Schulentwicklung spaltet Gemüter

EBNAT-KAPPEL ⋅ Monatelang schwelte an der Primarschule ein Konflikt zwischen dem Schulleiter und mehreren Lehrpersonen bezüglich Ausrichtung des Unterrichts. Schulratspräsident Pierre Joseph sagt, jetzt sei alles in Ordnung.
29. Dezember 2017, 05:21
Urs M. Hemm

Urs M. Hemm

urs.hemm@toggenburgmedien.ch

Es war der Aufreger an der Budgetvorversammlung der Gemeinde Ebnat-Kappel. In der allgemeinen Umfrage, nach dem offiziellen Teil, meldeten sich mehrere Votanten, welche die Leitung der Schule Ebnat-Kappel wegen ihres Führungsstils sowie die Richtung des Ausbildungskonzepts der Schule kritisierten. Dies ist offenbar ein Konflikt, der schon längerem schwelte und darin gipfelte, dass sechs langjährige Lehrpersonen kündigten und der damalige Schulleiter der Primarschule Gill die Kündigung erhielt. Laut Pierre Joseph, Schulratspräsident der Schule Ebnat-Kappel, hat sich die Situation normalisiert, der Schulbetrieb laufe reibungslos. «Ganz im Gegenteil», sagt Susanne*, eine der Lehrpersonen, welche die Situation unter dem damaligen Schulleiter nicht mehr ausgehalten und gekündigt hatte.

«Alles musste hinterfragt werden»

Die Situation ist verworren – es steht Aussage gegen Aussage. Susanne ist die einzige ehemalige Gill-Lehrperson, die sich bereit erklärt hat, sich gegenüber dem Toggenburger Tagblatt zu den Vorfällen und Konflikten zu äussern. Obwohl: «Eigentlich möchte ich gar nicht mehr über diese schlimme Zeit reden. Die ganze Situation hatte mich gesundheitlich sehr mitgenommen», sagt sie. Konkret gehe es um das Verhalten seitens des damaligen Schuleiters gegenüber den Lehrpersonen, welche seine Ausrichtung der Schule nicht mittragen wollten. Er selbst ist ehemaliger Leiter einer eigenen Privatschule, Gründer und Co-Leiter der Initiative «Schule der Zukunft», Inhaber der eigenen Firma «Bildungsreich» und ein hervorragender Rhetoriker. Bei Anstellungsbeginn sei er als ausserkantonaler Schulleiter nicht mit dem St. Galler Schulsystem, den Begebenheiten der Schule Ebnat-Kappel und allen schulinternen Konzepten vertraut gewesen. «Doch anstatt sich zuerst über Abläufe zu orientieren, setzte er per sofort seine ganz eigenen Ideen um», sagt Susanne. Der eigentliche Schulalltag schien ihn nicht zu interessieren, alles musste hinterfragt werden, neu erstellte Konzepte wurden in Frage gestellt und er habe wörtlich gesagt: «Damit etwas Neues und Gutes entstehen kann, muss zuerst eine labile Situation geschaffen werden», zitiert Susanne den ehemaligen Schulleiter. Labilität habe er geschaffen. «Wir mussten uns darüber unterhalten, ob in der Schule gegrüsst werden soll, allgemeingültige Regeln wurden als Hindernis für eine Entwicklung angesehen, das Einhalten der Unterrichtszeiten wurde sekundär. Man musste nicht vor der Klasse im Schulhaus sein, Schüler konnten auch vor Lektionsschluss nach Hause geschickt, die Pausen stark verlängert werden», erläutert Susanne. Die Lehrpersonen sollten sich Zeit nehmen, während des Unterrichts Gespräche mit dem Schulleiter zu führen. Die Spaltung des Lehrerteams sei immer grösser geworden. «Lehrpersonen, die nicht seiner Meinung waren, wurden für Aussprachen ins Büro eingeladen. Dabei wurde unterstellt, wir hörten nicht zu, seien nicht offen – uns wurden die Worte verdreht. Unterschwellig wurde uns zu verstehen gegeben, dass unsere Art zu unterrichten, nicht mehr zeitgemäss sei», sagt Susanne.

Sie habe sich bewusst für das Unterrichten an einer öffentlichen Volksschule entschieden und orientiere sich am Bildungs- und Berufsalltag sowie am Lehrplan Volksschule St. Gallen. «Ich wünschte mir einen Schulleiter, der darauf basierend die Schule führt. Die vom Schulleiter und Schulratspräsident verfolgten Ziele einer einzigartigen Schule der Zukunft konnte ich nicht mittragen.» Susanne ist der Meinung, dass die Schulkinder überfordert und im Stich gelassen werden, wenn sie selber entscheiden müssen, ob, was und wie sie lernen wollen. Dass der Unterricht individualisiert werde und auf den Wissens- und Könnensstand der Einzelnen eingegangen wird, sei für Susanne logisch und werde schon lange praktiziert. Es gehe aber eindeutig zu weit, wenn ein 2.-Klässler ohne Einbezug der Eltern selber entscheiden soll, ob er eine Klasse überspringen möchte. Dafür seien die Erwachsenen verantwortlich. Die Lehrerschaft müsse den Schülerinnen und Schülern Neues lehren und sie motivieren, zu lernen. Sie selber könnten nicht beurteilen, ob sie beispielsweise Französisch einmal brauchen oder nicht, sagt Susanne. Es sei ihr auch wichtig, dass die rechtlichen Seiten eingehalten werden, zum Beispiel beim Einsatz der Klassenassistenzen.

