an wird er an der Gesellschaft leiden, in der er lebt.</p>   ]]></content:encoded>
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      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 06:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Literatur in den Zeiten des Hypertexts  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2986058</link>
         <description><![CDATA[  Der zweite Konzept-Roman des amerikanischen Ausnahmeschriftstellers Mark Z. Danielewski erscheint endlich auf Deutsch und bricht abermals mit den Konventionen zeitgen&ouml;ssischen Erz&auml;hlens.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Der zweite Konzept-Roman des amerikanischen Ausnahmeschriftstellers Mark Z. Danielewski erscheint endlich auf Deutsch und bricht abermals mit den Konventionen zeitgen&ouml;ssischen Erz&auml;hlens.</b><br /><br /><p class="autor">Jan Bender</p> <p>&laquo;Nach , als ich alles h&auml;tte schreiben k&ouml;nnen, habe ich mich auf das denkbar seltsamste Werk eingelassen. Es erscheint mir noch immer seltsam. Vielleicht liegt darin sein Wunder.&raquo; Diese Zeilen notiert Mark Z. Danielewski unmittelbar nach dem Abschluss des Manuskripts f&uuml;r seinen bereits 2006 in den USA erschienenen Roman &laquo;Only Revolutions&raquo;, dessen l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige deutsche &Uuml;bersetzung nun vorliegt. Nach vollbrachtem Werk stellte sich bei dem Schriftsteller jedoch nicht die erhoffte Erleichterung ein, sondern eine scheinbar existenzielle Versagensangst; eine Angst, die mehr von der eigenen Befremdung &uuml;ber diesen sonderbaren Text herr&uuml;hrte, den er da in die Welt gebracht hatte, als von der Erwartungshaltung seiner ihn teilweise kultisch verehrenden Leser - denn bereits nach seinem fulminantem Deb&uuml;t h&auml;tte man ihm eine lebenslange Schreibblockade ohne weiteres verziehen.</p> <p>F&uuml;r Anh&auml;nger Danielewskis verdient das besagte Erstlingswerk, &laquo;Das Haus&raquo; (im Original: &laquo;House of Leaves&raquo;), sicherlich ebenso den Superlativ des &laquo;denkbar seltsamsten Werkes&raquo;; f&uuml;r Uneingeweihte ist es auch bei n&uuml;chterner Betrachtung zun&auml;chst nicht weniger als ein 700-seitiges, formales wie inhaltliches Monstrum, das augenscheinlich &auml;usserst verworren von einem r&auml;umlichen Paradox erz&auml;hlt: Ein Haus dehnt sich in seinem Innern sukzessive zu einem schier endlosen Labyrinth aus, w&auml;hrend es von aussen betrachtet unver&auml;ndert erscheint. Es muss eigentlich nicht erw&auml;hnt werden, dass dieser Roman ein Textgeb&auml;ude von ganz &auml;hnlicher Natur sein will. Der wilde Eklektizismus, der gleichermassen aus Versatzst&uuml;cken der typischen Horror-Story und dekonstruktivistischen Denkfiguren sch&ouml;pft, gelang Danielewski souver&auml;n, doch nichts widerstrebte ihm mehr, als sich zu wiederholen.</p> <h4>M&ouml;biusband und Perpetuum mobile</h4> <p>Nun fragt einer zu Recht, was noch seltsamer sein k&ouml;nnte als dieser Vorg&auml;nger. Da sich aber die Bizarrerie des Erstlings schwer gegen jene des Nachfolgers &laquo;Only Revolutions&raquo; abw&auml;gen l&auml;sst, muss diese Frage hinter den Versuch einer Umschreibung des neuen Romans zur&uuml;cktreten. Was sich hinter dem Schutzumschlag versteckt, ist literarisches M&ouml;biusband und Perpetuum mobile zugleich. Eine Vorder- oder R&uuml;ckseite samt Klappentext gibt es hier nicht, lediglich zwei analoge Titelbilder, welche das Punctum saliens des Buches erahnen lassen. Denn dieses muss fortw&auml;hrend rotiert werden, um die jeweiligen Perspektiven des Teenagerpaares Sam und Hailey auf ihrem Roadtrip durch die USA gegeneinander abgleichen zu k&ouml;nnen. Den Takt der Drehung gibt der Leser selbst an, doch empfiehlt sich oftmals der direkte Vergleich.</p> <p>Eine Seite besteht demnach aus zwei Textbl&ouml;cken (davon einer stets kopf&uuml;ber), einer zum Falz b&uuml;ndigen Zeitleiste und zwei in einen farbigen Kreis gebannten Seitenzahlen. In formaler Hinsicht weist bereits alles auf das zirkul&auml;re Hauptmotiv hin: Insgesamt sind es exakt 360 Seiten. Bei aufgeschlagenem Buch z&auml;hlt man auf einer Doppelseite jeweils vier Textpassagen &agrave; 90 W&ouml;rter. Jedes Kapitel ist acht Seiten lang; die in die Horizontale gelegte Acht weist wiederum symbolisch in die Unendlichkeit.</p> <p>Im Gegensatz zu &laquo;Das Haus&raquo;, dessen Konglomerat aus allerlei Textarten eine gewisse Offenheit suggeriert, besticht &laquo;Only Revolutions&raquo; vor allem durch seine extreme &auml;usserliche Geschlossenheit. Im Gespr&auml;ch vergleicht Danielewski die von ihm etablierten strukturellen Bedingungen mit den Charakteristika eines Instruments, das er eigens f&uuml;r diese Geschichte entworfen hat. Nicht ohne Grund mag der Autor sein Verfahren mit einem solchen Bild illustrieren, denn die Sprache, welche er seinen zwei Protagonisten in den Mund legt, gl&auml;nzt mit ihrer leichtf&uuml;ssigen, spielerischen und lyrisch-musikalischen Qualit&auml;t.</p> <h4>Egozentrische Zeitgeister</h4> <p>&Uuml;ber der Betrachtung der formalen und stilistischen Bravour wurde bisher noch kein Wort &uuml;ber die Handlung, geschweige denn &uuml;ber die zwei 16-j&auml;hrigen Erz&auml;hler Sam und Hailey verloren. Unsterblich sollen sie sein. Ihre ewige Jugend verdanken sie dem Honig, also genau jenem goldenen Lebenselixier, an welchem sich bereits die griechischen G&ouml;tter labten. Umso ironischer ist es, dass diese zwei adoleszenten Allm&auml;chtigen auf ihrer ziellosen Reise durch Amerika selten mehr als die n&auml;chste schnelle Nummer im Kopf haben, was sich in mehreren neologismenschwangeren Kopulationsphantasien niederschl&auml;gt.</p> <p>Doch auch in der Romanze steckt noch eine Reverenz ans Ungreifbare. Und zwar immer dann, wenn die Liebenden von &laquo;UnS&raquo; sprechen - ein Sprachspiel, das im Original sicherlich leichter auf die Inkarnation der Grossmacht schliessen l&auml;sst und den Roadtrip allegorisch zur Eroberung des amerikanischen Westens aufbl&auml;st. Und dies, obgleich auf der jeweils ersten Seite bereits die Verheissungen des einst gelobten Landes f&uuml;r nichtig erkl&auml;rt werden: &laquo;Alle lieben den Traum, aber ich t&ouml;te ihn&raquo;, intonieren die Teenager gemeinsam. Und nur zwei Seiten sp&auml;ter, wenn Sam verk&uuml;ndet: &laquo;Denn es gibt keine L&auml;nder. Ausser mir. Und es gibt nur eine einzige Grenze. Mich&raquo;, kontert Hailey: &laquo;Denn es gibt keine Krisen. Ausser mir. Und nur einen einzigen Verstoss. Mich.&raquo;</p> <p>Die duale Perspektive ist dabei vor allem eine Absage an eine allwissende Erz&auml;hlinstanz, die - so Danielewski im Gespr&auml;ch - ihm wie eine &laquo;monotheistische Idee des Erz&auml;hlens&raquo; vorkomme, und genau dagegen rebelliere er. Weswegen er gleich zwei G&ouml;tter ins Rennen schickt, deren jeweilige Darstellungen des Geschehens sich weniger erg&auml;nzen als im gegenseitigen Widerspruch ausl&ouml;schen. Dieses Scheitern der Dialektik liegt jedoch nicht nur in der jeweiligen Verblendung der beiden solipsistischen Egozentriker begr&uuml;ndet. Ein gedoppeltes Raum-Zeit-Kontinuum sorgt daf&uuml;r, dass sie &ouml;fters aneinander vorbeischrammen. Darum spricht Danielewski - offenbar auch in deutschen Lehnw&ouml;rtern bewandert - von ihnen auch als &laquo;Zeitgeister&raquo;.</p> <h4>On the Road 1863-2063</h4> <p>Obwohl der eigentliche Roadtrip nur knappe vier Monate dauert, verzeichnet die parallel zu den Versen verlaufende Zeitleiste exakt zweihundert Jahre. So beginnt Sams Zeitrechnung im Jahr 1863, kurz nach Lincolns Gettysburg-Rede, und endet hundert Jahre sp&auml;ter mit dem Attentat auf John F. Kennedy. Dies ist schliesslich der Dreh- und Angelpunkt jener Chronologie, die sich bei Hailey von ebenjenem Tag in Dallas an fortsetzt, bis die Eintragungen 2005 nach dem Hurrikan &laquo;Katrina&raquo; und dem Erdbeben in Kaschmir abreissen. &laquo;Chronomosaike&raquo; tauft Danielewski diese Annalen, in denen er jeden noch so kleinen oder grossen Konflikt und jede Katastrophe mit einer Opferzahl versieht. Durch diese beflissene Akkumulation des gewaltsamen Sterbens klingt fast der lakonische Leitspruch aus Kurt Vonneguts &laquo;Slaughterhouse-5&raquo;: &laquo;So it goes&raquo;. Und ebenso wie Vonneguts Protagonist Billy Pilgrim sind auch Sam und Hailey &laquo;unstuck in time&raquo;.</p> <p>Als Stimmen der Geschichte eignen sie sich das idiosynkratische Vokabular der betreffenden Zeiten an, w&auml;hrend die historischen Ereignisse gewissermassen osmotisch in ihre Ballade str&ouml;men. Vordergr&uuml;ndig zeigt uns dies ein globales Nebeneinander von historisch Relevantem und Allt&auml;glichem. Unterdessen aber wird die Illusion generiert, es gebe zu allem m&ouml;gliche Verbindungen, unentdeckte Referenzen oder numerologisch aufgeladene Wortspiele. Auch der ehrgeizigste Leser wird bei einer solchen Ausweitung des Interpretationsrahmens irgendwann an die Grenzen des sinnvollen Dechiffrierens gelangen.</p> <p>&Auml;hnlich wie in &laquo;Das Haus&raquo; stellt Danielewski es seinen Lesern frei, auf welcher Ebene und mit wie viel Engagement sie sich auf das textuelle Konstrukt einlassen wollen. Wer allerdings die Geschwindigkeit einh&auml;lt, die der Text vorgibt, dem bleibt gar keine Zeit, jedes Wort in seine Partikel zu zerlegen. Denn Danielewski kontrolliert effektiv die Lesegeschwindigkeit und beschleunigt diese kontinuierlich mittels simultaner Reduktion von Zeilenanzahl und Schriftgr&ouml;sse. Diese kalkulierte Rasanz, bei der stellenweise Sinn und Plot abhandenkommen, korrespondiert mit der Fortbewegung des Erz&auml;hlerp&auml;rchens: zun&auml;chst per pedes, dann beritten, und im motorisierten Zeitalter angekommen, klemmen sie sich stets hinter das Steuer des neuesten Automodells. In dieser Hinsicht kann man tats&auml;chlich von einer Einheit von Form und Inhalt sprechen. Wenn man das Buch gleich als Designobjekt begreifen m&ouml;chte, ist der Leitsatz &laquo;form follows function&raquo; gar noch treffender.</p> <p>Nicht nur in zweiter Instanz muss hier auch das &Uuml;bersetzerduo Gerhard Falkner und Nora Matocza lobend erw&auml;hnt werden, denn sie verleihen der deutschen &Uuml;bertragung eine ganz eigene Verve - und dies bei einer unerbittlichen Drosselung auf 90 W&ouml;rter pro Gesang.</p> <p>Schliesslich, wenn Hailey und Sam auf das Finale zusteuern, vorbei an den Diner- und Highway-Americana und &uuml;ber die aufgezeichnete Geschichte hinaus, stellt sich ein apokalyptisches Artensterben ein. Flora und Fauna, von den feurigen Narzissen bis zur Pazifischen Sumpfschildkr&ouml;te - alle sind dem Untergang geweiht; Sam und Hailey nicht ausgenommen. Doch am Ende angekommen, braucht man das Buch nur umzudrehen und die Reise beginnt samt wiederbelebten Protagonisten nahezu nahtlos wieder von vorne. Die ewige amerikanische Wiederkunft, wenn man so will.</p> <h4>Im Orbit der Avantgardisten</h4> <p>Zu diesem Hybrid aus Versepos und konkretem Prosagedicht kommen einem etliche potenzielle Vorbilder in den Sinn. Die Ges&auml;nge bzw. Cantos lassen einerseits an Homer, Dante oder Pound denken; ihre diametrale Anordnung hingegen an die amerikanischen Avantgarde-Autoren Susan Howe und Raymond Federman. In &laquo;Double or Nothing&raquo;, Federmans &laquo;konkretem Roman&raquo; von 1971, und noch viel mehr beim Anblick seines Gedichts &laquo;Dada Poem for Two Face to Face&raquo;, meint man einen Aufriss f&uuml;r die textuelle Anordnung von &laquo;Only Revolutions&raquo; zu entdecken.