Bewegende Momente im Jahr 2017

JAHRESWECHSEL ⋅ Das Jahr 2017 dauert nur noch wenige Stunden. Wir haben uns auf den Weg durch den Thurgau gemacht und wollten von zehn Thurgauern wissen, was sie im auslaufenden Jahr bewegte, was sie nachdenklich, traurig, fröhlich oder gar euphorisch stimmte.
30. Dezember 2017, 05:23
Chris Marty

Chris Marty

thurgau@thurgauerzeitung.ch

 

Der Frauenfelder Julian Thorner ist bei Radio SRF 3 seit 2016 die Stimme des Thurgaus. «Besonders bewegt hat mich 2017 mein Studienabschluss in Kommunikation. Radio machen und Studium, das war eine enorme Doppelbelastung. Ich musste oft meinen inneren ‹Schweinehund› besiegen, um durchzuhalten», gibt der Moderator preis. «Beruflich war ‹Ready, Steady, Golf!›, die Reise mit dem Golfball quer durch die Schweiz ein besonderes Erlebnis. Aber auch bewusster Geniessen und Leben seien für ihn, der dieses Jahr dreissig wurde, zum Thema geworden: Mehr offline und weniger online. Er sagt: «Wir sollten uns im kommenden Jahr auf unsere Erfolgsfaktoren besinnen und darüber reden, aber auch vermehrt zuhören und aufeinander zugehen.

Im «Leue – üsi Beiz» in Diessenhofen treffen wir Maja Bodenmann (CVP), seit 2014 Kantons- und 2015 Stadträtin von Diessenhofen: «Im auslaufenden Jahr hat mich die Debatte über das Frühfranzösisch besonders bewegt. Ich wäre dafür gewesen, dass Französisch auf die Sekundarstufe beschränkt worden wäre und dafür Deutsch auf der Primarstufe eine Stärkung erfahren hätte.» Beschäftigt hat sie auch die Erhöhung des Sprachniveaus bei Einbürgerungen und die Frage nach der Motivation, um das Schweizer Bürgerrecht zu erlangen. Auch privat hatte sie bewegende Momente: «Einerseits hatte ich dieses Jahr einen runden Geburtstag und auf der anderen Seite steht der Entscheid, den Mietvertrag für den ‹Leue – üsi Beiz›, wo ich mich aktiv engagiere, aus personellen Gründen per Ende April zu kündigen. Ich hoffe aber, dass es mit dem ‹Leue› trotzdem weitergeht. Ich wünsche mir, dass 2018 weltweit wieder mehr Ruhe einkehrt: Vor allem die Unberechenbarkeit von Donald Trump macht Angst.›»

Exakt an seinem 67. Geburtstag an Heiligabend treffen wir einen strahlenden Kliby bei sich zu Hause in Kreuzlingen. Rückblickend auf Bewegendes im Jahr 2017 holt er aus: «Am 4. Juli planten wir Ferien auf dem Bodensee. Der Kühlschrank war voll und das Boot startklar. Dann kam von meinem Arzt die Diagnose ‹sofort operieren›! Ich hatte schon länger grosse Atemnot. Wir vermuteten zuerst, es sei Asthma. Dem war aber nicht so: Mein Herz hatte nur noch zehn Prozent Durchblutung. Es musste sofort gehandelt werden! In einer Operation bekam ich vier Bypässe, und ich musste sieben Wochen pausieren! Danach sagten die Ärzte ‹Ihr Herz ist wieder so gesund, das hält spielend noch dreissig Jahre!›» Und 2018: «Ich habe nichts Negatives bestellt. Seit der Operation lebe ich bewusster.» Nach einer Pause fällt ihm noch ein: «Doch, ich freue mich 2018 wieder auf den See.»

In Romanshorn treffen wir auf Myriam Brunschwiler (Romanshorn). «Mich haben 2017 all die Menschen bewegt, die Freiwilligenarbeit leisten. Darüber spricht man viel zu wenig, dabei leisten zum Beispiel Mütter mehr als ein Drittel des gesamten Arbeitsvolumens! Für 2018 wünsche ich mir, dass ich aus Menschlichkeit weiterhin Freiwilligenarbeit leisten kann.»

