Müde Weltspitze

ÜBERBELASTUNG ⋅ Enger Turnierplan, zunehmende Leistungsdichte: Die besten Tennisspieler der Welt stehen unter Druck. Eine Jahresplanung à la Roger Federer könnte deshalb Schule machen.
13. Januar 2018, 09:27
Jörg Allmeroth

Jörg Allmeroth

Roger Federer kann sich noch gut erinnern, wie sehr ihm die Angst zusetzte. Vor knapp zwei Jahren, als er sich nach den Australian Open den Meniskus verletzte und zur ersten grösseren Operation in seinem Leben gezwungen war. «Es war eine grosse Ungewissheit da. Viele Zweifel. Die Furcht, dass es vielleicht in meinem Alter vorbei sein würde mit der Kar­riere», sagt Federer, «aber dann kam alles ganz anders.» Natürlich, Federer kam in jener Saison 2016 nie mehr wirklich auf die Beine, es war sogar eine «Seuchensaison» nach Federers Eindruck. Doch die Verletzung, die Pausen danach, sie brachten Federer auch ganz neue Einsichten und Erkenntnisse: «Ich merkte auf einmal, wie gut mir diese Auszeit auch tat. Der Abstand vom Tennis, die Erholung für den ­Körper.»

Nadal: «Topspieler haben zu viele Verpflichtungen»

Als das vergangene Tennisjahr anfing, legte Federer das ver­blüffendste Comeback überhaupt hin, eine Rückkehr mit einem Grand-Slam-Sieg, die er sich selbst in kühnsten Träumen nicht hätte erwarten können. Ungewollt hatten Verletzung und Regenerationsphase dem 36-jährigen Virtuosen einen Weg aufgezeigt, wie sich selbst in seinem fortgeschrittenen Laufbahnalter noch höchste Ziele erreichen und weitere körperliche Beschwerden vermeiden lassen. Federers letzte Erfolgskapitel sind dieser Tage wieder Diskussionsgegenstand im Tennis-Wanderzirkus, nicht, um noch einmal die alten, neuen Loblieder auf den Schweizer Strategen zu singen. Sondern, um vor den am Montag beginnenden Australian Open klar zu machen, was Federer von vielen angeschlagenen Branchenstars trennt. Und welche Konsequenzen die diversen Tennis-Institutionen aus Federers Beispiel und der allgemeinen Verletzungsmalaise ziehen können. «Es ist ganz einfach so, dass die Topspieler zu viele Verpflichtungen haben», sagt Federers ewiger Gegen­spieler Rafael Nadal, «man fühlt sich wirklich wie in einer Tretmühle.» Nadal plädiert wie an­dere Asse für mehr individuelle Freiheiten bei der Jahresplanung – und für weniger Zwangsauftritte. Allerdings weiss der Spanier auch um das Dilemma in der Branche. Denn seitdem sich das Interesse der Fans in den letzten Jahren immer mehr auf eine kleine Gruppe herausragender Könner konzentrierte, brauchen auch so viele Wettbewerbe wie nur irgend möglich diese Stars auf ihrem Centre Court. «Für viele Veranstalter geht die Rechnung nur auf, wenn die Spitzennamen dabei sind», sagt der frühere Australian-Open-Boss Paul McNamee.

Es ist kein Zufall, dass be­sonders die Top 30-Spieler von der fast krisenhaften Verletzungs­situation betroffen sind: Schliesslich sind sie es, die das schwerste, intensivste Jahresprogramm zu bestreiten haben. Zwar können sich viele Stars inzwischen ein ­üppiges Betreuungsteam leisten, auch Fitness-Trainer und persönlichen Physiotherapeuten, doch die stark angewachsene Intensität jedes einzelnen Spieles in der Saison sorgt auf lange Sicht gleichwohl doch für höhere Verletzungsanfälligkeit. «Gerade im zweiten Halbjahr schleppen sich viele Spieler nur noch von Turnier zu Turnier. Oft sehnen sie sich einfach bloss nach der Ziellinie», sagt einer der bei der ATP angestellten Masseure, «wir können gar nicht so viel behandeln, wie wir wollen. Dafür reicht die Kapazität kaum aus.»

Was kann Wawrinka und Djokovic zugetraut werden?

Die langwierigen Verletzungen von Topcracks sind in ihrer Häufung ohne Beispiel. Genau so wie die Tatsache, dass viele von ihnen selbst zum Start einer neuen ­Saison und trotz monatelanger Pause nicht wieder fit sind. Andy Murray, vor Jahresfrist noch die Nummer 1, wird in Melbourne fehlen, er wird nun nach einer Hüftoperation sogar mindestens noch vier, fünf weitere Monate zu pausieren haben. Novak Djokovic und Stan Wawrinka sind am Start, aber was kann ihnen zugetraut werden? Beide sind sich selbst unsicher, was die Schlagkraft in Melbourne angeht. Auch junge Stars klagen über das dichte Programm, einer wie der Deutsche Alexander Zverev spürte im vergangenen Herbst «richtige Verschleisserscheinungen»: «Jedes Spiel tat irgendwie weh. Es war zu viel Tennis für mich.»

Ab Montag geht das Spektakel in Melbourne los. Und erst Ende November endet es für die Allerletzten, die dann noch das Davis-Cup-Endspiel bestreiten dürfen – oder müssen. Längere Pausen können sich nur die sehr Privilegierten leisten, auch Federer gehört dazu. Zeit, dass auch andere mehr Eigenmächtigkeit entwickeln können über ihr Tennis­leben.


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