</p> <p>Im Orbit der unverb&uuml;rgten, aber plausiblen Referenzen schwebt weiterhin Joyce' &laquo;Finnegans Wake&raquo; zusammen mit George Perecs g&auml;nzlich ohne den Vokal &laquo;e&raquo; auskommendem Roman &laquo;La disparition&raquo; (dt. &laquo;Anton Voyls Fortgang&raquo;); auch die Cut-up-Experimente von William Burroughs und Brion Gysin w&auml;ren zu nennen und nicht zuletzt Douglas Hofstadters Abhandlung &uuml;ber seltsame Schleifen (&laquo;G&ouml;del, Escher, Bach&raquo;). Diese ganzen Verweise sollen lediglich aufzeigen, dass einiges, was in &laquo;Only Revolutions&raquo; als Novum erscheinen mag, gar nicht so revolution&auml;r ist, wie der Titel es mitunter gerne h&auml;tte. Das tut dem innovativen Unternehmen indes keinesfalls Abbruch, ganz im Gegenteil: Ein Buch, das sich in eine solche avantgardistische Tradition einzureihen vermag, ist eine Seltenheit.</p> <p>Zudem engagiert Danielewski sich sp&uuml;rbar, den Roman auf die H&ouml;he der Zeit zu heben - mithilfe und eingedenk des Internets. Bereits sein Erstling kursierte noch vor der eigentlichen Publikation als &laquo;echte&raquo; Hypertext-Version im Netz, bis er schliesslich mit Pantheon einen Verlag gefunden hatte, der Vertrauen in das Buch hatte und sich ausserdem zu den publizistischen Extravaganzen bereit erkl&auml;rte, die integraler Bestandteil von Danielewskis B&uuml;chern sind: verschiedenste Typografien, mehrfarbiger Druck und grafische Gestaltung bis ins Detail. F&uuml;r seinen zweiten Roman nahm er gar die Hilfe seiner Fans in Anspruch und liess sie auf seiner offiziellen Homepage u. a. historische Daten und Automodelle auflisten, welche schliesslich auf diesem Wege Eingang in den Roman fanden. Das Arrangement der Textbl&ouml;cke w&auml;re ohne ein professionelles Layoutprogramm wohl kaum denkbar gewesen. Und dennoch steckt in alldem ein sch&ouml;nes Paradox, denn das Resultat verweigert sich einer weiteren Digitalisierung. Mit E-Book-Readern und Tabletcomputern sind Danielewskis als haptisch-intellektuelle Gesamtkunstwerke konzipierte B&uuml;cher keinesfalls kompatibel. Im Kosmos dieses Autors ist Lekt&uuml;re synonym mit Kopf- und Handarbeit zugleich.</p> <h4>Grossprojekt f&uuml;r die Zukunft</h4> <p>Und was folgt auf zwei solch denkbar seltsame B&uuml;cher, wie Danielewski sie vorgelegt hat? Die Zukunft hat er sich zumindest auf ambitionierte Weise verbaut. Im vergangenen Jahr verkaufte er die Rechte an den ersten zehn des insgesamt auf 27 B&auml;nde angelegten publizistischen Grossprojekts &laquo;The Familiar&raquo; f&uuml;r einen siebenstelligen Vorschuss. Ab 2014 soll pro Quartal ein Band erscheinen. Bisher hielt er sich in dieser Sache bedeckt und liess lediglich eine augenzwinkernde Zusammenfassung des Plots verlauten: Es handle von &laquo;einem 12-j&auml;hrigen M&auml;dchen, das ein K&auml;tzchen findet&raquo;.</p> <p>Mit Henry Darger, dem eremitischen Hausmeister aus Chicago, nach dessen Ableben man eine 15 000-seitige Saga gefunden hat, m&ouml;chte Danielewski sich jedoch nicht vergleichen. Ein solch umfangreiches Projekt, gesteht er ein, m&ouml;ge er nicht alleine stemmen. F&uuml;r die Recherche und grafische Konzeption hat er sich ein internationales Team zusammengestellt, das an einer Art Enzyklop&auml;die arbeitet, aus welcher er beim Schreiben sch&ouml;pfen kann. Was aber letztlich aus dem Projekt wird, ist ein Mysterium, so Danielewski. &laquo;Manchmal&raquo;, sagt er lachend, &laquo;frage ich mich, ob es so sein wird wie am Ende von &laquo;8 &raquo;, wenn Marcello Mastroianni auf die halbfertigen Kulissen seines Science-Fiction-Films blickt. Vielleicht wird das bei mir alles sein: ein paar Schnurrhaare der Katze, und das war's dann.&raquo;</p> <p class="fussnote">Mark Z. Danielewski: Only Revolutions. Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza. Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 360 S., Fr. 34.90. Mark Z. Danielewski: Das Haus. Aus dem Amerikanischen von Christa Schuenke. BTB-Taschenbuch, M&uuml;nchen 2009. 832 S., Fr. 27.50.Die Berliner-Festspiele-Edition Nr. 2: Mark Z. Danielewski, Only Revolutions Journals (2002-2004). Faksimile, Originaltranskript; mit einer &Uuml;bersetzung von Nobert Hummelt. M&auml;rz 2012. 52 Seiten, kostenlos im Haus der Berliner Festspiele erh&auml;ltlich.</p>   ]]></content:encoded>
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      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 06:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  «Eine Mischung aus Horror und Humor»  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2986059</link>
         <description><![CDATA[  Cindy Sherman gilt als eine der bedeutendsten lebenden Kunstschaffenden. Mit wenigen Ausnahmen inszeniert sich die K&uuml;nstlerin in ihren Fotografien selber in wechselnden Rollen. Zurzeit w&uuml;rdigt das Museum of Modern Art in New York Cindy Shermans Werk. NZZ-Redaktor Urs Steiner hat mit ihr in Z&uuml;rich gesprochen.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Cindy Sherman gilt als eine der bedeutendsten lebenden Kunstschaffenden. Mit wenigen Ausnahmen inszeniert sich die K&uuml;nstlerin in ihren Fotografien selber in wechselnden Rollen. Zurzeit w&uuml;rdigt das Museum of Modern Art in New York Cindy Shermans Werk. NZZ-Redaktor Urs Steiner hat mit ihr in Z&uuml;rich gesprochen.</b><br /><br /><p class="question">Cindy Sherman, vor unserem Gespr&auml;ch waren wir etwas besorgt, wer wohl hinter diesen Bildern von Cindy Sherman steckt. Die Bedenken waren offensichtlich umsonst. Trotzdem w&uuml;rden wir gerne wissen: Wer sind Sie?</p> <p class="answer">Ich bin eine Person wie jedermann sonst. Ich bin einfach zuf&auml;llig diese Fotografin, das ist alles.</p> <p class="question">Interviews er&ouml;ffnen die M&ouml;glichkeit, in eine bestimmte Rolle zu schl&uuml;pfen. Sie k&ouml;nnten uns irgendwas erz&auml;hlen. Eigentlich m&uuml;sste es Ihnen gefallen, interviewt zu werden.</p> <p class="answer">Nein . . .</p> <p class="question">Das tut uns leid . . .</p> <p class="answer">Ist schon gut (lacht). Das geh&ouml;rt halt dazu. Aber es ist tats&auml;chlich schade, dass ich keine Figur f&uuml;r die Interviews vorschicken kann, die so tut, als sei sie die K&uuml;nstlerin, die interviewt wird. In diesem Sinne bin ich keine so gute Schauspielerin. In Wirklichkeit bin ich wohl jemand, der versucht, ehrlich mit seinen Gef&uuml;hlen zu sein und nicht irref&uuml;hrend.</p> <p class="question">Als Sie mit Ihrer k&uuml;nstlerischen T&auml;tigkeit angefangen haben, war die Maskerade ja mehr ein Spiel als eine Strategie. Aus heutiger Sicht hingegen erkennen wir eine ziemlich pr&auml;zise Entwicklung von Figuren und Charakteren. Sehr oft stellen Sie versehrte oder verletzte Frauen dar. Haben Sie eine Art feministischen Zugang zu Ihren Themen?</p> <p class="answer">Na ja, ich arbeite eher intuitiv, denke nicht wirklich an ein Statement, das ich abgeben m&ouml;chte - und schon gar nicht an ein politisches Statement. Obwohl - ich reagiere gelegentlich auf Gef&uuml;hle, die mich als Frau in der Kunstwelt besch&auml;ftigen. Zum Beispiel hatte ich mich Mitte der achtziger Jahre aufgeregt &uuml;ber all diese m&auml;nnlichen K&uuml;nstler, diese Maler-M&auml;nner, die alle Aufmerksamkeit erhielten. Das hat mich genervt, und ich habe mich gefragt: Was hat's mit diesem M&auml;nnliche-Maler-Ding auf sich? Wahrscheinlich sind deshalb so viele Frauen in die Fotografie ausgewichen. Dieses Medium war einfach noch nicht so von den M&auml;nnern besetzt. Wir machten die Fotografie zu unserem Territorium. Und dann schuf ich eine Serie von Arbeiten, die auch meine Skepsis gegen&uuml;ber meiner Popularit&auml;t ausdr&uuml;ckte. Das inspirierte mich zum Beispiel zu diesen &laquo;Desaster&raquo;-Pieces mit Erbrochenem und so weiter. Ich stellte mir vor, wie Sammler - wenn sie dreist genug w&auml;ren - einen pickligen Hintern kaufen w&uuml;rden, um ihn &uuml;ber ihre Couch zu h&auml;ngen. Aber ich habe das nicht aufgrund einer politischen Strategie gemacht. Es war mehr Ausdruck meiner Gef&uuml;hle zu jener Zeit.</p> <p class="quote">&laquo;Ich sehe eigentlich mehr Bezug zu 'Low'&raquo;</p> <p class="question">Ihre Interpretationen weiblicher Repr&auml;sentation spielen ebenso mit der Ikonographie von Raffael oder Caravaggio wie mit jener von Magazinen wie &laquo;Playboy&raquo;. Wie sehen Sie das Verh&auml;ltnis zwischen &laquo;High&raquo; und &laquo;Low&raquo; in Ihrer Arbeit?</p> <p class="answer">Ich sehe eigentlich mehr Bezug zu &laquo;Low&raquo;. Denn ich kenne mich in der Popul&auml;rkultur schlicht besser aus, in jener Kultur, die der Mehrheit der Menschen zug&auml;nglich ist. Also eher Fernsehen, Kino, Zeitschriften, Zeitungen oder Internet als das, was wir Hochkultur nennen.</p> <p class="question">Aber die alten Meister haben Sie ja durchaus in Ihr Spiel mit einbezogen.</p> <p class="answer">Jaja, in einer einzigen Serie. Aber das war's dann auch wirklich.</p> <p class="question">Sie arbeiten allein in Ihrem Studio, Sie machen vom Make-up &uuml;ber die Kost&uuml;me bis zum B&uuml;hnenbild alles selber. Wo haben Sie das gelernt?</p> <p class="answer">Indem ich es gemacht habe, &uuml;ber die Jahre hinweg. Ich habe experimentiert, Fehler gemacht, wieder von vorne begonnen . . .</p> <p class="question">Die Metamorphose in eine Ihrer Figuren scheint eine intime Handlung zu sein, bei der Sie gerne alleine sind. Warum?</p> <p class="answer">Ich habe schon versucht, mit Models oder mit Freunden oder Familienmitgliedern zu arbeiten. Aber es schien mir, als w&uuml;rde sich der ganze Arbeitsprozess dabei in ein Spiel verwandeln. Ich hatte das Gef&uuml;hl, ich m&uuml;sse meine Modelle unterhalten. Und ich habe mich dabei ertappt, den ganzen Arbeitsprozess beschleunigen zu wollen, weil ich ihre Zeit nicht unn&ouml;tig in Anspruch nehmen wollte. Wenn ich hingegen alleine arbeite, kann ich mich ins Zeug legen, wenn n&ouml;tig bis Mitternacht. Ich kann alles nochmals und nochmals und nochmals durchgehen und muss nicht aufh&ouml;ren, wenn ich hungrig bin.</p> <p class="question">Sie vergessen sich bei der Arbeit . . .</p> <p class="answer">Ja, und ich kann experimentieren, kann machen, was ich will - auch dummes Zeug, und wenn's nicht gut herauskommt, kann ich es wegschmeissen oder einfach vom Computer l&ouml;schen.</p> <p class="question">Sie dr&uuml;cken sogar den Ausl&ouml;seknopf Ihrer Kamera selber. Wie kontrollieren Sie das Bild, das Sie aufnehmen?</p> <p class="answer">Jetzt schaue ich es mir auf dem Computer an.</p> <p class="question">Sie stellen den Bildschirm hin wie einen Spiegel?</p> <p class="answer">Nein, ich mache vielleicht zehn Aufnahmen und dann gehe ich hin und schau mir an, was herausgekommen ist und was ge&auml;ndert werden muss. Manchmal verstelle ich dann das Licht, manchmal ist es die Pose. Ich mache so lange weiter, bis ich eine Pose finde, die mir gef&auml;llt. Fr&uuml;her hingegen, als ich mit Film arbeitete, schoss ich eine, vielleicht zwei Filmrollen, zog mich um, schminkte mich ab, brachte den Film ins Labor, wartete drei Stunden, brachte den Film nach Hause, und dann dr&uuml;ckte ich die Daumen, dass alles gut herausgekommen war. Doch nicht selten waren die Bilder entweder unscharf, oder sonst etwas war schiefgelaufen, und ich musste von vorne anfangen. Es war ein langsamerer Prozess, aber eigentlich war es okay. Ich hatte sogar mehr Zeit f&uuml;r mein &uuml;briges Leben. Denn w&auml;hrend ich auf den Film wartete, konnte ich einkaufen, w&auml;hrend ich heute ohne Pause arbeite und letztlich mehr Zeit brauche.</p> <p class="question">Trotz solchen Erfahrungen mit der Elektronik - sehen Sie sich mehr als Malerin, die auf Haut malt, oder gar als Bildhauerin ohne Lehm? Oder sind Sie doch Fotografin?