Tackern gegen Rassismus

Sommeratelier im Shed im Eisenwerk Frauenfeld mit der Konzept- und Aktionskünstlerin Sasha Huber, die Halbschweizerin und Halbhaitianerin hinterfragt künstlerisch Kolonialgeschichte und Rassenideologie.
02. August 2013, 01:35
DOROTHEE KAUFMANN

FRAUENFELD. Wie Schüsse hallt es durch den Shed, 17 Uhr Pressetermin im Eisenwerk, die schwere Flügeltür lässt sich nur mit ganzem Einsatz öffnen, um in ein weites, helles Sommeratelier einzutreten. Es knallt weiter hinter einer Staffelei, bis eine zierliche, gross gewachsene Frau hervortritt, sich den Hörschutz vom Kopf streift und den Tacker beiseite legt.

Sasha Huber (1975 in Zürich geboren) ist eine schweizerisch-haitianische Künstlerin, die in Helsinki lebt und seit 1. Juli das Sommeratelier als «Künstlerin in Residence» im Shed (Eisenwerk Frauenfeld) bestreiten wird. Bis Ende August wird sie die Atelierzeit nutzen, um ihre Ausstellung «Louis Agassiz 1807–2013 – eine Heimsuchung» vorzubereiten.

Woher kommt Rassismus?

Jeden Freitag öffnet sie ihre Ateliertüren für die Öffentlichkeit. Da gäbe es Gelegenheit, mit dieser Konzept- und Aktionskünstlerin ins Gespräch zu kommen. Ihr Schaffen ist seit einigen Jahren einer Frage gewidmet: Woher kommt Rassismus? Schon 2005 lernte sie Hans Fässler aus St. Gallen kennen, der 2007 das Projekt «Demounting Louis Agassiz» startete. Louis Agassiz wurde 1807 in Murten geboren und war Naturforscher, der nicht nur zur Eiszeit forschte, sondern auch eine Rassentypologie aufzustellen versuchte und systematisch farbige Menschen fotografierte, unter anderem den Sklaven Renthy.

Petition für Umbenennung

Im 19. Jahrhundert bestand mit der Evolutionstheorie für das Fach Biologie die Herausforderung darin, die Vielfalt der Arten in eine geschichtliche Reihenfolge zu bringen. Darwin, Linné, Lamarck waren nur einige – der Schweizer Louis Agassiz war ein weiterer forschender Zeitgenosse, nach dem in der Schweiz der Berg «Agassizhorn» seinen Namen bekam. Hier setzte die Künstlerin Sasha Huber mit ihren Aktionen schon 2008 an. Sie reichte eine Petition ein, diesen Berg umzubenennen in Rentyhorn, nach dem Sklaven Renthy, welcher durch die Forschungsfotos in der Wissenschaft bekannt wurde, als Mensch aber auch gedemütigt wurde, in der Art wie Fotos entstanden, aber auch wie Fotos in der Wissenschaftsgeschichte zur Konstruktion von Werturteilen beitrugen.

Sasha Huber inszenierte schliesslich eine Kunstaktion um diesen Berg und brachte per Helikopter eine Gedenktafel an, die den Kontext Agassiz erläutert. Sie kehrte die Verhältnisse sogar um, indem sie diese Gedenktafel mit dem neuen Namen «Rentyhorn» überschrieb und so einen Schweizer Berg durch einen afrikanischen Sklaven mental besetzen liess. Nichts anderes machte Agassiz in der ganzen Welt: Höhlen, Felsen, Plätze und Pflanzen hat Agassiz nach sich benennen lassen. Dieser symbolischen Landnahme spürt Sasha Huber als halbe Haitianerin nach, deren Familie als Folge der Diktatur das Land schliesslich verlassen musste.

Porträt in Tackerbilder

Huber hat eine ganze Fotosammlung von Agassiz' Spuren und setzt diese nun teilweise im Sommeratelier in Frauenfeld in Tackerbilder um. Als Grafikdesignerin hat Huber dieses Bildmittel für sich entdeckt und schon diverse Kolonialherren auf diese Weise porträtiert, die den ursprünglichen Frieden ganzer Kontinente zerstörten: angefangen bei Christoph Columbus, über jenen Agassiz, aber auch die Diktatoren Haitis. Tackerklammer für Tackerklammer schiesst die Künstlerin in gefundene Bretter als Bildträger, die Porträtserie heisst entsprechend «Shooting back». Jeder Tackervorgang ein Schuss.

Sasha Huber sagt von sich, sie sei kein gewalttätiger Mensch, aber diese Darstellungsweise passe zu den dargestellten Inhalten. All dies ist Teil ihres Schaffens seit nunmehr fünf Jahren. Und so ist das Sommeratelier, das dieses Jahr erstmals in der Art eines Artists in Residence stattfindet, eine konsequente Fortsetzung ihres Schaffens, aber auch ein mutiges Statement in der neutralen Schweiz, rührt sie doch an die feinen geschäftlichen Verwebungen, die sich auch für Schweizer Unternehmer mit Kolonialländern ergaben. Auch deshalb also hat Hans Fässler als Historiker, mit dem Sasha Huber kooperiert, bereits 2005 schon eine Publikation erarbeitet unter dem Titel «Reise in Schwarz-Weiss – Ortstermine in Sachen Sklaverei». Hier werden die «Kolonialwaren» Baumwolle, Kaffee und Kakao, sprich Schokolade, und deren Bedeutung für die Schweiz untersucht.

Künstlerische Identitätsarbeit

Die Halbschweizerin und Halbhaitianerin Sasha Huber leistet künstlerische Identitätsarbeit: Konzeptkunst, Aktionen, das brachiale Tackern – all dies macht Sinn in ihrem Werk, denn bei ihr verbinden sich eigene Familiengeschichte, das Ringen um political correctness und ein Engagement gegen Rassismus.

Dass der Schweizer Agassiz in der Glazialforschung Verdienste hat, ist eine Seite, dass er aber auch eine Basis legte für eine spätere Rassenideologie, ist eine andere, weniger bekannte Seite. Es gilt sicherlich weiter zu forschen, warum und woher das rassistische Denken kam, dass sich die Weissen die Schwarzen Untertan machten.

Lebt eine globale Identität

Diese Frage bewegt die junge Künstlerin, die an der Ghetto-Biennale auf Haiti teilnahm, heute in Helsinki lebt und eine globale Identität lebt, ausgestattet mit eigener Website und einer Kommunikationsplattform, auf der sie mit anderen Menschen gern ins Gespräch kommt. Dies ist auch die Idee der Atelierabende jeweils freitags, also beispielsweise heute im Shed im Eisenwerk von 17 bis 19 Uhr.


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