Thurgauer Pionierarbeit zahlt sich aus

PSYCHIATRIE ⋅ Seit zehn Jahren bietet die Thurgauer Kinder- und Jugendpsychiatrie Multisystemische Therapien an. An einer ­Jubiläumsveranstaltung zogen die Verantwortlichen eine sehr gute Bilanz über dieses Angebot.
29. September 2017, 05:18

«Mir hat dieses Prinzip sofort eingeleuchtet», sagte Regierungsrat Jakob Stark an der Jubiläumsfeier für zehn Jahre Multisystemische Therapien im Kanton Thurgau. «Wenn die Idee gut ist und sogar noch Kosten reduziert werden können, hat so ein Programm gute Chancen.» Stark war es, der als damaliger Vorsteher des Departements Erziehung und Kultur im Jahr 2007 einem Pilotprojekt für die Multisystemischen Therapien (MST, siehe Kasten) im Thurgau auf den Weg brachte, nachdem ihm Ärztin Regula Hotz von der neuen, erfolgreichen Methode aus den USA erzählt hatte. «Wenn man Familien stabilisieren kann und es keine Fremdplatzierungen braucht, ist das für sie und die ­Gesellschaft ein irrsinniger Gewinn», sagt Stark.

Im Rathaus Weinfelden feierten die Verantwortlichen der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste vergangene Woche das zehnjährige Bestehen des Angebots. Der Kanton Thurgau hatte als Erster im gesamten deutschsprachigen Raum die Therapie ins Programm aufgenommen.

Die Politik steht hinter dem Projekt, die Basis zieht mit

«Der Support von höchster Stelle ehrt uns», sagt Bruno Rhiner, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Thurgau, an der Feier. Es sei rückblickend einmalig gewesen, wie die drei beteiligten Departemente zusammengearbeitet hätten beim Aufbau des Programms. Sie hätten sich zusammengesetzt und die Kosten unkompliziert aufgeteilt. «Wenn die Spitze hinter einem Projekt steht, zieht die Basis besser mit.» Bruno Rhiner dankte besonders Ute Fürstenau und Edith Schramm für ihre Aufbauarbeit. «Sie sind die MST-Macherinnen der ersten Stunde.»

Den Erfolg des Programms belegte Bruno Rhiner mit Zahlen. «Über 80 Prozent der Jugend­lichen, die in der Therapie waren, machten später eine Ausbildung, blieben in ihren Familien und ­delinquierten nicht mehr.» Früher seien solche Jugendliche wie heisse Kartoffeln behandelt und von einer Institution zur nächsten weitergereicht worden.

550 MST-Therapien sind in den zehn Jahren des Bestehns im Thurgau bereits durchgeführt worden, im Jahr 2011 kam eine weitere Variante dazu, die MST-CAN mit mittlerweile auch schon 130 Behandlungen. MST-CAN kommt zum Zug, wenn nicht die Kinder Probleme verursachen, sondern von ihren Eltern misshandelt oder vernachlässigt werden. Bei beiden Formen der sehr intensiven Multisystemischen Therapie sind die aufsuchenden Psychotherapeuten rund um die Uhr auf Abruf bereit. «Die unmittelbare Behandlung, während die Krise läuft, ist am wirkungsvollsten», sagt Rhiner. «Zudem sind die Probleme viel besser zu erkennen für unsere Mitarbeiter, wenn sie zu den Familien nach Hause gehen können.»

Mario Testa

mario.testa

@thurgauerzeitung.ch


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