Kreuzfeuer im Biathlon

BIATHLON ⋅ In der Biathlon-Familie rumort es, tiefe Gräben entstehen rund um das Thema Doping.
15. Februar 2017, 11:14

Im Kreuzfeuer zwischen Russland, den übrigen Top-Nationen und dem internationalen Verband bezieht auch die Schweizer Biathletin Aita Gasparin als Athletenvertreterin Stellung. Die 23-jährige Bündnerin, die Jüngste der drei Gasparin-Schwestern, ahnte vor drei Jahren bei ihrer Wahl nicht, welche Dimension ihre Aufgabe annehmen würde. Die vierköpfige Athleten-Kommission, der auch Mister Biathlon Ole Einar Björndalen angehört, beschäftigt sich in der Regel mit kleinen, für den Sportler aber wichtigen Themen. Mal bemängelte das Gremium den Klebstoff der Startnummern, der sich kaum mehr von den Anzügen entfernen liess, mal wurde eine farbliche Veränderung der Schiessmatten veranlasst.

Nachdem im zweiten McLaren-Report um mutmassliches Staatsdoping in Russland insgesamt 31 verdächtigte respektive belastete Biathletinnen und Biathleten genannt wurden, kam eine neue, politische und inzwischen alles dominierende Dimension hinzu. "Oft ist der Sport nicht mehr im Vordergrund", meint Aita Gasparin. "Aber ich bringe gerne Energie für solche Themen auf", betont sie.

Unmut macht sich seit Saisonbeginn breit, und die Liste der Aufstände, Scharmützel und Anfeindungen wird länger und länger: Die Athleten versammelten sich in Östersund und Oberhof, machten Druck auf ihren Verband IBU und erzwangen einen ausserordentlichen Kongress. Dieser musste über die Forderungen nach Doping-Sperren von acht Jahren, Bussen bis zu 1 Million Euro und Aberkennung von Nationen-Startplätzen befinden. Der Franzose Martin Fourcade gab und gibt über Twitter ständig Kommentare ab, die Russen verweigerten dem dominierenden Franzosen bei der WM in Hochfilzen den Handschlag, Fourcade verliess bei der Flower Ceremony vorzeitig das Podest.

Die Russen provozierten mit Alexander Loginow, in dem sie den EPO-Sünder, der soeben seine Sperre abgesessen hatte, in der Mixed-Staffel aufstellten. Fourcade musste sich dem Vorwurf stellen, Loginow in der Staffel beim Wechsel extra zu Fall gebracht zu haben. Fourcade und der Russe Anton Schipulin lieferten sich bei der Pressekonferenz ein Wortgefecht, das Siegerteam aus Deutschland sass bloss als Zuhörer dazwischen. Die Russin Jekaterina Glasyrina wurde kurz vor ihrem geplanten Start im Sprint wegen Doping-Verdachts aus dem Rennen genommen und die österreichischen Behörden überraschten das kasachische Team mit einer Razzia.

Das ganze Wirrwarr verläuft zwischen den drei Lagern Russland, übrige Athleten und Weltverband IBU. Vom Kalten Krieg will zwar niemand sprechen. Kommentare, allesamt von aktiven Sportlern, stecken das Feld ab, in dem man sich bewegt: "Man muss jetzt nicht künstlich Mauern hochziehen", "Momentan kocht es ein bisschen über", "Wir Russen sind eine stolze Nation. Wenn uns jemand den Krieg erklärt, stehen wir bis zum Ende zusammen", "Mir stinkt das schon wieder bis zum Himmel", "Wichtig ist vor allem eines: Dass wir gemeinsam für einen sauberen Sport kämpfen, und da sind auch russische Athleten dabei" oder "Die grosse vielbeschworene Biathlon-Familie gibt es so nicht".

Druck machen

Aita Gasparin kennt ihre Rolle in diesen Auseinandersetzungen. "Wir mussten der IBU Feuer unter dem Hintern machen", umschreibt sie ihre Aufgabe: "Wir wollten Druck aufbauen. Uns ging die Umsetzung des McLaren-Reports zu langsam. Dieses Ziel haben wir auch erreicht." Die IBU hielt an den Weltmeisterschaften in Hochfilzen einen ausserordentlichen Kongress ab, Aita Gasparin trat als Sprecherin der Athleten auf. "Das war herausfordernd. Ich musste im Namen aller Biathleten sprechen - und dies in Englisch", erzählt sie. Die WM-Vergabe 2021 nach Russland (Tjumen) machte der Kongress rückgängig. "Die IBU hat auf die Ereignisse reagiert", sagt die Schweizerin. Für die Tatsache, dass nicht alle - zum Teil radikalen - Athletenforderungen gleich umgesetzt wurden, bringt die Bündnerin Verständnis auf: "Wir wollen Namen auf dem Tisch. Andererseits kann sich die IBU eine falsche Anschuldigung auch nicht leisten."

Was auf den übrigen Schauplätzen passiert, verfolgt Aita Gasparin aufmerksam, fühlt sich aber in ihrer Funktion als Athletenvertreterin nicht in der Verantwortung. Dies betrifft den Solo-Lauf Fourcades. "Martin bringt viel Energie auf, die zum Teil nicht mit uns koordiniert ist. Er sucht mit seiner Popularität direkt den Weg in die Medien", erklärt die Schweizerin. "Schipulin und Fourcade sind eigentlich Freunde. Aber Anton muss auch die russische Familie verteidigen."

"Das Wort 'Kalter Krieg' ist zu hart", betont die Schweizerin. "Ich nehme die Biathlon-Szene immer noch als Grossfamilie wahr. Es gibt zahlreiche Freundschaften über die Nationengrenzen hinweg." Sie gesteht aber ein, dass "Russland nicht auf unsere Kommission zukommt. Ihre Athleten bleiben im Hintergrund, wir wissen nicht genau, was sie denken". (sda)


Leserkommentare

Anzeige: