«Ich will nicht so enden wie Bob Geldof»
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DJ Bobo, wir sind im äthiopischen Hochland. Glauben Sie, dass Sie hier etwas bewirken können?
Auf jeden Fall. Allerdings nicht persönlich. Ich bin nur der, der Anlässe organisiert, um Geld für das World Food Program (WFP) zu sammeln. Ich bitte prominente Kollegen um wertvolle Gegenstände, die ich dann in einer Fernsehsendung versteigere.
Zum Beispiel?
Roger Federer hat den Tennisschläger gespendet, mit dem er 2006 Wimbledon gewann, Tom Lüthi den Helm, mit dem er Motorradweltmeister wurde. Und Wladimir Klitschko gab mir seine Boxershorts. Jeder dieser Gegenstände bringt zwischen 8000 und 30'000 Franken ein.
Wie viel Geld haben Sie gesammelt?
Bisher zirka 300'000 Franken. Das Geld ist direkt nach Mekele geflossen, in die Hauptstadt der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens.
Sie haben hier Projekte des WFP besucht, die Sie unterstützen. Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Kinder in einer Schule nördlich von Mekele: Dort verteilten wir für das Welternährungsprogramm Getreide an die Mütter unterernährter Kinder und an schwangere Frauen. Diese Menschen waren nur noch Haut und Knochen. Wenn Sie keine Lebensmittel erhalten hätten, dann hätte man mit dem Schlimmsten rechnen müssen.
Das Problem der Versorgung bleibt aber bestehen.
Deshalb unterstütze ich auch ein Programm, mit dem Gebiete aufgeforstet werden, die durch Erosion zerstört wurden. Ich bin mir bewusst, wie wichtig dieses Projekt ist. Wenn man langfristig Erfolg haben will, muss man das Land terrassieren, Brunnen bauen und die Landwirtschaft fördern. Zumal das in Äthiopien schnell und gut funktioniert. Aber wenn ich sofort entscheiden müsste, wo das Geld hingeht, dann würde ich alles den hungernden Kindern geben. Obwohl ich weiss, dass man 100'000 Setzlinge kaufen und pflanzen sollte.
Die Kinder könnten von den Früchten dieser Bäume leben.
Ja, natürlich. Ich weiss heute auch, was Bob Geldof meinte, als er mir sagte: «Wenn du ein einzelnes Kind sterben siehst, dann hilf ihm nicht.» Das klingt brutal, aber er meinte, ich müsse vielen helfen, gross denken und mich nicht vom Kleinen einnehmen lassen. Das ist allerdings schwierig. Beim Anblick eines hungernden Kindes denkt man immer, es könnte das eigene sein. Das geht auch Leuten ohne Kinder so. Ein Baum weckt einfach nicht dieselbe Zuneigung.
In Äthiopien fehlt es an vielem. Warum beschränken Sie sich auf die Landwirtschaft und das Projekt, das hungernden Schülern eine warme Mahlzeit bietet?
Wir, also meine Mitarbeiter und ich, wollten uns auf ein Ziel konzentrieren und Resultate sehen. Deshalb arbeiten wir nur in der Provinz Tigray. Das ist überschaubar. Und der Einsatz des Geldes hat bereits etwas gebracht. Das ist schön, obwohl man natürlich noch mehr tun möchte.
Macht es Ihnen Spass, WFP-Botschafter zu sein?
Es ist ein Privileg, das machen zu dürfen. Mich sprechen Leute auf der Strasse an, öffnen ihr Portemonnaie und drücken mir eine Hunderternote in die Hand. Das ist etwas vom Schönsten, was mir je passiert ist.
Verteilen Sie Einzahlungsscheine?
Diese Spender wollen keine Einzahlungsscheine. Sie sagen: «Dir vertrauen wir, dass das Geld am richtigen Ort landet.» Vor grossen Organisationen wie der Uno haben sie Angst. Ich weise stets darauf hin, dass das Welternährungsprogramm auch zur Uno gehört. Aber sie bestehen darauf, dass ich das Geld annehme. Pro Jahr kommen so etwa 3000 Franken zusammen.
Hat Bob Geldof Sie inspiriert?
Ja, ohne dass ich es realisiert habe. Live Aid, das grosse Benefizkonzert 1985 (aus Anlass der damals akuten Hungersnot in Äthiopien, die Red.), hat mich schwer beeindruckt. Ich war Michael-Jackson-Fan – und alle meine Helden sangen für Afrika. Wohl deshalb entschied ich mich für Afrika, als mich das WFP anfragte, wo ich mich engagieren möchte.
Unterstützen Sie nur das WFP?
Vor 2006 habe ich mich 10 Jahre lang selbstständig für wohltätige Zwecke engagiert und jährlich 50'000 bis 60'000 Franken für Projekte in der Schweiz gespendet, etwa für Kinderspielplätze. Aber der administrative Aufwand wurde zu gross.
Weshalb entschieden Sie sich gerade fürs Welternährungsprogramm?