</p> <p class="answer">Das ist jetzt die Frage! Ich sehe mich tats&auml;chlich eher als eine Malerin auf Haut. Auf jeden Fall bin ich keine Fotografin im herk&ouml;mmlichen Sinn. Es ist vermutlich n&auml;her bei der Malerei als bei der Fotografie. Ich kenne viele Maler, die in den Spiegel schauen, um einen bestimmten Ausdruck einzufangen. Und niemand w&uuml;rde von ihnen sagen: Der ist einfach ein Selbstportr&auml;tist oder ein Narziss! Ich sage das, weil ich oft daf&uuml;r kritisiert werde, dass ich selber in all meinen Bildern auftrete. Aber das geh&ouml;rt einfach zu dem, was ich tue - wenigstens bis jetzt. Nach 35 Jahren Posieren versuche ich jetzt herauszufinden, was ich als N&auml;chstes machen werde.</p> <p class="question">Ist es falsch, wenn man Ihr fotografisches Werk als Dokumentation einer Performance sieht?</p> <p class="answer">Es ist nicht falsch, es ist sogar nahe an dem, wie ich es manchmal empfinde. Obwohl - seit ich angefangen habe, Hintergr&uuml;nde digital hinzuzuf&uuml;gen, ist es weniger eine Performance als fr&uuml;her, als ich eine ganze mise en sc&egrave;ne kreierte, mit Vorh&auml;ngen und richtigen Objekten.</p> <p class="question">Wir stellen uns vor, wie Sie in Ihrem Studio ganz f&uuml;r sich alleine auftreten. Was wir danach im Museum sehen, ist ja nur das Ergebnis dieses Prozesses. Die Frage lautet somit: Was ist f&uuml;r Sie das Werk - der Entstehungsprozess oder das Resultat?</p> <p class="answer">Es ist schon das fertige Werk, das f&uuml;r mich ausschlaggebend ist. Der Entstehungsprozess macht mir einfach Spass. Das eigentliche Werk wird ja noch ver&auml;ndert durch den Massstab, den Rahmen - und die j&uuml;ngeren Bilder werden zus&auml;tzlich mit dem Photoshop bearbeitet.</p> <p class="quote">&laquo;Manche Leute nehmen meine Arbeiten allzu ernst - aber das ist falsch.&raquo;</p> <p class="question">Es ist immer etwas K&uuml;nstliches im theatralischen Sinn an Ihren Arbeiten. Wie wichtig ist Ihnen diese K&uuml;nstlichkeit?</p> <p class="answer">Es ist wichtig, dass die Leute merken, dass es k&uuml;nstlich ist. Ich versuche, das nicht zu kaschieren, indem ich die Dinge allzu realistisch darstelle. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen um meine k&uuml;nstlichen Hintergr&uuml;nde. Es ist offensichtlich, dass die Figuren nicht real in diesem Hintergrund stehen. Sowohl in den &laquo;Fake Body Parts&raquo; als auch in den &laquo;History Portraits&raquo; ist es klar, dass es k&uuml;nstliche K&ouml;rperteile sind, die man sieht. Es ist wichtig f&uuml;r mich, weil man auf den ersten Blick sieht, dass ich mich auf etwas Schreckliches oder etwas Groteskes beziehe. Oder auf etwas grotesk Lustiges! Aber ich versuche keinen realen Horror aus der wirklichen Welt zu reproduzieren, denn das sehen wir zur Gen&uuml;ge in den Medien und in der realistischen Fotografie. Manche Leute nehmen meine Arbeiten allzu ernst - aber das ist falsch. Ich sehe mich selber und alles, was ich gemacht habe, als eine Mischung aus Horror und Humor. Man kann es mit meinem Faible f&uuml;r Horrorfilme vergleichen. Ich schaue sie mir an, und wenn sie gut sind, sind sie schreckenerregend, aber gleichzeitig kichert man &uuml;ber die Tatsache, dass einen das erschreckt.</p> <p class="question">Anderseits k&ouml;nnte man Ihr Werk auch mit jenem des kanadischen Fotografen Jeff Wall vergleichen. Sie beide kreieren k&uuml;nstliche Szenerien, die Sie fotografisch dokumentieren. Sind Sie Seelenverwandte?</p> <p class="answer">Ja, wobei bei mir die Inszenierung offensichtlicher ist. Aber es kommt nat&uuml;rlich darauf an, welche Bilder Sie vergleichen.</p> <p class="question">Es gibt eine bestimmte Tradition von K&uuml;nstlern, die ihre eigene Person f&uuml;r die eigene Arbeit benutzen, K&uuml;nstlerinnen wie Pipilotti Rist oder Marina Abramovi&#263;, von den Performern wie Madonna oder Lady Gaga abgesehen. Wo liegen Ihre Affinit&auml;ten?</p> <p class="answer">Ganz bestimmt f&uuml;hle ich mich Pipilotti Rist oder Marina Abramovi&#263; viel n&auml;her. Lady Gaga oder Madonna arbeiten auf einem komplett anderen Level von Performance.</p> <p class="question">Woher nehmen Sie die Inspiration f&uuml;r Ihre Arbeit?</p> <p class="answer">Nun, zu den Society-Bildern wurde ich inspiriert durch ein Video, das ich online gesehen habe. Die Schauspielerin einer Soap-Opera aus den Achtzigern im amerikanischen Fernsehen - ich hatte nie von ihr geh&ouml;rt - machte ein wirklich verbl&uuml;ffendes Video, in dem sie vorf&uuml;hrt, wie man sooo fabelhaft werden k&ouml;nne wie sie (gestikuliert). Auch Siiie k&ouml;nnen aussehen wie ich - und sie gibt darin all diese Make-up-Tipps - und sie ist sooo over the top, so &uuml;bertrieben, mit breiten Schultern, verr&uuml;ckten H&uuml;ten und Ohrringen - total hin&uuml;ber. Das Video beginnt mit ihr und ihrem Wohnzimmer. Sie hat diesen gigantischen Salon, alles weiss und gl&auml;nzend. In dieses Zimmer tritt sie ein und macht: &laquo;Hellooo, alle zusammen!&raquo; Und hinter ihrem R&uuml;cken h&auml;ngt eine gewaltige Fotografie von ihr. Als ich das gesehen habe, habe ich gedacht: Manche Leute sind so selbstverliebt, wenn sie anfangen, Erfolg oder viel Geld zu haben, dass sie gigantische Fotografien oder Gem&auml;lde von sich selbst in Auftrag geben. Ich dachte, das ist wirklich interessant - und so kam ich auf die Idee, solche Menschen darzustellen. Aber die Inspiration kann auch aus einem Kleidungsst&uuml;ck bestehen oder aus einem Objekt, das ich in einem Tr&ouml;delladen finde.</p> <p class="question">Sie erhalten mit dem Roswitha-Haftmann-Preis einen Kunstpreis, von dem Sie vermutlich vorher nie geh&ouml;rt hatten. Wie wichtig sind Kunstpreise f&uuml;r K&uuml;nstler, die alles erreicht haben in ihrer Karriere?</p> <p class="answer">Das ist ein ausserordentlicher Kunstpreis. Denn &uuml;blicherweise wird man mit einem St&uuml;ck Papier ausgezeichnet, das man an die Wand h&auml;ngen kann. Es gibt eine Zeremonie und ein Nachtessen, und das war's dann. Man f&uuml;hlt sich wie ein Popanz, der daf&uuml;r missbraucht wird, Aufmerksamkeit f&uuml;r die veranstaltende Organisation zu erregen. Im Fall des Haftmann-Preises kann man mindestens sagen, es ist ein sehr sch&ouml;ner Preis, denn es geht um eine substanzielle Summe Geld. Es gibt nichts Vergleichbares in der Kunstwelt.</p> <p class="question">Und es spielt wohl auch eine Rolle, wer den Preis vor Ihnen bereits erhalten hat.</p> <p class="answer">Genau. Ich f&uuml;hle mich da in einer grossartigen Gruppe von K&uuml;nstlern aufgehoben.</p> <p class="question">Was ist die Motivation hinter Ihrer Arbeit? Was h&auml;lt Sie weiterhin am Laufen?</p> <p class="answer">Ich will mich einfach nicht langweilen. Wenn ich mit einer neuen Serie anfange, muss ich f&uuml;r mich darin etwas komplett Neues entdecken k&ouml;nnen.</p> <div class="box"> <h3>Cindy Sherman</h3> <p>sru. Die 1954 geborene Cindy Sherman ist als Cynthia Morris in Huntington auf Long Island aufgewachsen. Sie war das j&uuml;ngste von f&uuml;nf Kindern eines Ingenieurs und einer Lehrerin. 1972 begann sie ein Kunststudium am Art Department der State University of New York in Buffalo. Ihre &laquo;Untitled Film Stills&raquo; aus dem Jahr 1977 galten lange Zeit als fr&uuml;heste Werke. Doch wie eine Ausstellung in Wien gezeigt hat (NZZ 4. 4. 12), experimentierte Cindy Sherman bereits zwei Jahre fr&uuml;her als Studentin mit inszenierten Fotografien. Bis zum 11. Juni pr&auml;sentiert das New Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive des Werks von Cindy Sherman. Letzte Woche konnte sie im Kunsthaus Z&uuml;rich den mit 150 000 Franken dotierten Roswitha-Haftmann-Preis entgegennehmen.</p> </div>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2986059</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 06:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Ekstase und Rausch  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2986062</link>
         <description><![CDATA[  Um 1910 wurde Deutschland von einem regelrechten El-Greco-Rausch befallen: Kunstkritiker, Historiker und K&uuml;nstler begeisterten sich gleichermassen f&uuml;r die langgliedrigen, heftig agierenden Gestalten des Malers. Die D&uuml;sseldorfer Schau &laquo;El Greco und die Moderne&raquo; rekonstruiert nun erstmals diese Faszination.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Um 1910 wurde Deutschland von einem regelrechten El-Greco-Rausch befallen: Kunstkritiker, Historiker und K&uuml;nstler begeisterten sich gleichermassen f&uuml;r die langgliedrigen, heftig agierenden Gestalten des Malers. Die D&uuml;sseldorfer Schau &laquo;El Greco und die Moderne&raquo; rekonstruiert nun erstmals diese Faszination.</b><br /><br /><p class="autor">Karin Hellwig</p> <p>Die Ausstellung &laquo;El Greco und die Moderne&raquo; im D&uuml;sseldorfer Museum Kunstpalast hat zun&auml;chst einen monografischen Anspruch. Das ist insofern eine Premiere, als man bisher in Deutschland nur gelegentlich einige wenige Gem&auml;lde El Grecos im Kontext von Ausstellungen spanischer Malerei gezeigt hat. Pr&auml;sentiert wird ein gr&ouml;sseres Konvolut von Werken des 1541 auf Kreta als Domenikos Theotokopoulos geborenen Malers aus allen Schaffensphasen: der fr&uuml;hen auf Kreta, wo er zum Meister der Ikonenmalerei ausgebildet wurde, jener ab 1568 in Venedig und Rom, wo er sich in der Figuren- und Raumgestaltung sowie im Kolorit unter dem Einfluss von Tizian, Tintoretto und Veronese weiterbildete, und schliesslich seiner Zeit in dem altkastilischen Toledo, wo er ab 1576 bis zu seinem Tod 1614 lebte und f&uuml;r einen breiten Auftraggeberkreis h&ouml;chst erfolgreich t&auml;tig war. Zu sehen sind prim&auml;r Gem&auml;lde religi&ouml;sen Inhalts, die den Hauptteil des sich auf rund 280 Werke belaufenden &OElig;uvres von El Greco bilden. Dazu kommen mehrere Portr&auml;ts sowie mit seinem &laquo;Laokoon&raquo; ein mythologisches Werk.</p> <h4>Wiederkehrende Themen</h4> <p>Mit diesem um 1614 datierten &laquo;Laokoon&raquo; aus der National Gallery in Washington wird ein Hauptwerk des Malers gezeigt. El Greco verlegt den Kampf des trojanischen Priesters und seiner S&ouml;hne gegen die von Athene als Strafe gesandten Schlangen vor die Stadtkulisse Toledos und l&auml;sst drei Zeugen daran teilnehmen. Laokoon hatte sich den Zorn der G&ouml;ttin zugezogen, weil er den Trug der Griechen mit dem Trojanischen Pferd erkannt und seine Landsleute gewarnt hatte. Wie auch die 1506 gefundene Skulptur, die als exemplum doloris galt, stellt der Maler einen H&ouml;hepunkt des Todeskampfes dar. Die Gesichter der beiden noch K&auml;mpfenden sind in h&ouml;chstem Schmerz verzerrt, die K&ouml;rper scheinen sich ein letztes Mal gegen die angreifenden Schlangen aufzub&auml;umen. El Grecos komplexe ikonographische Erfindungen werden beispielsweise in einer der drei pr&auml;sentierten Darstellungen der &laquo;Unbefleckten Empf&auml;ngnis&raquo; deutlich. Hier f&uuml;hrt der Maler zwei Traditionen zusammen: jene des apokalyptischen Weibes und jene der Immaculata, indem er den Evangelisten Johannes mit in die Szene aufnimmt. Anhand von solchen Gem&auml;lden, die mehrere Versionen des gleichen Themas zeigen, wie auch der drei Tafeln mit dem &laquo;Heiligen Franziskus im Gebet&raquo; oder der in der Ausstellung dreimal pr&auml;senten &laquo;Heiligen Familie&raquo; wird die auf seine byzantinischen Wurzeln zur&uuml;ckgef&uuml;hrte Vorliebe des K&uuml;nstlers deutlich, dieselben Themen mit nur kleinen Variationen zu wiederholen.