Staubsauger im Schulhof

KREUZLINGEN. Im Lichthof auf dem Campus Kreuzlingen spiegeln sich die Schulräume und die Sterne, begehbar ist er bewusst nicht. Aber ideal für Künstler. Der Konstanzer Boris Petrovsky lässt darin Geräte reden – und ist Red und Antwort gestanden.

19. November 2012, 07:46
DIETER LANGHART

Der Mann kann reden. Ausholend, ausführlich, informativ. Durchaus sympathisch, aber anstrengend, denn er redet über seine Arbeit, bevor das Publikum sie gesehen hat. Boris Petrovsky heisst der Mann, er ist Künstler in Konstanz und beschäftigt sich mit «Zeichen und Sprache in einer mediatisierten Welt». So steht es, englisch, in der knappen Biographie auf seiner Homepage.

Das Podium ist gut vorbereitet

Die Kunstkommission Campus hat den Licht- und Medienkünstler für das diesjährige Künstlergespräch eingeladen. Boris Petrovsky (der mit Lichtinstallationen 2009 im Kunstraum Kreuzlingen und im September an der Kunstnacht zu sehen war) hat den Lichthof des Gebäudes M ausgewählt, wo 2011 Max Bottini die Popcorn-Pfannen tanzen liess – bevor er sich mit Studenten und Schülerinnen unterhielt.

Tamara Fischer und Rosam Keller von der PMS und Raphaela Miller und Vitus Forrer von der PHTG haben sich ausgezeichnet vorbereitet. Sie sitzen mit Boris Petrovsky und Moderatorin Heidi Schöni am Tisch, die sie auffordert, «das Geheimnis des perfekten Chaos zu lüften». Probleme? «Noch funktioniert die Installation nicht ganz», antwortet Petrovsky (und prompt will die Software beim nachfolgenden Rundgang zuerst nicht, wie sie soll). Rosam Keller hat sich im Atelier umgesehen. Der Künstler bezeichnet es als «strukturierte Müllhalde» und «mein 3D-Skizzenbuch»; seine Installation sei ebenfalls ein strukturiertes Gewirr. Doch dem Ungeordneten im «Vergerät» würden die User (siehe Kasten) eine Struktur zuordnen, würden eine neue Situation schaffen, die mehr Klarheit gebe – «wie im Alltag: durch Reaktion auf Wahrnehmungen». Und Interaktion sei ihm wichtig gewesen bei seinem Projekt, das lernfähig und deshalb unkontrollierbar sei. Und nie fertig als Kunstwerk.

«Leben in einem Technotop»

Petrovsky geht es um die Sprache und um Raum, in dem Wirklichkeit erzeugt werde. «Sprache gibt eine formale Struktur, die dennoch offen ist.» Ihm habe er sich geradezu aufgedrängt, der von überall her einsehbare, aber nicht zugängliche Lichthof, in dem sich Räume und Menschen spiegeln.

Woher kommt das Wort «Vergerät»? Petrovsky verweist ironisch auf Stefan Raabs «der Gerät». Der Innenhof sei «vergerätet – und vielleicht <vergerädt> meine Installation». Was inspiriert Petrovsky? «Ich beobachte den Alltag, die Menschen, die Dinge. Wir leben in einem Technotop, in einer posthumanistischen Welt, unser Verhältnis zu den Dingen prägt unsere Sprache und Verhaltensmassstäbe.» Eine gewisse Technikkritik räumt der Künstler ein. Ist sein Spiegel unserer Abhängigkeit von Geräten positiv oder gefährlich? «Beides. Sie kosten Zeit und Geld und können zu Fetischen werden wie der Gartentraktorsimulator aus dem Baumarkt.» Das Publikum grinst.

Leise summt der Ventilator

Heidi Schöni will das Gespräch öffnen, doch niemand hat Fragen. Dann begeben sich alle in den Lichthof, einige greifen sich die sechzehnseitige Dokumentation. Nach einigen Minuten will die Software wieder, und hier seufzt ein Staubsauger, da ruckelt eine Kettensäge, hier summt ein Ventilator, drüben ein Föhn.


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