Grosi Gubler gibt Gas

MUTIG ⋅ Als Kind wollte Brigitte Gubler immer eines: Klarinette spielen. 70 Jahre später hat sie sich ihren Traum erfüllt. Zu Besuch bei der ältesten Thurgauer Musikschülerin, die heute ihren 83. Geburtstag feiert.
14. Juli 2017, 17:13
Donat Beerli

Donat Beerli

donat.beerli

@thurgauerzeitung.ch

 

Wenn Brigitte Gubler Geschichten erzählt, lachen am Schluss immer beide. Die Erzählerin und der Zuhörer. Er über die Geschichte, sie über sich selbst. Und Geschichten hat die 83-Jährige einige auf Lager: «Schauen Sie mal her», sagt sie, schiebt den Gartenstuhl zur Seite und zieht das Hosenbein hoch. Zum Vorschein kommen weiss grundierte Zehennägel mit aufgemalten Notenschlüsseln. Damit ist sie Anfang Juli an der Hochzeit ihres Enkels aufgetaucht. «S Grosi musste sich wieder mal einen Gag einfallen lassen», sagt Gubler und lächelt. Die Nägel sehen nicht ohne Grund so aus. Wie die ganze Familie spielt auch Gubler ein Instrument. Nur musste sie 70 Jahre warten, um es zu erlernen.

Als sie in Märstetten aufwuchs, gab es noch keine Musikschule. Die Dorfmusik war den Männern vorbehalten – und in der Familie tat man, was der Vater sagte. «Mein Pech war, dass der Klarinettenspielende Nachbar ihn zur Weissglut brachte.» Und wenn der Vater darum dagegen war, dass die Tochter Klarinette spielt, war das halt so. Böse sei sie ihm deswegen nie gewesen. Wogegen der Vater nichts hatte, war Blockflöte. «Das kommt nicht gut», habe sie schnell gewusst. «Ich hatte schon damals meinen eigenen Kopf.» Der Blockflötenlehrer war gleichzeitig auch Dirigent der Dorfmusik. «Immer die gleichen, langweiligen Lieder», erzählt Gubler. Statt wie aufgetragen, lernte sie darum auf eigene Faust den Zürcher Jugendmarsch. Als der Dirigent das nächste Mal vorbeikam, – er stieg gerade die Treppe zum Haus hoch – machte sie das Fenster auf, «damit er hören konnte, dass ich nicht das übe, was er wollte», sagt Gubler und lächelt schelmisch. Es war das letzte Mal, dass der Dorfdirigent auf Besuch kam. Und das letzte Mal, dass Brigitte Gubler unfreiwillig eine Blockflöte in die Hand nahm.

Später habe dann einfach die Zeit gefehlt, sagt sie. Gubler arbeitete, pflegte die kranken Eltern, heiratete, bekam vier Kinder, die sie auf Trab hielten. Die Liebe zur Musik blieb, aber die Liebe zur Klarinette rückte in Vergessenheit.

Eine Stunde täglich Klarinette üben

Bis vor zwei Jahren. Sie kam aus dem Konzert ihres Enkels und sagte zu Sohn Matthias: «Wenn ich doch früher nur ein Instrument gespielt hätte.» Von da an ging es schnell. Der Sohn besorgte ihr eine Klarinette und sie meldete sich bei der Bläserklasse in Weinfelden an. Heute ist sie im fünften Semester mit dabei und übt jeden Tag eine Stunde. «Ich muss dranbleiben, aber es geht besser als ich dachte.» Etwas habe sie ihren Kollegen schon am ersten Tag klar gemacht: «Seid ehrlich. Ich will keine Sonderbehandlung, nur weil ich viel älter bin als ihr.»

Besonderer Rücksicht bedarf sie nicht, sagt Niculin Janett, der die Bläserklasse an der Musikschule Weinfelden leitet. Er bewundert Gubler für ihre Entscheidung, in ihrem Alter noch ein Instrument zu lernen. «Das braucht unheimlich viel Mut, gerade weil der Unterricht innerhalb der Gruppe abläuft.»

Sie muss sich um das Smartphone kümmern

Ja, das Musizieren mache einfach viel Spass, sagt Gubler. Genauso viel Spass habe sie aber auch am «Eis go zieh» nach der Probe. «Da ist die Älteste immer mit dabei.» Aktivitäten hat sie auch sonst einige: Mit 83 Jahren schmeisst sie immer noch den Garten, ist in einer Wandergruppe, fährt Velo, turnt und geht zum Seniorentanz. «Ich weiss nicht was passiert, wenn ich mich nicht mehr bewegen kann.»

Initiativ sein werde im Alter noch wichtiger. «Und wenn man da nicht offen ist, wird man langweilig», sagt sie und wirkt dabei zum ersten Mal ein wenig nachdenklich.

Kürzertreten kommt für Gubler nicht in Frage. «Alles, was ich mache, hält mich jung.» Was steht als nächstes an? Ein Smartphone. Für die Wandergruppe müsse sie einen Chat installieren. «Da muss ich mich jetzt mal drum kümmern.»


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