Weil es nur 7 Prozent Verwaltungskosten hat. Das empfinde ich als niedrig. Zudem hatte das WFP konkrete Pläne, die mich überzeugten. Und als der Hinweis kam, dass ich jede Afrikareise selber bezahlen müsse, war mir klar: Die sind auf derselben Wellenlänge.
Werden Sie nicht vor einen Karren gespannt?
Niemals. Wäre das der Fall, würde das WFP aggressiver auf die Medien zugehen. Und hier wären viel mehr Journalisten mit dabei. Zu viel Rummel bringt nichts, für die Glaubwürdigkeit als WFP-Botschafter braucht es Zeit.
Sie sind das zweite Mal nach Äthiopien gereist. Inspiriert Sie Afrika als Musiker und Künstler?
Auf meinem neuen Album, das im Februar erscheint, singe ich das Duett «Voice of Freedom» mit der afrikanischen Künstlerin Angélique Kidjo. Sie stammt aus Benin und hat 2008 den Grammy gewonnen. Ob dieser Song von Afrika inspiriert ist, weiss ich nicht. Es kann auch ein Zufall sein.
Tatsächlich?
Ja, ich habe Angélique schon immer bewundert. Als ich mein neues Album komponierte, war ich auf Hawaii und hatte die Idee für das Duett. Da sah ich in einer Lokalzeitung, dass Angélique ein Konzert gab. Ich traf sie. Und sie ging sofort auf meinen Vorschlag ein.
Werden Sie auch einmal in Äthiopien auftreten?
Das wurde ich in den letzten Tagen wiederholt gefragt. Aber zwischen wollen und können besteht ein Unterschied. Ich habe schon in Marokko und in Südafrika gespielt. Aber der finanzielle Aufwand für ein Konzert in Äthiopien ist einfach zu gross, selbst wenn meine Musiker und Tänzer auf ihre Gagen verzichten würden.
Sie starten am 27. November Ihre Tournee «Fantasy» im Europa-Park im deutschen Rust. Spielt Ihr Engagement dabei eine Rolle?
Egal was ich mache, ich binde das WFP ein: Im Programmheft hat es eine ganzseitige Gratisanzeige. Und vor jedem Konzert wird ein Film über das WFP gezeigt. Man muss aber auch aufpassen, dass es nicht lästig wird für die Konzertbesucher. Zudem will ich nicht so enden wie Bob Geldof, der mir sagte, er sei eigentlich Musiker, aber niemand wolle mehr seine Musik hören. Er müsse für den Rest seines Lebens die Welt retten.
Wollen Sie mit Ihrem Engagement den Ticketverkauf ankurbeln?
Leute, die so denken, gibt es immer. Wenn man nichts tut, sagen sie, man sollte etwas tun. Macht man etwas, sagen dieselben, man wolle in die Medien. Das werde ich übrigens nur in der Schweiz gefragt. Im Ausland kommt niemand auf diesen Gedanken. Dabei verdiene ich mein Geld zu 90 Prozent im Ausland.
Ist das Engagement für das WFP mehr als nur eine PR-Aktion?
Der Aufwand ist viel zu gross. Wenn ich PR mache, gehe ich gezielter vor. Natürlich hoffe ich, dass die Leute mein Engagement goutieren, denn ich will ja Geld von ihnen. Ich hatte Glück im Leben. Deshalb kommt das Geld, das ich sammle, anderen zugute. Zudem glaube ich nicht, dass jemand ein Ticket für 100 Franken kauft, weil ich in Afrika einem Kind etwas zu essen gebe.
Sie kommen aus einfachen Verhältnissen. Heute sind Sie Multimillionär. Spenden Sie auch persönlich?
Ich spende meine Zeit und Arbeitskraft. In Köln habe ich kürzlich ein Fussballbenefizspiel organisiert: DJ-Bobo-Team gegen den 1. FC Köln. 15 ehemalige deutsche Nationalspieler waren auf dem Feld. Und am Abend gab es eine Party, bei der ich auftrat. Der Eintritt kostete 300 Euro. Alles Geld floss ans WFP. Die Spesen für Gagen, Flüge etc. übernahm ich. Das ist mein Beitrag.
Haben Sie auch Ihre Reise nach Äthiopien selber bezahlt?
Ja. Am Ende des Jahres belaufen sich die Ausgaben zugunsten des WFP zwischen 30'000 und 50'000 Franken.
Wann kommen Sie wieder hierher?
Das weiss ich noch nicht. Aber es ist ein Langzeitengagement. Wer mich einmal hat, wird mich nicht mehr los. Ich würde nie zu einer anderen Organisation wechseln. Ich bin extrem loyal.
Die DJ-Bobo-«Fantasy»-Tour startet im Europa-Park Rust: 27. und 28.11.2009. Konzerte in der Schweiz: 14.8.2010 in Bern, 27.8.2010 in Zürich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.11.2009, 13:19 Uhr
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