</p> <p>Im Laufe des 20. Jahrhunderts neigte man dazu, El Greco als ein von den Zeitgenossen verkanntes Genie zu sehen, der an Astigmatismus litt und vielleicht sogar wahnsinnig war. Doch nicht zuletzt die zahlreichen Grossauftr&auml;ge und die hohen Preise, die Kirche, Adel und B&uuml;rgertum f&uuml;r seine Gem&auml;lde zahlten, sprechen gegen eine negative Bewertung seiner Kunst. In den neun Prozessen, die der Maler zeit seines Lebens mit Toledaner Auftraggebern gef&uuml;hrt hat, ging es weniger um k&uuml;nstlerische Belange als um Honorarforderungen und Steuerverweigerungen. Ein Blick auf die Quellen zeigt, dass seine Mitmenschen ihn mit seinem &uuml;beraus ausgepr&auml;gten individuellen Stil und seinem unverwechselbaren Pinselduktus als Aussenseiter wahrgenommen haben. Doch bedeutet die immer wieder als Beweis f&uuml;r eine angeblich negative Beurteilung zitierte Charakterisierung seiner Malweise durch die Traktatschreiber des 17. Jahrhunderts als &laquo;manera extravagante y capriciosa&raquo; keineswegs, dass f&uuml;r sie der Maler aus Kreta nicht zu den &laquo;famosos pintores&raquo; geh&ouml;rte. Antonio Palomino beispielsweise lobt ihn in der 1724 publizierten Vita aufs H&ouml;chste und kommentiert, El Greco habe sich ab einem bestimmten Zeitpunkt diese einzigartige Manier bewusst zugelegt, um zu vermeiden, dass seine Gem&auml;lde mit jenen Tizians verwechselt werden.</p> <p>Trotz den grossen Erfolgen zu Lebzeiten geriet El Greco zun&auml;chst in Vergessenheit und wurde erst um 1900 wieder entdeckt. Die erste Schau mit 84 seiner Gem&auml;lde war 1902 im Madrider Prado unter dem neuen Direktor Jos&eacute; de Villegas zu sehen. Noch 1881 hatte sein Vorg&auml;nger Federico de Madrazo diese als &laquo;absurde Karikaturen&raquo; und damit als nicht vorzeigew&uuml;rdig abgetan. Erst 1908 sollte Manuel Bartolom&eacute; Coss&iacute;os monumentale Monografie des Malers mit einem Werkverzeichnis erscheinen. Obwohl kaum Werke von El Greco ausserhalb der Iberischen Halbinsel zu sehen waren, entdeckte ihn das Ausland nahezu zeitgleich mit den Spaniern. Man empfand ihn als seiner Zeit voraus und modern. Bereits f&uuml;nfzig Jahre vorher (1851) war mit Vel&aacute;zquez ein anderer spanischer Meister des Siglo de Oro zun&auml;chst von dem franz&ouml;sischen Kunstkritiker Th&eacute;ophile B&uuml;rger-Thor&eacute; als &laquo;Le peintre le plus peintre qui fuit jamais&raquo; und &laquo;modern&raquo; und erst anschliessend von Eduard Manet und den Impressionisten als Vorl&auml;ufer aufgesp&uuml;rt worden.</p> <p>In Deutschland setzten sich zun&auml;chst die Kunsthistoriker Carl Justi, August L. Mayer und Hugo von Tschudi sowie der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe mit El Greco auseinander. Justi hatte die bis zu dem Zeitpunkt als Werk des Venezianer Malers Jacopo Bassano angesehene &laquo;Blindenheilung&raquo; aus der Dresdner Gem&auml;ldegalerie 1874 dem Maler aus Kreta zugeschrieben. Damit wurde dieses zu seinem ersten Werk, das in einer &ouml;ffentlichen deutschen Sammlung zu sehen war. Dazu kam 1909 eine Version der &laquo;Entkleidung Christi&raquo;, die Tschudi in Paris f&uuml;r die Alte Pinakothek in M&uuml;nchen erworben hatte. Meier-Graefe schliesslich entfachte mit seinen euphorischen &Auml;usserungen &uuml;ber den Maler in dem 1910 publizierten Tagebuch seiner zwei Jahre zuvor unternommenen spanischen Reise einen wahren El-Greco-Rausch. Ein Jahr sp&auml;ter publizierte Mayer die erste Monografie &uuml;ber den Maler in deutscher Sprache, in der 74 seiner Werke abgebildet waren.</p> <h4>Die Modernen neben El Greco</h4> <p>Die Begeisterung der deutschen und &ouml;sterreichischen K&uuml;nstler f&uuml;r El Greco basierte zun&auml;chst eher auf Berichten und Schwarz-Weiss-Abbildungen minderer Qualit&auml;t, als dass sie von Werkkenntnis getragen worden w&auml;re. Kaum einer hatte sich auf den Weg nach dem fernen Madrid und Toledo gemacht, wo fast alle Bilder des K&uuml;nstlers zu sehen waren. Das sollte sich erst im Sommer 1911 &auml;ndern, als mit der Sammlung des Budapester Marchand-Amateur Marczell von Nemes zun&auml;chst in der Alten Pinakothek in M&uuml;nchen zwischen Juni 1911 und Januar 1912 und anschliessend in der St&auml;dtischen Kunsthalle in D&uuml;sseldorf zwischen Juli 1912 und Januar 1913 jeweils zehn seiner Gem&auml;lde gezeigt wurden. Neu im Konzept dieser Ausstellung war, dass man die Werke von El Greco neben solche von Meistern der Moderne stellte. In der bayrischen Metropole hatte man dazu mit der kurz davor erworbenen &laquo;Entkleidung Christi&raquo; und dem monumentalen &laquo;Laokoon&raquo; zwei weitere Gem&auml;lde des Malers ausgestellt. F&uuml;r den &laquo;Laokoon&raquo;, der damals aus Privatbesitz zum Verkauf stand und zwischen 1910 und 1914 als Leihgabe in der Pinakothek hing, hatte Tschudi ein Vorkaufsrecht erwirkt; sein unerwarteter Tod verhinderte jedoch den Ankauf.</p> <p>Neu ist der Ansatz in der D&uuml;sseldorfer Ausstellung, eine grosse Anzahl von Werken der deutschen und &ouml;sterreichischen Modernen, darunter Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Egon Schiele, August Macke, Franz Marc, Ludwig Meidner, Max Oppenheimer, Heinrich Nauen und Wilhelm Lehmbruck, zusammen mit den Gem&auml;lden El Grecos zu zeigen. Zudem werden die Eindr&uuml;cke, die seine Werke in Gem&auml;lden der Spanier Ignacio Zuloaga und Pablo Picasso sowie der Franzosen Paul C&eacute;zanne und Robert Delaunay hinterlassen haben, anschaulich gemacht. W&auml;hrend die Modernen in den beiden grossen S&auml;len des Kunstpalasts am Ehrenhof vor hellgrauem Hintergrund h&auml;ngen, wird der Altmeister vor dunkelgrauem Hintergrund pr&auml;sentiert.</p> <h4>Metaphysisches und Geistiges</h4> <p>Die modernen K&uuml;nstler waren beeindruckt von El Grecos Formenschatz mit den extrem &uuml;berl&auml;ngten K&ouml;rpern, den exzentrischen Geb&auml;rden der damit emotional aufgew&uuml;hlt erscheinenden Figuren, der Vermeidung von Tiefenraumerzeugung, der eigenwilligen Lichtf&uuml;hrung, der kalten unnat&uuml;rlichen Farbgebung. Der damit einhergehenden Verzicht auf eine naturalistische Darstellung kam ihnen entgegen. El Grecos Bildsprache, die weder dem barocken noch dem klassizistischen Formempfinden entsprach, suggerierte ihnen Inhalte und Kategorien, die sie mit ihren eigenen Werken zu vermitteln beabsichtigten: Ekstase und Exzentrik, Metaphysisches und Geistiges, Mystik und Vision. F&uuml;r sie war der Maler aus Kreta eine Vaterfigur, ja ein Geistesverwandter, der ihre Ideen und Konzepte dreihundert Jahre vor ihnen antizipiert hatte. Dabei rezipierten die Modernen El Greco durchaus unterschiedlich. W&auml;hrend K&uuml;nstler wie Edwin Scharff seine Gem&auml;lde schlicht kopieren, lassen sich andere wie Beckmann und Oppenheimer in ihren Darstellungen der &laquo;Kreuzabnahme&raquo; von dem &uuml;berproportionalen Leib des gleichzeitig nahezu entk&ouml;rperlichten Christus und der &uuml;bersteigerten Wiedergabe seines Leidens von den Passionsszenen des Malers aus Kreta anregen. Picasso wiederum malt ein &laquo;Portr&auml;t eines Unbekannten im Stil von El Greco&raquo; und l&auml;sst die vision&auml;ren Gestalten im Hintergrund der &laquo;&Ouml;ffnung des F&uuml;nften Siegels&raquo;, das als weiteres Hauptwerk in der Ausstellung zu sehen ist, als Huren in seinem Schl&uuml;sselwerk &laquo;Demoiselles d'Avignon&raquo; auferstehen. Lehmbruck zeigt sich mit der nackten, &laquo;aufrechtstehenden, nicht enden wollenden&raquo;, von ihm als &laquo;grosser Kerl&raquo; bezeichneten Skulptur beeindruckt von den entindividualisierten, abstrakten, &laquo;irdisch entr&uuml;ckten&raquo; Gestalten in El Grecos Werk.</p> <p>Zwei Jahre vor dem 400. Todestag El Grecos wird in der D&uuml;sseldorfer Schau durch diese direkte Gegen&uuml;berstellung seiner Werke und die der Modernen die enorme Nachwirkung dieses &laquo;verfr&uuml;hten Expressionisten&raquo; nachvollziehbar.</p> <p class="fussnote">El Greco und die Moderne. Museum Kunstpalast D&uuml;sseldorf. Bis 12. August 2012. Katalog &euro; 49.80.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2986062</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Infernalisches Paradies  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984881</link>
         <description><![CDATA[  Nach einem schwungvollen Auftakt kommt am Filmfestival Cannes in diesem Jahr nur z&ouml;gerlich Feierstimmung auf. Ein w&uuml;rdiger Anw&auml;rter auf die Goldene Palme ist noch nicht in Sicht.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Nach einem schwungvollen Auftakt kommt am Filmfestival Cannes in diesem Jahr nur z&ouml;gerlich Feierstimmung auf. Ein w&uuml;rdiger Anw&auml;rter auf die Goldene Palme ist noch nicht in Sicht.</b><br /><br /><p class="autor">Susanne Ostwald</p> <p>Sie f&uuml;hle sich wie in einem leeren Haus, in dem alle Fenster offenst&uuml;nden, und nun warte sie darauf, was hereinkomme. So beantwortete die britische Regisseurin Andrea Arnold bei einem Jury-Auftritt die Frage, mit welcher Erwartung sie dem Festivalprogramm begegne. Und um im Bild zu bleiben: Inzwischen sind die ersten R&auml;ume des Hauses bezogen worden, und einige Fenster haben sich geschlossen - auch solche zu m&ouml;glichen Preisen. Nach einem gelungenen Auftakt mit Wes Andersons schr&auml;ger Pfadfinder-Romanze &laquo;Moonrise Kingdom&raquo; und einer rauschenden Premierenfeier, in deren Zuge das Kastell hoch &uuml;ber der Altstadt von Cannes zum Pfadfinderlager &laquo;Camp Ivanhoe&raquo; (das im Film vorkommt) umfunktioniert wurde, ist die Cannes-Euphorie ersten kleinen Ern&uuml;chterungen gewichen, denn der grosse Wurf l&auml;sst auf sich warten.</p> <h4>In den F&auml;ngen des grossen Bruders</h4> <p>Ein Haus, in das zu kommen zum alleinigen Lebensinhalt eines Durchschnittsitalieners wird, steht im Mittelpunkt von Matteo Garrones Mediensatire &laquo;Reality&raquo;. Es geht um das TV-Format &laquo;Grande Fratello&raquo;, an dem Luciano unbedingt teilnehmen m&ouml;chte. Doch schon w&auml;hrend der Castings (die er am Ende nicht besteht) verliert er jeglichen Bezug zur Realit&auml;t und verf&auml;llt sich steigerndem Verfolgungswahn. Es ist ein vor allem in der Kameraarbeit sorgf&auml;ltig inszenierter Film - doch kommt er mindestens zehn Jahre zu sp&auml;t, und thematisch mangelt es ihm an Biss. Eine Entt&auml;uschung ist auch der erste Spielfilm, der sich mit der letztj&auml;hrigen Revolution in &Auml;gypten besch&auml;ftigt und eine arrivierte junge Frau aus Kairo zeigt, die in der &auml;rmeren Bev&ouml;lkerung f&uuml;r die (emanzipatorischen) Ziele der Revolution wirbt, nachdem sie einen Reiter der Schergen Mubaraks kennengelernt hat. Der wohlmeinende Film &laquo;After the Battle&raquo; des &Auml;gypters Yousry Nasrallah ist schrecklich didaktisch, und angesichts der ausserdem miserablen Schauspielerleistungen hat ihm wohl nur seine hehre politische Absicht den Weg in den Wettbewerb geebnet.</p> <p>Weit mehr zu &uuml;berzeugen wusste der &Ouml;sterreicher Ulrich Seidl, obschon auch bei seinem Film &laquo;Paradies: Liebe&raquo; ein Nachgeschmack bleibt. Seine Darstellung der gegenseitigen Ausbeutung zwischen Sextouristinnen in Kenya und ihren schwarzen Gespielen ist so blossstellend, dass es an Denunziation grenzt, denn satirisch gebrochen wird das Thema nicht. Der Film ist best&uuml;rzend in seiner unerbittlichen Sichtbarmachung des Ungeheuerlichen und dem Mut zur H&auml;sslichkeit, den die hervorragende Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel beweist. Allerdings &uuml;berspannt Seidl den Bogen, und man darf sich fragen, warum es immer wieder vor allem die &ouml;sterreichischen Filmemacher sind, die in ihren Werken von gesellschaftlich-sexueller Perversion umgetrieben werden.</p> <h4>Auf dem Weg zur&uuml;ck ins Leben</h4> <p>Das heimische Filmschaffen schliesslich hatte an der Croisette seinen ersten, vielbeachteten Auftritt mit Jacques Audiards Sozialdrama &laquo;De rouille et d'os&raquo;. Marion Cotillard spielt darin eine Orca-Trainerin in einem s&uuml;dfranz&ouml;sischen Meerespark, die bei einem Unfall w&auml;hrend einer Dressur&uuml;bung beide Beine verliert. Zur&uuml;ck ins Leben hilft ihr der raubeinige Ali (Matthias Schoenaerts), der sich mit Wettk&auml;mpfen im Preisboxen &uuml;ber Wasser h&auml;lt, sich mehr schlecht als recht um seinen f&uuml;nfj&auml;hrigen Sohn k&uuml;mmert und &uuml;berhaupt ein Problem mit dem Zwischenmenschlichen hat. Audiard entwickelt die Geschichte dieses an K&ouml;rper und Seele versehrten Paares hochsensibel. Zu oft aber kippt der Film ins Kitschige, w&auml;hrend die sich zuspitzende Krise auf eine absehbare Katharsis hinausl&auml;uft. Bis zur Aufl&ouml;sung der Frage aber, wer die Palme d'or gewinnt, ist gl&uuml;cklicherweise noch Zeit.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984881</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Sat, 19 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Der Jahrhundertsänger  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984847</link>
