Denkräume öffnen

ARBON. Der St.Galler Künstler Jan Kaeser ist in der Galerie Bleisch mit einer vielschichtigen und beeindruckend durchdachten Ausstellung zu Gast.
17. August 2013, 09:34
MARTIN PREISSER

Ein Fuchsschwanz, durch einen kleinen Motor angetrieben, wedelt zur Begrüssung des Galeriebesuchers täuschend echt zwanzig Sekunden mit dem Schwanz. Eine erste Hin- und Her-Bewegung, die als Thema einen roten Faden in der Ausstellung bilden könnte. Hin und her bewegt Jan Kaeser auch seinen Bleistift. Vorwärts und rückwärts der Strich. «Ich muss mich auch rückwärts bewegen, um vorwärts zu kommen», sagt der St. Galler Künstler. Die eigenwilligen Formen auf den Zeichnungen entstehen erst beim Zeichnen selbst, ohne vorgefertigtes Konzept oder bewusstes Kalkül. Oft eingesponnen wie in Kokons zeigen sich Formen und Gebilde, die Jan Kaeser auch über die seinen Strich nicht einengenden Ränder des Bildträgers hinaus weiter wachsen und sich ausdehnen lässt.

Dehnungen

Jan Kaeser mag auch dem bisweilen Skizzenhaften der Bleistiftbewegung einen künstlerischen Eigenwert zuzuschreiben. Durch verschiedene Wiederholung der Hin- und Her-Bewegung entstehen schwebende Gebilde, eine Art Kissen oder Dehnungen oder Blähungen, die zwischen organisch und abstrakt changieren und keinen formal vorschnellen Sinn haben müssen. Kaesers Zeichnungen sind bei allem Zufälligen intensive Einladungen das Gesehene innerlich weiter zu zeichnen und in der Phantasie weiterwachsen zu lassen. Unterschiedliche Dichtegrade geben den Bildern geheimnisvolle Konzentration und intensive Formkraft.

Egal ob bei den Zeichnungen, den Wort-Arbeiten oder den verschiedenen Objekten: Kaeser öffnet, natürlich lange vorgedacht, mit fast leicht wirkender Hand Denkräume, lädt zu Reisen in Zwischenräume ein, zum Pendeln im Hin und Her. Und ob ein Rest Fuchsfell die Bleistiftzeichnung bricht oder Verbotsschilder sich selbst aufheben: Fast mit luftiger Geste entlässt der Künstler den Betrachter vom Festgefügten ins Unbekannte und Irritierende, wobei das Aufbrechen des Bekannten nie um eines blossen Effekts geschieht, sondern als Angebot neuer Seh- und Denkweisen.

«Es ist strengstens verboten, sich über dieses Verbot Gedanken zu machen», steht auf einer der roten Verbotstafeln mit dem Un-Datum 31. April. Mit dieserart Verbotstafel erobert sich der Künstler Freiheit auf einer neuen Ebene zurück. Dieses Spiel mit den Verbotstafeln mag man fast wie eine «Gebrauchsanleitung» zu Jan Kaesers Kunst an sich lesen.

Fingerzeige und Türöffner

Viele Arbeiten sind sehr interessante, aber nie «verkopfte» Fragestellungen, Fingerzeige und Türöffner zu neuen Wahrnehmungs- und Reflexionsebenen. Im fensterlosen Keller der Galerie hängt Kaeser einfach Papier an die Wand, auf den Blättern ist jeweils ein Noch-Nicht-Wort geschrieben. «Vielleicht finden sie ja dereinst Eingang in unseren Wortschatz», sagt Jan Kaeser und meint es nicht kokettierend. «Wahnsinnlich», «pinselbst» oder «steinsam» sind solche Worte, die wieder hin und her pendeln und neue Zwischenräume für neue Wortfarben und Wortemotionen öffnen. Geht das Licht aus, leuchten diese Wörter in fluoreszierendem Grün wie ein dunkles Wort-Aquarium, eine schwebende Unterwasserbuchstabenwelt, ein Raum vom Jetzt zum Traum, vom bekannten zum gedachten Wort-Sinn.

Im Aufbahrungsraum

Mutig setzt sich Jan Kaeser auch mit den Übergängen zwischen Leben und Sterben auseinander. 19 Särge, die immer kleiner werden und sich ineinander schachteln lassen wie russische Matrjoschka-Puppen, liegen genau gereiht in einer Art fensterlosem Aufbahrungsraum. Auch das zeigt Kaeser nicht effekthascherisch oder gar morbid, sondern als Angebot weiterzudenken, über mehrfache Tode, über Zwischenräume zwischen Toden, über die seltsame Verdrängung des Sterbens in unserer Zeit – offen, aber intensiv und wieder mit dem Gedanken der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung, des Hin und Her des Lebens.

Vernissage: Sa, 17.8.,16–19 Uhr, Schlossgasse 4; bis 14.9.

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