Das Hinterfragen des eingeschlagenen Kurses sei nicht toleriert worden. Nach einem Eklat zwischen dem Schulleiter und ihr habe sie den Schulratspräsidenten informiert und – nachdem sie eine Woche lang keine Reaktion von ihm bekommen habe – ihr zuständiges Schulratsmitglied. Nach einer Aussprache mit Teilen des Lehrerteams und Vertretungen des Schulrates habe sich die Schulleitung des Problems angenommen. In einer Klausurtagung habe sie ein neues Personalförderungspapier erstellt. Eines der Ziele: Es gilt festzustellen, ob es sich abzeichnet, dass sich die Wege trennen werden. Kritische Mitarbeiter sollten verstummen. Susanne wollten sie isolieren, indem die Teammitglieder angehalten wurden, nicht mehr mit ihr über schulische Angelegenheiten oder die Schulführung zu sprechen, derweil der Schulleiter mit diversen Personen über sie sprach. Zwei Tage vor Weihnachten 2016 habe der Schulleiter sie per Mail aufgefordert, die Konsequenzen zu ziehen. Der Schulratspräsident wurde von ihr um Hilfe und Unterstützung gebeten – nach 14 Tagen sei dann endlich eine Antwort gekommen. Leider sei wieder alles verdreht, der Täter zum Opfer gemacht worden.

«Ich bin sehr enttäuscht vom fehlenden Rückhalt seitens des Schulrates. Noch mehr erschüttert mich die Tatsache, dass der Schulrat bewusst die Kündigung von sechs kompetenten, teils sehr langjährigen Lehrerinnen und Lehrern in Kauf genommen hat zu Gunsten eines Schulleiters, der erst ein halbes Jahr an der Schule war und bislang einen riesigen Scherbenhaufen angerichtet hat.»

«Neuerungen machen manchmal zu schaffen»

Den Vorwurf des fehlenden Rückhalts könne er nicht verstehen, sagt Schulratspräsident Pierre Joseph. «Meine Tür stand immer für Gespräche offen. Ich habe mehrmals Aussprachen angeboten, einzelne Betroffene haben dies auch genutzt. Je mehr jedoch die Situation eskalierte, umso schwieriger wurde eine konstruktive Kommunikation. Nicht alle betroffenen Lehrpersonen waren dazu bereit, sich den auftauchenden Problemen und dadurch notwendigen Gesprächen zu stellen». Er habe Verständnis dafür, dass Lehrpersonen sich durch die angedachten Neuerungen verunsichert fühlten. «Vielleicht waren wir mit gewissen Umstellungen im Bereich Schulentwicklung tatsächlich zu schnell», räumt Joseph ein. Darüber, was eine gute Stossrichtung und welche Art der pädagogischen Entwicklung richtig ist, existieren in der Bildungslandschaft viele unterschiedliche Auffassungen. Wesentlich sei es, die Vorgaben des Kantons einzuhalten. «Zusammen mit drei Schulleitungspersonen führen wir rund 70 Lehrpersonen. Dass dabei nicht immer alle gleichzeitig und in gleichem Masse zu begeistern sind, und auch Widerstand entstehen kann, gehört zu einem Veränderungsprozess».

Dass Lehrpersonen deswegen jedoch gemobbt wurden, lässt Joseph so nicht stehen. «Wir hatten in dieser Zeit mit allen Angestellten, welche sich für eine Kündigung entschieden haben, einen ganz unterschiedlichen Prozess. Es war für alle eine schwierige Zeit, doch von Mobbing kann keine Rede sein.». Er habe seine Führungsarbeit immer wahrgenommen und bis zum Erhalt der Kündigungen daran geglaubt, dass ein gemeinsamer Weg möglich sei. Aus diesen Erfahrungen habe er gelernt, sagt Pierre Joseph. «Rückblickend würde ich heute bestimmte Themen früher und direkter angehen».

Nach den sechs Kündigungen habe er einen Auftrag an den Beratungsdienst des Bildungsdepartements erteilt, um die Situation durch Externe analysieren zu lassen. Alle Angestellten der Schule hatten die Möglichkeit, mittels strukturierten Interviews ihre Meinung zur Führung und zum Thema Schulentwicklung anonym abzugeben. «Wir nehmen diese Rückmeldungen ernst, haben bereits Vorschläge aufgegriffen und umgesetzt». Dabei sei auch herausgekommen, dass der Grossteil der Lehrerschaft den eingeschlagenen Weg bezüglich Schulentwicklung unterstütze, sich jedoch wünsche, die Umsetzung zu verlangsamen. Als Gesamtverantwortlicher der Schule habe er es als notwendig erachtet, bestimmte Aspekte der bisher eingeschlagenen Schulentwicklung anzupassen. Daraufhin kam es auch zum Bruch mit dem Schulleiter, weil die Meinungen dazu zu stark differierten.

«Seit Anfang Dezember ist die vakante Schulleiterstelle neu besetzt. Die Voraussetzungen für einen stabilen, normalen Schulbetrieb sind demnach gegeben», sagt Schulratspräsident Pierre Joseph.

* Name der Redaktion bekannt


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