         <description><![CDATA[  lma. Als &laquo;bedeutendsten S&auml;nger des Jahrhunderts&raquo; hat ihn der Dirigent Leonard Bernstein ger&uuml;hmt. Die Terminologie zur Charakterisierung von Dietrich Fischer-Dieskaus k&uuml;nstlerischer Lebensleistung speist sich fast ausnahmslos aus dem Wortschatz der Hagiografie.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>lma. Als &laquo;bedeutendsten S&auml;nger des Jahrhunderts&raquo; hat ihn der Dirigent Leonard Bernstein ger&uuml;hmt. Die Terminologie zur Charakterisierung von Dietrich Fischer-Dieskaus k&uuml;nstlerischer Lebensleistung speist sich fast ausnahmslos aus dem Wortschatz der Hagiografie.</b><br /><br /><p>lma. Als &laquo;bedeutendsten S&auml;nger des Jahrhunderts&raquo; hat ihn der Dirigent Leonard Bernstein ger&uuml;hmt. Die Terminologie zur Charakterisierung von Dietrich Fischer-Dieskaus k&uuml;nstlerischer Lebensleistung speist sich fast ausnahmslos aus dem Wortschatz der Hagiografie. Wie anders k&ouml;nnte dem Weltrang dieses universellen K&uuml;nstlers auch entsprochen werden. Nicht nur hat er dem Lied durch sein Wirken zu neuer Geltung verholfen, nicht nur ist er zum Inbegriff des modernen Lieds&auml;ngers geworden, auch als B&uuml;hnendarsteller, der sich nicht auf einen bestimmten Rollentyp festlegen liess, als Dirigent von ganz eigenem Format, als Lehrer, der einer neuen Generation von S&auml;ngern entscheidende Impulse zu geben vermochte, und nicht zuletzt als Buchautor von umfassender Bildung hat er h&ouml;chste Anerkennung gefunden. Wer sich einen ungef&auml;hren Begriff von der Vielseitigkeit seines musikalischen Tuns machen will, der greife zum gedruckt erschienenen Verzeichnis von Fischer-Dieskaus Tonaufnahmen, der wohl umfangreichsten Diskografie, die es je von einem S&auml;nger gegeben hat.</p> <h4>Das Lied als Zentrum</h4> <p>Am 28. Mai 1925 in Berlin geboren, begann Dietrich Fischer-Dieskau bereits mit 16 Jahren seine gesangliche Ausbildung bei Georg A. Walter. Nach vierj&auml;hriger Unterbrechung durch Kriegsdienst und -gefangenschaft setzte er sein Studium bei Hermann Weissenborn an der Berliner Musikhochschule fort. Seine S&auml;ngerkarriere begann 1947 in Badenweiler, als er ohne Probe f&uuml;r einen erkrankten Solisten im &laquo;Deutschen Requiem&raquo; von Brahms einsprang. Bald folgten erste Liederabende, 1948 gab er sein B&uuml;hnend&eacute;but als Posa in Verdis &laquo;Don Carlo&raquo; an der St&auml;dtischen Oper Berlin. Nebst Berlin wurden bald M&uuml;nchen und Wien Zentren von Fischer-Dieskaus Opernauftritten.</p> <p>Daneben f&uuml;hrten ihn ab 1949 Engagements als Lied-, Konzert- und Operns&auml;nger an die bedeutenden europ&auml;ischen Opernh&auml;user, zu den internationalen Festspielen in Salzburg, Bayreuth, Glyndebourne, Edinburg, Luzern und Schwetzingen und auf die wichtigen Konzertpodien der Welt. In der Oper entwickelte sich Fischer-Dieskaus Repertoire schnell von lyrischen Partien wie Posa und Wolfram hin zu dramatischeren Rollen wie Renato (&laquo;Un ballo in maschera&raquo;) und Jochanaan (&laquo;Salome&raquo;), ohne dass er dabei Fachgrenzen oder Vorlieben kannte. Insgesamt hat er auf der B&uuml;hne, im Konzertsaal und im Tonstudio weit &uuml;ber 100 Opernpartien verk&ouml;rpert.</p> <p>Auch der musikalischen Moderne war Fischer-Dieskau gewogen. Zu den Werken, deren Urauff&uuml;hrungen er massgeblich mitgetragen hat, z&auml;hlen Opern wie Hans-Werner Henzes &laquo;Elegie f&uuml;r junge Liebende&raquo; (1961 in Schwetzingen) und Aribert Reimanns &laquo;Lear&raquo; (1978 in M&uuml;nchen), auch Oratorien wie Benjamin Brittens &laquo;War Requiem&raquo; (1962 in Coventry) und Henzes &laquo;Das Floss der Medusa&raquo; (1968 in Hamburg).</p> <p>Der wirkungsgeschichtlich wichtigste Schwerpunkt in Fischer-Dieskaus S&auml;ngerkarriere sowohl auf dem Konzertpodium als auch auf Tontr&auml;gern ist von Anfang an der Liedgesang gewesen. Seine beinahe enzyklop&auml;dische Erschliessung vor allem des deutschsprachigen Kunstlieds ist in grossem Umfang auf Schallplatte dokumentiert, darunter komplette oder nahezu komplette Editionen des Liedschaffens von Schubert, Schumann, Brahms, Wolf, Strauss und anderen Meistern.</p> <p>Fischer-Dieskaus ausserordentlicher Rang als Lieds&auml;nger regte Komponisten wie Karl Amadeus Hartmann, Hans Werner Henze, Peter Ruzicka oder Aribert Reimann zu eigens f&uuml;r ihn konzipierten und von ihm uraufgef&uuml;hrten Werken an. Zeugnis seines umfassenden Bem&uuml;hens um die Gattung ist das von ihm herausgegebene und kommentierte Handbuch &laquo;Texte deutscher Lieder&raquo; (1968), das erste von zahlreichen B&uuml;chern zu musikalischen Themen. In ihrer Mehrheit waren diese Publikationen einzelnen Komponisten gewidmet; so hat er etwa &uuml;ber Robert Schumann, Johann Friedrich Reichardt, Claude Debussy, Carl Friedrich Zelter und Hugo Wolf geschrieben.</p> <p>Seit 1973 trat Fischer-Dieskau auch als Dirigent in Erscheinung, erstmals als Einspringer f&uuml;r den erkrankten Otto Klemperer bei Schallplattenaufnahmen mit dem New Philharmonia Orchestra in London. Zahlreiche Konzertdirigate mit der Camerata Academica Salzburg, dem Scottish National Orchestra und dem English Chamber Orchestra sowie anderen Klangk&ouml;rpern folgten. 1983 begann Fischer-Dieskau mit seiner Lehrt&auml;tigkeit an der Hochschule der K&uuml;nste in Berlin, wo er eine Meisterklasse f&uuml;r Gesang &uuml;bernahm. Gleichzeitig zog er sich von der Opernb&uuml;hne zur&uuml;ck, f&uuml;hrte aber sein Wirken im Konzertsaal weiter. Ab 1992 trat er h&auml;ufig auch als Rezitator auf.</p> <h4>Unverwechselbares Timbre</h4> <p>Nat&uuml;rlich ist auch Kritik laut geworden. Dietrich Fischer-Dieskau wurde vorgeworfen, seinem Vortrag mangle es an Nat&uuml;rlichkeit, Klangsinnlichkeit und Spontaneit&auml;t - und das aufgrund einer nach aussen gewandten intellektuellen, ja sogar didaktisch-demonstrativen Haltung, die sich nicht zuletzt in einer zugespitzten Diktion &auml;usserte. Das Lied war bei ihm Sprache in Musik, nicht Melodie zu einem Text.</p> <p>Keine Anzeichen hierf&uuml;r zeigen die fr&uuml;hen Tondokumente des S&auml;ngers, in denen die Qualit&auml;ten seiner Stimme beinahe uneingeschr&auml;nkt zur Geltung kommen: ein unverwechselbares lyrisches Baritontimbre, das vom weichen Kopfstimme-Klang dominiert ist, die geschmeidige F&uuml;hrbarkeit der Stimme auch bei geringsten dynamischen Graden. Schon fr&uuml;h besass er zudem die F&auml;higkeit, scheinbar Altbekanntes durch seine Vortragskunst und Ausdrucksphantasie in neuem Licht erscheinen zu lassen. Beschr&auml;nkungen der Stimme wie die geringere Belastbarkeit im Forte und ihr wenig metallisch-tragf&auml;higer Klang in der hohen Lage traten erst dann auff&auml;llig hervor, als er sich immer mehr und immer h&auml;ufiger (zu) dramatischen Aufgaben wie dem Sachs in Wagners &laquo;Meistersingern&raquo; widmete. Nicht zuletzt dank der singul&auml;ren Weite und Vielfalt seines Wirkens z&auml;hlt er zu den &uuml;berragenden, wirkungsreichsten Musikerpers&ouml;nlichkeiten seiner Zeit. Am 18. Mai ist Dietrich Fischer-Dieskau in Berg bei Starnberg im Alter von 86 Jahren gestorben.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984847</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Fri, 18 May 2012 15:36:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  «Rodi» führte selber Regie  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984816</link>
         <description><![CDATA[  Mit einer Gedenkfeier in der Z&uuml;rcher Kreuz-Kirche haben am Freitag Weggef&auml;hrten, Prominente und langj&auml;hrige Zuschauer vom Volksschauspieler Walter Roderer Abschied genommen. Den Ablauf der Feier hatte er selber bis ins letzte Detail geplant.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Mit einer Gedenkfeier in der Z&uuml;rcher Kreuz-Kirche haben am Freitag Weggef&auml;hrten, Prominente und langj&auml;hrige Zuschauer vom Volksschauspieler Walter Roderer Abschied genommen. Den Ablauf der Feier hatte er selber bis ins letzte Detail geplant.</b><br /><br />F&uuml;r Roderers langj&auml;hrigen Manager Freddy Burger war die Gedenkfeier der beste Beweis daf&uuml;r, dass der Schauspieler ein Perfektionist und &laquo;T&ouml;pflischiisser&raquo; war. Bereits vor einem halben Jahr habe er ihm bei einem Mittagessen den gesamten Ablauf vorgelegt. &laquo;Nichts sollte dem Zufall &uuml;berlassen werden&raquo;, sagte Burger. Auch die Todesanzeige mit dem Hinweis auf die Gedenkfeier schrieb Roderer selbst. Etwas Pomp&ouml;ses oder allzu Aufwendiges wusste er so wirksam zu verhindern. Passend dazu f&uuml;llten am Freitag denn auch nicht Prominente die Bankreihen, sondern viele, die ihn lediglich als &laquo;Mustergatten&raquo; oder &laquo;Buchhalter N&ouml;tzli&raquo; kennengelernt hatten.<br /> <br /> Zwar waren mit Bauchredner Urs Kliby, Musiker Pepe Lienhard, Country-Musikerin Suzanne Klee und Kabarettist Claudio Zuccholini durchaus einige Prominente anwesend, sie waren aber deutlich in der Minderheit.<br /> <br /> <strong>Die Witwe verlas seinen Abschiedsgruss</strong><br /> Um auch den Inhalt der Hauptrede bestimmen zu k&ouml;nnen, schrieb Roderer sie gleich selber. Vorgelesen wurde der Text von seiner Witwe und Grossnichte Anina Stancu (31), die er vor wenigen Jahren heimlich geheiratet hatte. Sie betrat die Kirche erst kurz vor Beginn durch den Nebeneingang und wahrte sichtbar Distanz zur Trauergemeinde.<br /> <br /> Roderer schrieb in seinem Abschiedstext, dass er seinen ganz pers&ouml;nlichen Frieden gefunden habe. Er m&uuml;sse sich nicht mehr mit m&uuml;hsamen S&auml;chelchen abm&uuml;hen - wie Schuhe anziehen, einkaufen gehen, die Steuererkl&auml;rung ausf&uuml;llen oder die Post holen. Er k&ouml;nne jetzt zur&uuml;ckschauen auf ein interessantes und wundersch&ouml;nes Leben.<br /> <br /> Er schrieb von der langen Durststrecke am Anfang seiner Karriere, von seinen Selbstmordgedanken, weil er auf keinen gr&uuml;nen Zweig kam und von seinen beiden ersten Ehefrauen Lenke Mekkey und Ruth Jecklin, die beide an Krebs starben.<br /> <br /> <strong>Roderer organisierte Ap&eacute;ro</strong><br /> &laquo;Liebe Freunde&raquo;, schrieb er zum Schluss an Freunde und Publikum gerichtet. &laquo;Ich sage euch jetzt nicht Adieu sondern auf Wiedersehen. Daran glaube ich.&raquo; Stancu, die den Text vorlas und immerhin den Hauptteil seines Verm&ouml;gens erbt, wurde in Roderers Lebenslauf mit keinem Wort erw&auml;hnt.<br /> <br /> Roderer liess im Anschluss an die Gedenkfeier einen Ap&eacute;ro f&uuml;r alle Anwesenden organisieren. Damit sollten Weggef&auml;hrten, Freunde und Zuschauer noch einmal die Gelegenheit erhalten, Anekdoten &uuml;ber den bekennenden B&uuml;nzli der Nation auszutauschen.<br /> <br /> Die Beerdigung fand bereits am Montag auf dem Friedhof Illnau- Effretikon statt. Am Grab waren nur engste Familienmitglieder zugelassen. Roderer hatte gew&uuml;nscht, dass er neben seiner ersten Frau Lenke die letzte Ruhe finden sollte. Er starb am 8. Mai im Alter von 91 Jahren zuhause in Illnau. (sda)  ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984816</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Fri, 18 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Die Inszenierung einer Stimme  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984402</link>
