Die Bunten wollen normal sein

Am weltweit einzigen grenzüberschreitenden Christopher Street Day in Kreuzlingen und Konstanz demonstrierten Schwule, Lesben und Transsexuelle für mehr Akzeptanz – auch und vor allem im Alltag.
15. Juli 2013, 01:36
SEVERIN SCHWENDENER

KREUZLINGEN. Zwar nicht ans andere (See-)Ufer, aber doch von einer Seite der Grenze auf die andere führte am Samstagnachmittag ein bunter Umzug: Am Christopher Street Day (CSD) wollten Schwule, Lesben und Transsexuelle nicht nur ihre Forderungen nach mehr Akzeptanz und Gleichstellung vorbringen, sondern vor allem auch zeigen, dass sie Menschen sind wie du und ich. Denn obwohl in den Medien meist spektakulär gekleidete Dragqueens oder in Strings tanzende Männer mit trainiertem Körper gezeigt werden, war die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer am Umzug unspektakulär normal.

Schweiz ist konservativ

Einer dieser Normalos ist beispielsweise der in Zürich lebende Gary Kingscote-Burton: seit 18 Jahren mit seinem Freund zusammen, seit sieben Jahren verheiratet. Kingscote-Burton stammt aus Wales, und er ortet für die Schweiz in Sachen Akzeptanz von Homosexuellen grossen Nachholbedarf. «Die Schweiz ist in dieser Hinsicht ein sehr konservativer Ort», sagt er. «In Grossbritannien ist die Akzeptanz Homosexueller grösser, weil es die Leute schon länger und öfter sehen. Bekannte Sportler sind geoutet, im Fernsehen oder in TV-Shows wird Homosexualität häufiger und als völlig normal gezeigt – das führt zu mehr Akzeptanz.» Entsprechend hält er auch Demonstrationen wie den CSD für sehr wichtig. «Die Schweiz hat hier noch einen langen Weg vor sich», meint er.

Stadt-Land-Graben

Gerade im Alltag sei es mit der gelebten Akzeptanz nicht so weit her, findet auch Silvie Lehmann, die mit ihrer Freundin an den CSD gekommen ist. «Viele sind bei der Arbeit nicht geoutet.» Besonders kritisch wird es, wenn es um das Thema Familie geht. «Wir möchten eine Regenbogenfamilie gründen», sagt Lehmann, «und wir überlegen uns, ob wir deswegen in die Stadt ziehen müssen. Die Anonymität dort macht das Leben für eine Regenbogenfamilie einfacher. Aber eigentlich würden wir lieber auf dem Land leben.» Eine zentrale Forderung des Christopher Street Day ist auch die rechtliche Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Partnerschaften.

Vor der Grenze noch verhalten

Dass im ländlich geprägten Thurgau homosexuelle Themen aber weniger ansprechen, zeigte sich exemplarisch am Umzug. Zwar laut und bunt, aber doch verhalten zog er vom Bärenplatz zum Hauptzoll, um erst ennet der Grenze richtig in Schwung zu kommen.


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