Unerschöpfliche Faszination

WEINFELDEN ⋅ Sein halbes Leben lang hat Enoch Habisreutinger als Präsident des Philatelistenvereins gewirkt. Am Freitag legt er sein Amt ab. Bei der Suche nach einem Nachfolger ist der Verein bis jetzt erfolglos.
13. Januar 2018, 05:19
Sabrina Bächi

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

Die Schätze von Enoch Habisreutinger liegen hinter sauber geordneten roten und blauen, zuweilen auch dunkelgrünen Einbänden verborgen. Seine grösste Leidenschaft ist das Briefmarkensammeln. Er kann sich nicht einmal mehr genau erinnern, seit wann, so lange sammelt er schon Briefmarken. Seine Frau hat ihn bereits mit dem brennenden Feuer für die Philatelie, also die Briefmarkenkunde, kennen gelernt. Während 40 Jahren war er auch Präsident des Philatelistenvereins Weinfelden. Das heisst, dass er die Hälfte der 80-jährigen Vereinsgeschichte präsidierte – selbst die Hälfte seines Lebens das Amt inne hatte. An der Generalversammlung am Freitag gibt er es ab. Ein Nachfolger konnte bisher nicht gefunden werden.

«In den 50er Jahren, nach dem Krieg, gab es einen Boom und alle sammelten Briefmarken, weil ihr Wert stieg», sagt Enoch Habisreutinger. Zu seinen besten Zeiten hatte der Philatelistenverein fast hundert Mitglieder. Heute sind es noch 22. Es mangelt vor allem an Nachwuchs. «Philatelie müsste ein Schulfach sein, dann wären die Kinder sicher davon begeistert», sagt er. Durch die Briefmarkenkunde könnte etwa Geografie gelernt werden. «Wenn ich eine Marke aus Tonga in der Hand halte, will ich ja wissen, wo das liegt.» So gehe Geografie und Philatelie in einem.

Die Entdeckung des Aussergewöhnlichen

Ein geübter Philatelist könne nur anhand eines kleinen Ausschnitts von einem Stempel oder einer Marke erkennen, woher diese stammt. Habisreutinger hat sich hauptsächlich auf Thurgauer Marken, respektive Marken mit Thurgauer Stempeln, konzentriert. Zu jedem Dorf, das je eine Poststelle hatte, gibt es eine Seite in einem seiner blauen Ordner. Alphabetisch geordnet findet er in kürzester Zeit Marken, Stempel, alte Postkarten oder Fotos der Poststelle zum gewünschten Ort. Das besondere an der Philatelie ist, dass die wertvollen Marken meist die fehlerhaften sind. Wie beispielsweise die, wegen eines Druckfehlers seltenste Briefmarke der Schweiz. Sie wurde 1878 in Bissegg versehentlich abgestempelt und ist bis heute einzigartig. Habisreutinger selbst machte Mitte der 80er Jahre eine Entdeckung, die es in sich hatte: Die Marke Solothurner Turmhahn wurde teilweise auf falschem Papier gedruckt. Das sorgte unter Philatelisten sogar in Amerika für Gesprächsstoff.

Was der 82-Jährige als Hobby pflegt, ist entsprechend nicht nur eine reine Sammelleidenschaft. Es ist mehr als das fein säuberliche Einordnen. Es ist Forschung. Ein Drang, mehr über ein kleines viereckiges Stück Papier herauszufinden. Philatelie ist die Faszination, die Gesichte hinter der Briefmarke zu finden. Es ist die Suche nach den kleinen Fehlern, die das Stück aussergewöhnlich oder gar einzigartig machen. Für Enoch Habisreutinger ist es längst nicht mehr nur ein Hobby, es ist sein Leben. Eines, das fein säuberlich in Ordnern versteckt ist. Auch wenn er nach 40 Jahren das Präsidium abgibt, so bleibt er doch im Verein. Dass noch kein Nachfolger gefunden werden konnte, findet er schade. «Es braucht jemanden, der Freude an Briefmarken hat, der aber auch gerne in einem Verein ist», sagt er. Für ihn jedenfalls gibt es nichts Schöneres: «Es ist ein unerschöpfliches Hobby.»


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