         <description><![CDATA[  Bekannt geworden ist sie j&uuml;ngst als Duettpartnerin des Australiers Gotye im Song &laquo;Somebody That I Used To Know&raquo;. Doch das eigene Deb&uuml;talbum &laquo;Vows&raquo;, das die S&auml;ngerin Kimbra aus Neuseeland nun in den USA und in Europa ver&ouml;ffentlicht, ist bunter, fulminanter.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Bekannt geworden ist sie j&uuml;ngst als Duettpartnerin des Australiers Gotye im Song &laquo;Somebody That I Used To Know&raquo;. Doch das eigene Deb&uuml;talbum &laquo;Vows&raquo;, das die S&auml;ngerin Kimbra aus Neuseeland nun in den USA und in Europa ver&ouml;ffentlicht, ist bunter, fulminanter.</b><br /><br /><p class="autor">Ueli Bernays</p> <p>Am Anfang war die Stimme. Im fr&uuml;hen M&auml;dchenalter schon habe sich bei ihr eben alles ums Singen gedreht, erz&auml;hlt Kimbra. Nein, die Eltern seien Mediziner, nicht Musiker. Aber der Musik nicht abgeneigt. Und so haben sie dem T&ouml;chterlein irgendwann auch eine Gitarre in die Hand gedr&uuml;ckt. Seither f&uuml;hlt sich Kimbra Johnson als Profi. Mit vierzehn gab sie erste Konzerte. Und mit siebzehn Jahren wurde das Ausnahmetalent aus Neuseeland von einem Manager in die australische Musikmetropole Melbourne gebracht; man unterzeichnete einen Vertrag f&uuml;r ein erstes Album.</p> <h4>Stilistisch vielseitig, technisch versiert</h4> <p>Dreieinhalb Jahre sollte es noch dauern, bis letztes Jahr schliesslich das Deb&uuml;t &laquo;Vows&raquo; erschien; zun&auml;chst nur in Australien. In dieser Zeit habe sie sich nicht nur mit verschiedensten Stilen auseinandergesetzt, erz&auml;hlt Kimbra, sondern auch mit diversen elektronischen Ger&auml;ten. Nun schickt sie sich an, mit 22 Jahren die USA, Europa, die ganze Welt zu erobern. Mit kr&auml;ftiger Hilfe der Br&uuml;der Warner: Obwohl Kimbra schon fr&uuml;h mit ersten Songs und sp&auml;ter mit elaboriert-schrillen Clips im Internet Pr&auml;senz markierte, scheint ihre internationale Karriere vorab durch herk&ouml;mmliche Promotionsmittel der Musikindustrie lanciert zu werden.</p> <p>Man traut Kimbra den Durchbruch zu. Denn die zierliche, fast zerbrechliche Musikerin, die Gott aber mit grossen Lippen und einer kr&auml;ftigen Stimme gesegnet hat, zeichnet sich durch seltene Geschmeidigkeit aus. Kimbra sang als M&auml;dchen in einem Jazzchor. Sie habe damals Miles Davis ebenso gemocht wie Mariah Carey. Sp&auml;ter tingelte sie als Singer/Songwriterin herum und entdeckte ihre Liebe zum Neo-Soul eines D'Angelo oder Bilal. Weil sie in den gebirgigen Weiten Neuseelands kaum durch Trends wie Euro-Dance oder Retro-Soul gest&ouml;rt wurde, konnte sie fr&uuml;h eigene klangliche Vorlieben und Ideen entwickeln.</p> <p>Heute pr&auml;sentiert sie eine bunte Song-Palette, die sich vom Mainstream ebenso abhebt wie von Nerd-Mixturen oder &laquo;Arty-Farty&raquo;. Das Deb&uuml;talbum, das jetzt in zwei je verschiedenen Fassungen auch in Amerika und Europa erscheint, &uuml;berzeugt durch eing&auml;ngigen, fulminant pr&auml;sentierten Pop aus der Peripherie von Soul und Disco, House und Electro. Kimbra hat ihre Songs geschrieben und mitproduziert. Dabei liess sie sich aber von einigen bew&auml;hrten Produzenten unterst&uuml;tzen: Zum Beispiel vom Australier M-Phazes, der f&uuml;r die amerikanische R'n'B-S&auml;ngerin Amerie oder den amerikanischen Rapper Pharoahe Monch arbeitete. Mit von der Partie war auch Fran&ccedil;ois T&eacute;taz, der Produzent des Australiers Gotye. Kimbra kann derzeit vom internationalen Erfolg dieses S&auml;ngers profitieren - war sie doch seine Duettpartnerin in &laquo;Somebody That I Used To Know&raquo;, einem Lied, das Anfang Jahr zum internationalen Hit avancierte.</p> <h4>Geschichtete Vocals</h4> <p>Eine Stimme, zwei Mikrofone, Loop-Pads und viel Charme: So setzte sich Kimbra k&uuml;rzlich in Z&uuml;rich w&auml;hrend eines sogenannten Showcase solistisch in Szene. Durch die Mikrofone speiste sie kurze Melodien in die Loop-Maschine ein, um auf die harmonisch geschichteten Vocals schrille Seufzer zu setzen, die in b&uuml;ndige Gesangsmelodien ausliefen. Diese im Prinzip simple, im Live-Konzert aber ziemlich anspruchsvolle Methode, in der Kimbra durchaus eine gewisse Virtuosit&auml;t bewies, ist bezeichnend f&uuml;r ihre ganze musikalische Entwicklung. Sie habe als S&auml;ngerin n&auml;mlich immer schon von pomp&ouml;sen Arrangements getr&auml;umt - mit Streichern und Bl&auml;sern. Dank Sequenzer sei es ihr pl&ouml;tzlich m&ouml;glich geworden, Saxofon- und Streichermotive, die sie sich im Kopf ausgemalt habe, mit der eigenen Stimme zu intonieren, zu loopen und harmonisch zu schichten.</p> <p>Die Produktion des Deb&uuml;talbums &laquo;Vows&raquo; ist durch Arrangements gepr&auml;gt, in denen verschiedene Facetten und Register des Gesangs &auml;hnlich aufgef&auml;chert, klanglich manipuliert und &uuml;bereinandergelegt werden. Doch sind die Vocals hier &uuml;berdies tats&auml;chlich in &uuml;ppige, ja bombastische Streicher- und Bl&auml;sers&auml;tze eingebettet. Weil sich die Instrumentalbegleitung aber erstaunlich organisch an die Stimme anschmiegt und zumeist transparent bleibt, wirken die St&uuml;cke kaum tranig oder schwerf&auml;llig. Hingegen haben sie dramatischen Charakter; und sie entwickeln einen dynamischen Sog. Kimbra presst den Gesang aus der Seele, sie forciert oft die Expressivit&auml;t und kontrolliert dann das Timbre aber bis in die fallende Atemkurve hinein, wo sich eine vibrierende Emotion pl&ouml;tzlich in blossem Hauchen und Fl&uuml;stern verliert.</p> <p>Kimbra betont die Ankl&auml;nge an Filmmusik. Zur Vorbereitung habe sie sich wiederholt Soundtracks von Disney- und Tarantino-Filmen angeh&ouml;rt. Zwar gehe es ihr auf &laquo;Vows&raquo; nun nicht um Rollenspiele, um Schauspielerei, sondern doch eigentlich um sogenannt wahre Gef&uuml;hle. Nat&uuml;rlich habe sie diese &uuml;bersteigert - im Sinne von Power und Spannung.</p> <p>Tats&auml;chlich vermittelt das Repertoire in seinen stilistischen Kehren den Eindruck einer Szenenfolge. Und in jedem klanglichen Kontext zeigen sich wieder neue Timbres ihres Gesangs. &laquo;Vows&raquo; ist aber kein Konzeptalbum. Vielmehr unterstreichen die verschiedenen Songs Kimbras Vielfalt. Vielleicht k&ouml;nnte man ihr sogar einen gewissen Mangel an Spezialisierung vorwerfen, mitunter h&auml;tte man die Songs wohl etwas schlanker, schl&uuml;ssiger gestalten k&ouml;nnen. Aber Kimbras farbenfrohe Platte vermittelt den Eindruck von viel Frische und Elan. Da stecken &Uuml;bermut und Spielerei drin, die sonst aus Major-Produktionen zumeist weggeputzt werden. Und sooft man sich &laquo;Vows&raquo; zu Gem&uuml;te f&uuml;hrt, h&ouml;rt man neue Details im Klangbild: da eine pumpende Orgel, dort ein Xylofon; zuweilen scheint der Sound zum Bersten voll, dann wiederum implodiert er, reduziert auf ein trockenes Hi-Hat, eine verlassene Stimme.</p> <h4>Prog-Pop</h4> <p>Wer sich heute Kimbras Songs anh&ouml;rt - das furiose &laquo;Settle Down&raquo; oder &laquo;Cameo Lover&raquo;, das zwischen federndem Electro und Musical-Bombast variiert, den nebul&ouml;sen Synthi-Pop von &laquo;Old Flame&raquo;, den mitreissenden Groove von &laquo;Good Intent&raquo;, die Hip-Hop-Anleihen in &laquo;Call Me&raquo; oder die melancholisch-elegante Coverversion von Nina Simones &laquo;Plain Gold Ring&raquo; - muss allerdings wissen: Die S&auml;ngerin ist nicht stehengeblieben. Unterdessen habe sie sich von Bands wie Nine Inch Nails oder Dirty Projectors inspirieren lassen, erz&auml;hlt sie. Sie arbeite mit Musikern des Post-Rock-Duos Mars Volta zusammen. Oder mit dem Eminem-Produzenten Mike Elizondo. Bereits habe sie neue, rockigere Songs produziert. &laquo;Prog-Pop&raquo; nennt sie ihren neuen Sound.</p> <p class="fussnote">Kimbra: Vows (Warner). - Kimbra tritt am 14. Juli am Montreux Jazzfestival auf.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984402</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Fri, 18 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Der Indianerhäuptling im Gemüsegarten  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984403</link>
         <description><![CDATA[  Ein Sommerdialog will Handkes neues St&uuml;ck sein. Bondy zeigt, was darin ungesagt bleibt: Bilder von widerspenstiger Harmonie. Zwei phantastische Schauspieler geben ihnen dynamisches Leben.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Ein Sommerdialog will Handkes neues St&uuml;ck sein. Bondy zeigt, was darin ungesagt bleibt: Bilder von widerspenstiger Harmonie. Zwei phantastische Schauspieler geben ihnen dynamisches Leben.</b><br /><br /><p class="autor">Barbara Villiger Heilig</p> <p>&laquo;Die sch&ouml;nen Tage in Aranjuez / Sind nun zu Ende&raquo;, so beginnt Schillers &laquo;Don Karlos&raquo;, doch den haben D&ouml;rte Lyssewski und Jens Harzer wahrscheinlich gerade hinter sich - als Eboli und Carlos? Als Elisabeth und Posa? Sie tr&auml;gt noch das hochgeschlossene schwarze Kleid des spanischen Hofzeremoniells, wenn sie, am Tisch hinter dem geschlossenen roten Theatervorhang sitzend, eine Entspannungszigarette raucht; ihm h&auml;ngt die weisse Halskrause bereits auf die entbl&ouml;sste Brust hinab. Im Lauf der n&auml;chsten eindreiviertel Stunden wird die &laquo;Handlung&raquo; vor allem darin bestehen, wie sich die zwei Schauspieler umziehen. Sie sch&auml;lt sich aus dem Kost&uuml;m wie aus einer Verpuppung und flattert fortan im blassgr&uuml;nen Dessous-Kleid, das den K&ouml;rper konturiert statt verh&uuml;llt, um ihn herum; er verwandelt sich sukzessive vom halbnackten Clown in eine Zivilperson mit Hemd und Krawatte. Wobei er unterwegs dorthin Abstecher macht, wenn er sich zum Beispiel in K&uuml;nstlerpose, Hut auf dem Kopf, Pinsel in der Hand, vor den Paravent stellt, als sei die Malerei drauf sein Werk.</p> <p>Sie bildet eine Landschaft ab ganz wie in S&uuml;dk&auml;rnten, der Herkunftsgegend Peter Handkes, dessen neustes St&uuml;ck, &laquo;Die sch&ouml;nen Tage von Aranjuez&raquo;, nun bei den Wiener Festwochen am Akademietheater uraufgef&uuml;hrt wurde. Die B&uuml;hne von Amina Handke, der Tochter des Autors, zeigt Theater im Theater: das, was bleibt nach einer Auff&uuml;hrung, gesammelte Requisiten, gel&ouml;schte Scheinwerfer, gestapelte St&uuml;hle. Ein Leuchtkasten befiehlt &laquo;Bitte Ruhe&raquo;. Die Inszenierung selbst indessen, ein Wunderding an Verdichtung, zeigt, was da ist, noch bevor Theater Theater wird: menschliche Substanz zwischen den Zeilen. Regisseur ist Luc Bondy, der damit seine langj&auml;hrige Festival-Intendanz beendet und zugleich dem &ouml;sterreichischen Dichter ein Denkmal ihrer Freundschaft setzt. Er tut es, indem er ihm lachend auf die F&uuml;sse tritt.