Ein Gedicht zum 100. Geburtstag

BÜTSCHWIL ⋅ Sie hatte im Vorfeld Angst vor ihrem 100. Geburtstag, aber dann genoss Margrith Bühler die viele Besucherinnen und Besucher doch. Das Seniorenzentrum Solino schaffte den Rahmen.
23. Dezember 2017, 05:20
Cecilia Hess-Lombriser

Sie sitzt vor ihren Gästen auf dem Rollator und rezitiert eines ihrer vielen Gedichte. Es ist eines über Altersbeschwerden. Humorvoll und ellenlang. «Wie kommt es, dass alle uralt werden wollen mit so vielen Beschwerden?», heisst es am Schluss. Margrith Bühler selber ist uralt geworden und darf an diesem 21. Dezember ihren 100. Geburtstag feiern. «Es ist ein Geschenk, wenn Gott so viele Jahre schenkt, aber es ist nicht immer schön», sagt sie.
 

Ein Leben lang in Bütschwil

Markus Brändle, Leiter des Seniorenzentrums, freut sich, dass einmal mehr ein 100. Geburtstag im Solino gefeiert werden kann. Die Mitbewohner haben sich versammelt, Angehörige, ehemalige Lehrtöchter der Schneiderin Margrith Bühler. Gekommen ist auch Gemeindepräsident Karl Brändle und er hat Glückwünsche der St. Galler Regierung mitgebracht, samt Blumen. Unterschrieben von Regierungsratspräsident Fredy Fässler und Staatssekretär Canisius Braun. Margrith Bühler ist eine echte Bütschwilerin und seit Geburt dort wohnhaft. Vor achteinhalb Jahren verliess sie ihr Geburtshaus und zog ins Solino. «Schweren Herzens», wie ihr Patenkind Margrith Obrist-Bühler erzählt, die sie regelmässig besucht und sie unterstützt. Doch längst sei es ihr Zuhause geworden. Das Elternhaus war auch der Arbeitsort der Jubilarin gewesen. Die Damenschneiderin hatte sich dort ihr Atelier eingerichtet und bildete mit 20 Jahren ihre erste Lehrtochter aus, bevor sie überhaupt eine Bewilligung dafür erhalten hatte. «Als ich erfuhr, dass man über drei Jahre Praxis verfügen müsse, bevor man eine Lehrtochter ausbilden dürfe, hatte ich bereits drei ausgebildet», erinnert sich Margrith Bühler mit verschmitztem Lächeln. «Sie konnten aber nichts sagen, weil sie den besten Abschluss gemacht hatten.»
 

Den Menschen immer zugetan

Margrith Bühler hat Mühe mit dem Gehör und mit den Augen. «Die Beine haben auch nicht mehr viel Kraft», aber sie hat dennoch gerne Besuch. Den Menschen zugetan, das war sie ihr Leben lang. Als sechstes von neun Kindern war sie es gewohnt, Menschen um sich zu haben. «Sie war immer für die ganze Verwandtschaft da und für viele andere Menschen», erzählt Margrith Obrist-Bühler. Eine Gesellige sei sie ihr Leben lang gewesen, in mehreren Vereinen tätig, offen und harmoniebedürftig und sie habe sich immer den Veränderungen angepasst. Sie habe zusammen mit der Mutter gewohnt, die ihr den Haushalt gemacht oder auch mal in der Schneiderei geholfen habe und selber 90 Jahre alt geworden sei. Helfen, Beziehungen pflegen und dankbar sein, das habe Margrith Bühler ausgezeichnet. Und so konnte sie mehrmals Geburtstag feiern. Zehn von 18 ehemaligen Lehrtöchtern waren zwei Tage vor dem 100. Geburtstag zum Essen gekommen. Margrith Bühler hat zu allen den Kontakt bewahrt.


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