</p> <p>Ein Mann und eine Frau, oder vielmehr: die Frau und der Mann f&uuml;hren den &laquo;Sommerdialog&raquo;, mit dem Handke zur&uuml;ckkehrt zum Grunds&auml;tzlichen, nachdem er letztes Jahr die eigene Familiengeschichte b&uuml;hnentauglich gemacht und daf&uuml;r viel Applaus geerntet hatte (&laquo;Immer noch Sturm&raquo;). Jetzt ein Setting von zwei Personen, nicht mehr jung, noch nicht alt, die unter Beachtung gewisser Rede-Regeln das Spiel vom Fragen (er) und Antworten (sie) spielen. Thema: die Liebe. Bei Handke erscheint sie naturgem&auml;ss als &laquo;der Schatten einer Maulbeerblattspitze auf der Erde&raquo;, wobei der Schatten &laquo;einzigartig&raquo; ist und &laquo;wie kein Schatten sonst den Sommer bezeichnet&raquo;, besser &laquo;den Hochsommer&raquo;, noch besser &laquo;das Herz des Sommers&raquo;.</p> <p>Alles gl&auml;nzt hochpoetisch, und sei es das &laquo;reinweisse&raquo; Fleisch der Fr&uuml;h&auml;pfel, die als bedeutungsgeladenes Inbild verlorene Erinnerungsparadiese heraufbeschw&ouml;ren. Eva erz&auml;hlt Adam vom ersten Sex - eben, unterm Maulbeerbaum - nicht als S&uuml;ndenfall, sondern als Erf&uuml;llung des Willens Gottes. Das nimmt auch Handke nicht so ganz ernst. Aber trotz gelegentlichem Augenzwinkern klingt die altbekannte Melodie seines Hohelieds weniger nach Theaterst&uuml;ck als nach zweistimmiger Rhapsodie.</p> <p>Indessen: Diese ziemlich unspielbar wirkende Vorlage verkauft Bondy kurzerhand als gefundenes Schauspielerfressen. Und tats&auml;chlich st&uuml;rzen sich die so zierliche wie energiegeladene D&ouml;rte Lyssewski und der lange, schlaksige Jens Harzer, ein Handke-Double bzw. Rollenportr&auml;t des Dichters als jungen Mannes, mit unb&auml;ndiger Lust in die Sache. Zwar halten sie sich (abgesehen von K&uuml;rzungen) brav an den Text, doch &uuml;ber- oder unterspielen sie ihn mit Haltungen, Gesten, Tonf&auml;llen, welche eine eigene Story erz&auml;hlen. Handkes Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Paars an sich katapultieren sie in die Bahnen eigenwillig-individueller Charaktere.</p> <p>Ihr Dialog, der in Wahrheit aus Monologen besteht, m&auml;andert erinnerter Vergangenheit entlang: von der Saline mit den Maulbeeren usw. zu den Apfelb&auml;umen und schliesslich nach Aranjuez - wo er, der Mann, durch Schlossanlagen und L&auml;ndereien offensichtlich Handkes Fussstapfen folgte - oder aber zur&uuml;ck in die wilden Zeiten der befreiten Weiblichkeit, als sie, die Frau, sich haltlos dem &laquo;M&auml;nnergeschlecht&raquo; hingab, wie sie pathetisch verblasen daherfaselt, w&auml;hrend er, pl&ouml;tzlich sehr aufgebracht, despektierlich von ihren &laquo;Fick- und V&ouml;geljahren&raquo; spricht, um sich dann, nach einem grobianisch-aggressiven Ausbruch, der nebst der speziell Handkeschen Idiosynkrasie eine allgemein m&auml;nnliche Eifersucht &uuml;berdeckt, in seine Umkleide-Ecke zu verkriechen: Mittels Schuhpolitur gibt er sich eine All&uuml;re der Unnahbarkeit.</p> <p>So findet Bondy einen verhaltenspsychologischen Subtext, der von vorsichtiger Ann&auml;herung weiss - und bei aller Leichtigkeit klar mehr Gewicht erh&auml;lt als Handkes auch in der theatralischen Ironisierung noch reichlich schwerf&auml;llige Grossbuchstabenpoesie. Wenn sich D&ouml;rte Lyssewski philosophierend versteigt in die Tiefe der Stille oder die H&ouml;he des Sommers, kann Jens Harzer ihr fasziniert, wiewohl offensichtlich mehr Auge als Ohr, folgen; wenn sie sich warm-, ja heissredet und gleichsam eintaucht in ein fr&uuml;heres Ich, wenn sie beim Erz&auml;hlen davon den eigenen Worten nachhorcht, kann er wegdriften, den Blick ins Weite gerichtet. Kommt Jens Harzer anl&auml;sslich eines Rotkehlchens in Fahrt, mag D&ouml;rte Lyssewski wegh&ouml;ren, wobei ihre Selbstversunkenheit wohl nur eine innigere Form des Zuh&ouml;rens ist, n&ouml;tig, um den umst&auml;ndlichen Mann zu verstehen, der Entt&auml;uschungen in Berichte von Ausfl&uuml;gen nach Aranjuez verpackt oder sich auf Umwegen an jene Johannisbeere heranredet, die ihn damals in eine Orgasmus-Euphorie versetzte.</p> <p>Wovon reden wir, wenn wir von Liebe reden? Von K&uuml;rbissen in verwilderten G&auml;rten zum Beispiel. Harzer setzt zum Balztanz einen fabelhaften Indianerkopfschmuck auf, und als ihn imagin&auml;re Kugeln treffen, spielt D&ouml;rte Lyssewski empathisch mit. Das Paar von Handke/Bondy, im unh&ouml;rbaren Zwiegespr&auml;ch des Schlussbilds am Tisch vereint, hat gute Chancen f&uuml;r eine Zukunft als Liebespaar.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984403</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Fri, 18 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Grösser als das Leben  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984410</link>
         <description><![CDATA[  Mit 28 Jahren ist Ant&uacute; Romero Nunes f&uuml;r heutige Verh&auml;ltnisse tats&auml;chlich noch jung - und seine Karriere als Regisseur verspricht einiges. Diesen Fr&uuml;hling hat er den Kurt-H&uuml;bner-Preis erhalten. Wir drucken, gek&uuml;rzt, die Laudatio.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Mit 28 Jahren ist Ant&uacute; Romero Nunes f&uuml;r heutige Verh&auml;ltnisse tats&auml;chlich noch jung - und seine Karriere als Regisseur verspricht einiges. Diesen Fr&uuml;hling hat er den Kurt-H&uuml;bner-Preis erhalten. Wir drucken, gek&uuml;rzt, die Laudatio.</b><br /><br /><p class="autor">Von Klaus V&ouml;lker</p> <p>Die Kritiker, die Ant&uacute; Romero Nunes das Etikett &laquo;Shootingstar&raquo; umgeh&auml;ngt und ihn zum Nachwuchsregisseur des Jahres 2010 ausgerufen haben, warten schon auf die Gelegenheit, das Verfallsdatum der Markenzeichen, die sie f&uuml;r ihn bereithielten, zu konstatieren. Aber Nunes geht seinen Weg. Er macht keinen Wind mit Einf&auml;llen - er weiss, dass sie nur die Schw&auml;chen einer Auff&uuml;hrung kaschieren. Nicht alle der gut zehn Inszenierungen dieses 28-j&auml;hrigen Regisseurs, die ich im Laufe von drei Spielzeiten sah, waren gelungen. Doch sie riskierten viel, setzten nicht auf &laquo;Markenzeichen&raquo;, ruhten sich nie auf erfolgreich Gelungenem aus. Alle waren lebendig, energiegeladen, den Schauspielern nicht nur eine enorme Lust zum Spiel vermittelnd, sondern auch die Lust zum Denken, zu konkretem Verhalten, auch im Schmerz. Es gibt durchaus viel zu lachen in diesen Inszenierungen, aber der Ernst ist immer gegenw&auml;rtig.</p> <h4>Witz, Humor - und Ernst</h4> <p>Besserwisserei gibt es hier nicht. Nunes versteht es, seinen Schauspielern klarzumachen, dass sie nicht vergessen d&uuml;rfen, wie sehr ihr sprachlicher Ausdruck mit Atmen zu tun hat, dass der Atem sozusagen der Fluss ist, auf dem ihr Boot dahingleiten oder auch schaukeln kann und dass er den ganzen K&ouml;rper durchdringen muss. Nunes' Spieler pausieren nicht, stehen immer unter Spannung, wirken aber nicht angespannt oder &uuml;berdreht. Sein Theater kann didaktisch sein, ist aber nie Mitteilungstheater, sondern stellt Fragen. Dieses fragende Theater muss eine aufregende Beweglichkeit besitzen. Theater ist Spiel und immer auch Leben. Das Leiden an der Welt ist f&uuml;r Nunes der Beweggrund von Theater. Die Erkenntnis, dass Leben verspielt wird, bringt auch Trost und Erleichterung.</p> <p>Ant&uacute; Romero Nunes wurde 1983 in T&uuml;bingen geboren. Die Mutter, Sozialp&auml;dagogin, musste ihre chilenische Heimat verlassen, als dort Pinochet an die Macht kam; der Vater, Portugiese und von Beruf Psychotherapeut, hatte sich beim Salazar-Regime unbeliebt gemacht. Die Eltern lernten sich in Deutschland kennen. Erste Theatererfahrungen sammelte ihr Sohn als Assistent am Regionaltheater Lindenhof in Melchingen sowie in der Off-Theater- und Filmszene Chiles. Von 2005 bis 2009 studierte er dann Regie an der Berliner Hochschule f&uuml;r Schauspielkunst &laquo;Ernst Busch&raquo;. Ein Mentor empfahl ihn ans Maxim-Gorki-Theater, wo er 2009 seine Diplom-Inszenierung &laquo;Die Geisterseher&raquo; (nach Schiller) herausbringen konnte, eine blitzgescheite, den Text genau interpretierende und in unsere Zeit und Probleme &uuml;berf&uuml;hrende Inszenierung. Ihr Gewicht war die Leichtigkeit, mit der sich die Schauspielerabsolventen seines Jahrgangs, Paul Schr&ouml;der und Jirka Zett, der Sache hingaben.</p> <p>Dem Gorki-Theater hat Nunes trotz wachsender Nachfrage von anderswo die Treue gehalten: Der Kurt-H&uuml;bner-Preis 2011 gilt seiner dortigen Inszenierung von &laquo;Rocco und seine Br&uuml;der&raquo;. Das oft berechtigte Vorurteil gegen&uuml;ber Filmadaptionen auf der B&uuml;hne greift hier nicht. Viscontis Film wird nicht nachgestellt, sondern das archaische Konstrukt, das hinter der Familienkonstellation steckt, wird freigelegt. Nunes schafft f&uuml;r die Figuren theatergerechte Spielsituationen. In der ersten halben Stunde f&auml;llt kein einziges Wort, die Schauspieler agieren einen herrlichen Stummfilm und geben dabei dem Theater, was des Theaters ist.</p> <p>Die Geschichte einer Witwe, die mit ihren vier S&ouml;hnen aus dem l&auml;ndlichen und armen Sizilien in den reichen, industriell boomenden Norden kommt, wird nicht vollst&auml;ndig erz&auml;hlt. Die Jungs verdienen ihr erstes Geld, angeln sich Freundinnen, feiern Hochzeit oder Erfolge als Profi-Boxer, doch das Auftauchen der Hure Nadja st&uuml;rzt ihre kleine Welt ins Ungl&uuml;ck; ein Bruder wird zum Gewaltt&auml;ter und reisst auch den idealistisch besonnenen Familien&auml;ltesten in den Untergang. Sie scheitern alle, bis auf den J&uuml;ngsten vielleicht, der am Ende ein anr&uuml;hrendes Lied zu singen beginnt, zu sch&ouml;n, um wahr zu sein, aber hoffnungsfroh.</p> <p>Zum Spielzeitbeginn inszenierte Nunes in Hamburg am Thalia-Theater Tankred Dorsts &laquo;Merlin&raquo;, jenen eklektischen, spektakul&auml;r aufbereiteten und pessimistisch get&ouml;nten Welterkl&auml;rungsversuch aus dem Jahr 1979/80, ein weit ausgreifendes Konglomerat von Szenen rund um die Artus-Sage. Nunes verschlankte das St&uuml;ck betr&auml;chtlich, interpretierte es aber ernster und beherzter, nicht so d&uuml;ster, sondern lustvoller als mancher Regiemeister vor ihm.</p> <p>Bei Nunes wird das grosse Weltm&auml;rchen voller &Auml;ngste, Tr&auml;ume und Hoffnungen des Menschen ein tolles Clownsst&uuml;ck. Er hat sich nicht einsch&uuml;chtern lassen von den vielen literarischen Versionen und pseudoreligi&ouml;sen Adaptionen der ritterlichen Tafelrunde und Gralssuche. Er eifert, wiederum mit Theatermitteln, mehr dem intellektuellen Spott und dem hintergr&uuml;ndigen Leichtsinn nach, den Kinoadaptionen des Stoffs wie Monty Pythons &laquo;Der Ritter der Kokosnuss&raquo; oder Spielbergs &laquo;Indiana Jones und der letzte Kreuzzug&raquo; haben, und bringt ein gewitztes Lehrst&uuml;ck auf die B&uuml;hne, das zum Ausdruck zu bringen versucht, worum es &laquo;im Leben&raquo; gehen sollte: dem Chaos und der Sinnlosigkeit mit unerm&uuml;dlichem Spiel zu trotzen.</p> <p>Etwas zu leicht machte es sich Nunes bei Kleists &laquo;Familie Schroffenstein&raquo;, die er als Teilst&uuml;ck eines Kleist-Festivals im Maxim-Gorki-Theater ins Korsett eines Projekts einf&uuml;gen musste. Doch auch hier war erkennbar, dass es diesem Regisseur nicht um Jokus oder Spasseffekte zu tun war, er versuchte immerhin, Gef&uuml;hle, &Auml;ngste und Widerspr&uuml;che skizzierend anzuspielen, sich Kleists Figuren zu stellen, einen szenischen Ausdruck f&uuml;r grosse Worte zu finden und auch Pathos zuzulassen.</p> <h4>Geschichte und Gegenwart</h4> <p>K&uuml;rzlich inszenierte Nunes im Gorki-Theater Fritz Katers DDR-Triptychon &laquo;Zeit zu lieben, Zeit zu sterben&raquo;, ein bitteres, aber l&auml;ssig und unsentimental erz&auml;hltes St&uuml;ck &uuml;ber eine exzessiv ihre Jugend auslebende Generation in einem erstarrten Gesellschaftssystem, die dann mit erheblicher Katerstimmung im Nachwendedeutschland ankommt. Zehn Jahre nach der Urauff&uuml;hrung unternimmt Nunes jetzt den Versuch, das St&uuml;ck aus heutigem Blickwinkel und nicht DDR-spezifisch auf die B&uuml;hne zu bringen. Der erste chorische Teil zeigt die Unbeschwertheit junger Leute, die ihre Rebellion in den Extremen von wilder Anarchie mit Sex und Sauferei und cooler Anpassung auszuleben versteht; der zweite Teil erz&auml;hlt eine Familiengeschichte im Zeitraffer mit Onkel Breuer, der den in den Westen abgehauenen Vater ersetzen muss und allen seine im Knast gelernte Maxime &laquo;nie den Helden spielen&raquo; einbl&auml;ut. Im dritten Teil ist die Mauer weg, das Paradies kann betreten und der Kater ausgelebt werden. Nunes entkonkretisiert die historischen Gegebenheiten und holt das St&uuml;ck in die Gegenwart seiner Generation. Er versinnlicht das St&uuml;ck mit einem gl&auml;nzend eingespielten Schauspielerensemble und der Band Marie &amp; The Red Cat.</p> <p>Die Spieler treten in sportivem Outfit an, sie agieren virtuos und clownesk, sprechen chorisch, die Texte werden fast wie Songtexte gehandhabt. Und dabei hat die sonst artistische Coolness keine Scheu, dem Gef&uuml;hls&uuml;berschwang freien Lauf zu lassen. Tempo und eine slapstickartige Comic-&Auml;sthetik verhindern jede Art von DDR-Nostalgie. Es ist vielmehr eine unromantische Bestandsaufnahme universeller Lebensbew&auml;ltigung durch Systemverweigerung und Anpassungsstrategien. - In seinen Inszenierungen ist Nunes stets darauf bedacht, den Abstand, der uns von der Erlebniswelt der Menschen anderer Zeiten trennt, genau zu vermessen und dem Befund eine spielerische, packende Form zu geben. &laquo;Ich mache ja Theater&raquo;, sagt er, &laquo;weil ich etwas suche, das gr&ouml;sser ist als mein Leben.&raquo;</p> <p class="fussnote">In Z&uuml;rich inszeniert Ant&uacute; Romero Nunes &laquo;Solaris&raquo; nach dem Roman von Stanislaw Lem. Premiere ist heute um 20 Uhr in der Schiffbau-Box.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984410</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Fri, 18 May 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Training der Synapsen  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2984736</link>
         <description><![CDATA[  Zwei Tendenzen zeichnen sich in der Schweizer Fotografie-Schau im Z&uuml;rcher EWZ-Unterwerk Selnau ab: Der vermeintliche Wahrheitsgehalt der Fotografie wird hintertrieben, und die Grenzen zwischen den Genres werden immer durchl&auml;ssiger.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Zwei Tendenzen zeichnen sich in der Schweizer Fotografie-Schau im Z&uuml;rcher EWZ-Unterwerk Selnau ab: Der vermeintliche Wahrheitsgehalt der Fotografie wird hintertrieben, und die Grenzen zwischen den Genres werden immer durchl&auml;ssiger.</b><br /><br /><p class="autor">Brigitte Ulmer</p> <p>Was ist eine gute Fotografie? Eine, die tiefere Erkenntnisse dessen liefert, was &laquo;passiert&raquo;? Eine, die den Betrachter an ihrem Angelhaken hat und nicht mehr losl&auml;sst? Oder einfach eine, die zum Augenschmaus gereicht? An den Stellw&auml;nden der grossen Schweizer Fotografie-Schau &laquo;ewz.selection&raquo; im Unterwerk Selnau h&auml;ngt von allem etwas, ganz gleich, ob es sich um die Kategorien redaktionelle Fotografie, Architektur, Fine Art, Free, Fashion oder Werbung handelt. Bei den 18 ausgew&auml;hlten Arbeiten, die Fachjurys aus 637 eingesandten Bildserien gefiltert haben, kristallisieren sich aber zwei Tendenzen heraus, die sich durch s&auml;mtliche Kategorien ziehen: Der vermeintliche Wahrheitsgehalt der Fotografie wird listig hintertrieben, und die Grenzen zwischen den Genres werden immer durchl&auml;ssiger. Das f&uuml;hrt zu teilweise originellen Ergebnissen, welche die Synapsen der Ausstellungsbesucher trainieren.</p> <p>Die in ihrer hohen &Auml;sthetik bezwingenden abstrakten Bilder von Sandra Kennel - sie entstanden zum Teil als Nebenprodukte von Auftragsarbeiten - sind beispielsweise Wahrnehmungstrainings erster G&uuml;te: Eine Tropfsteinh&ouml;hle entpuppt sich in Wirklichkeit als Nahaufnahme von Fleisch, vermeintliche Hirnscans sind blosse Farbkleckse, und vieleckige skulpturale K&ouml;rper erweisen sich als einfache gefaltete, durchleuchtete Papiere. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade im Zeitalter schnell geknipster Handy-Fotos professionelle Fotografen das Raffinement der Bildkreation immer mehr auf die Spitze treiben.</p> <p>Zwischen Schein und Sein changieren auch die mit dem Alpa-Preis gek&uuml;rte Serie von Simon N&auml;her und die mit dem Preis der Bank Julius B&auml;r ausgezeichneten delikaten Traumbilder von Patricia H&auml;mmerle. Simon N&auml;her hat eine Klaviatur emotionaler Spannungszust&auml;nde festgehalten, indem er Turmspringer mit dem Teleobjektiv und Serienschaltung fotografierte. Entstanden sind ber&uuml;hrende Schwarz-Weiss-Bilder menschlicher Grenzsituationen. Auch ohne Menschen gelang es H&auml;mmerle, eine Art Blueprint seelischer Aggregatszust&auml;nde zu erfassen: Bildnerischer Ursprung mag profanes Material gewesen sein. Gefundene und selbst produzierte Bilder hat sie mittels Sandwichverfahren und mit Farbe nachbearbeitet und je auf eigenes Fotopapier gebannt und so zu auratischen Miniaturen verdichtet, die in m&auml;rchenhafte Reiche entf&uuml;hren.</p> <p>Sogar im Bereich der redaktionellen Fotografie, die noch am ehesten auf ihre Repr&auml;sentationspflicht pocht, befindet man sich auf schwankendem Boden: Was ist Realit&auml;t, was Fiktion? Handelt es sich etwa bei Mark Henleys aus 80 Einzelbildern bestehender Et&uuml;de zur Schweizer Bankenkrise nicht doch um Stills eines Film noir, mit einem Oswald-Gr&uuml;bel-Lookalike in der Hauptrolle?</p> <p>Der Brite, der mit seinem Langzeitprojekt k&uuml;rzlich den Swiss Press Award gewonnen hat, zieht mit Bildmetaphern und Zitaten aus Fotografieklassikern s&auml;mtliche Register, ohne je ins Plakative abzudriften - und gibt dem latenten, schwer zu greifenden Thema ein Gesicht. Der Reportage &laquo;Silvesterchl&ouml;is&raquo; von Simon Tanner - auch der NZZ-Volont&auml;r wurde bereits am Swiss Press Award mit einem Preis gek&uuml;rt - h&auml;ngt etwas Mystisches an: Mittels Bewegungsunsch&auml;rfen, Spiegeleffekten und dramatischer Lichtf&uuml;hrung vermag er den althergebrachten Brauch im ausserrhodischen Hinterland in ein geheimnisvolles Ritual zu transformieren.</p> <p>Wo aber soll die fotografierte Welt sonst in perfekter Ordnung sein, wenn nicht in der Modesph&auml;re? Nicht in dieser Schau. Denn die Auswahl im Bereich Fashion zeugt eher vom avancierten Geschmack der Jury als von den Gepflogenheiten der Branche. Die ausgew&auml;hlten Beitr&auml;ge lesen sich als hintersinnige Kritik am Genre selbst, etwa in Amanda Camenischs Kosmetikfotos, die mit &Uuml;bertreibungen und leichten Verfremdungen Mimikry betreiben. Auch die eindr&uuml;cklichen Werbefotos von Milo Keller &amp; Julien Gallico hintertreiben das Diktat der Reklameabteilung der Bewusstseinsindustrie: Die Auftragsarbeit f&uuml;r eine Westschweizer Designagentur besticht durch das ernsthafte Zelebrieren von Altersfalten, Narben oder anderen Auff&auml;lligkeiten. Dass mit Augustin Rebetez' Wandinstallation eine ungeschminkte, mysteri&ouml;se fotografische Welt ungeb&auml;ndigter Nachtszenerien den mit 15 000 Franken dotierten Swiss Photo Award gewonnen hat, best&auml;tigt die These: Fotografie erschafft sich eigene (Gegen-)Welten.</p> <p class="fussnote">Swiss Photo Award. EWZ-Unterwerk Selnau, bis 28. 5.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2984736</guid>
      </item><item>
         <pubDate>Wed, 16 May 2012 17:53:00 +0200</pubDate>
         <title><![CDATA[  Wikipedia als Unternehmensspiegel  ]]></title>
         <link>http://www.tagblatt.ch/2982930</link>
         <description><![CDATA[  Firmenkommunikation l&auml;uft heute massgeblich &uuml;ber das Internet, nicht zuletzt &uuml;ber Wikipedia. Nicht alle grossen Firmen haben hier einen &uuml;berzeugenden, das heisst informativen und glaubw&uuml;rdigen Auftritt. Der Eintrag von UBS erh&auml;lt gute Noten, derjenige von Holcim f&auml;llt ab.  ]]></description>
         <content:encoded><![CDATA[  <b>Firmenkommunikation l&auml;uft heute massgeblich &uuml;ber das Internet, nicht zuletzt &uuml;ber Wikipedia. Nicht alle grossen Firmen haben hier einen &uuml;berzeugenden, das heisst informativen und glaubw&uuml;rdigen Auftritt. Der Eintrag von UBS erh&auml;lt gute Noten, derjenige von Holcim f&auml;llt ab.</b><br /><br /><p>Von einem gr&ouml;sseren Unternehmen wird heute erwartet, dass es neben der eigenen Website auch einen Eintrag auf Wikipedia hat. Diesen zu beobachten und zu pflegen ist in der Regel Aufgabe der Medienabteilungen der jeweiligen Firmen. Ihr Problem dabei ist: Sie haben keine Hoheit &uuml;ber das, was hier ver&ouml;ffentlicht wird, andere schreiben mit, m&ouml;glicherweise auch kritische Beobachter der betreffenden Firmen. Sch&ouml;nf&auml;rben ist im Hochglanz-Firmenprospekt vielleicht noch m&ouml;glich, auf einer interaktiven Web-Plattform aber kaum mehr.</p> <p>Nun hat das Institut Lundquist in Mailand die englischsprachigen Wikipedia-Eintr&auml;ge der gr&ouml;ssten europ&auml;ischen Firmen untersucht und eine <a class="more" href="http://www.lundquist.it/media/files/Wikipedia_Research_Europe_2011_Executive_Summary.pdf">Rangliste</a> erstellt. Unter den besten befindet sich UBS auf <a class="more" href="http://en.wikipedia.org/wiki/UBS">Rang 6,</a> unter den schlechtesten Holcim auf <a class="more" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Holcim">Rang 99.</a> Wer die beiden Eintr&auml;ge anklickt und vergleicht, dem f&auml;llt der eklatante Qualit&auml;tsunterschied schon auf den ersten Blick ins Auge. Der Eintrag zu UBS bietet viel Information, auch aktuelle, derjenige zu Holcim so gut wie keine.</p> <p>Ein Grund f&uuml;r den auff&auml;lligen Unterschied mag sein, dass die Kontroversen der letzten Jahre um die Grossbank diese zu einer aktiven &Ouml;ffentlichkeitsarbeit und somit auch zu einem &uuml;berzeugenden Auftritt auf Wikipedia zwangen. Dasselbe gilt auch f&uuml;r BP auf <a class="more" href="http://en.wikipedia.org/wiki/BP">Rang 3.</a> Holcim dagegen blieb von schlechter Presse weitgehend verschont und sah vielleicht deshalb keinen Handlungsbedarf - obwohl die Firma als weltweit t&auml;tiger Umweltverschmutzer durchaus Angriffsfl&auml;chen b&ouml;te.</p> <p>Was macht einen &laquo;guten&raquo; Wikipedia-Eintrag aus? Stark ins Gewicht f&auml;llt in der Lundquist-Studie die Reichhaltigkeit der gebotenen Information, etwa Angaben zu Kader und Strategie der Firma, auch zu ihrer Geschichte. Zahlen und Graphiken zum Gesch&auml;ftsgang sollten nicht fehlen. Stark gewichtet wird auch die &Uuml;bersichtlichkeit, also Pr&auml;sentation und Navigation. Negativ ins Gewicht fielen Warnungen wegen des Verdachts auf tendenzi&ouml;se oder veraltete Information.</p> <p>Die Zuverl&auml;ssigkeit der Angaben wurde nicht gepr&uuml;ft, daf&uuml;r aber, wie viele Autoren an einem Beitrag beteiligt waren und wie oft, und wie viele Anmerkungen der Beitrag aufweist. Im Web 2.0 gilt weitherum die nicht vollkommen falsche &Uuml;berzeugung: Wo viele K&ouml;che r&uuml;hren, wird der Brei gut.</p>   ]]></content:encoded>
         <guid>http://www.tagblatt.ch/2982930</guid>
      </item></channel>
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