Ihr Partner, Urs Brunschwiler, hat sich im auslaufenden Jahr mit dem Lehrplan 21 in der Volksschule auseinandergesetzt: «Er macht mir nicht eigentlich zu schaffen, aber ich finde, dass mit grosser Kelle angerührt wird.» 2018 wünscht er sich, «dass die Schweiz einen guten Weg findet und trotz der derzeitigen politischen Erpressungsphase ihre Eigenständigkeit und Mentalität bewahren kann. Ich wünsche mir auch, dass sich Ausländer uns anpassen und ausländische Frauen innerhalb ihrer Familien mehr Freiheiten erhalten.»

Ohne lange zu zögern, mag auch Leandra Gienuth aus Häggenschwil aus ihrem Leben 2017 berichten. Sie haben wir in Amriswil getroffen: «Meine Tochter ist dieses Jahr in die Schule gekommen. Das war für mich ein erstes Loslassen und ein kleiner Neuanfang. Ich wünsche mir, dass sie auf- und angenommen wird und sich wohl fühlt.» Auf das Jahr 2018 angesprochen, meint sie: «Mein Wunsch umfasst das Wichtigste: Dass wir alle gesund bleiben. Es darf ruhig so weitergehen, wie bis jetzt.»

Für Tabea Peter (Puppikon), die wir in Weinfelden treffen, war das Jahr 2017 das grosse Los: Sie hat als Hotelfachfrau mit der Kantonsbestnote abgeschlossen: «Zu Beginn der Lehre sagte mir mein Lehrmeister: ‹Schau, schliesst Du mit einer Note besser als 5,4 ab, machen wir eine Reise in eine europäische Stadt›.» Strahlend fügt sie an: «Als Kantonsbeste reisen wir nun im April in die USA, von New York, nach Los Angeles, dann weiter nach Toronto, San Francisco und wieder zurück nach New York.» Und 2018: «Ich nehme mir nichts vor, damit ich nicht enttäuscht bin, wenn es nicht in Erfüllung geht.»

Auch Markus Schüepp aus Frauenfeld hat 2017 Grosses erlebt: «Ich bin dieses Jahr mit meiner Partnerin zusammengezogen. Gemeinsam betreuen wir seit Anfang Mai nun die Alterssiedlung Reutenen mit rund 93 Mietern. Wir haben uns damit aufs Glatteis begeben, aber mit Erfolg, denn unsere Eindrücke sind ausgezeichnet und die Mieter sind sehr zufrieden. Alle kommen mit ihren Freuden und Problemen zu uns, was wir sehr wertschätzen.» Strahlend fügt Schüepp an: «Aus Dankbarkeit haben wir zu Weihnachten viele Geschenke erhalten.» – Einzig die Reaktionen in ihrem persönlichen Umfeld seien überraschend gewesen, berichtet er. Schmunzelnd fügt er an: «Wenn wir jeweils berichten, wir wohnten jetzt in einer Alterssiedlung, komme postwendend die Antwort: ‹Seid Ihr nicht etwas zu jung dafür?›» – «2018 darf es bleiben wie es ist. Wir hätten aber auch Potenzial, um noch besser zu werden!» erzählt Schüepp weiter.

Unseren nächsten Gesprächspartner treffen wir am langen Esstisch des Kinderheims «Splis – Sozialpädagogische Pflegefamilie und Lebensgemeinschaft im Speicher» in Frauenfeld. Er ist Ausdauersportler, ein grosser Helfer der Armen und Arzt mit eigener Praxis in Matzingen: Andreas Schneider. «Für 2018 habe ich einen sehnlichen Wunsch: Einen Schweizer Arzt, der in Matzingen in der Hausarztpraxis mithilft», sagt er und fügt hinzu: «Dazu hätte ich noch gerne eine Erleuchtung, wie man dem Humanismus wieder mehr Wert zukommen lassen könnte. Ich wünsche mir mehr gesunden Egoismus und die Bereitschaft, mehr für andere zu schauen. Für sich schauen ist gut, damit man auch anderen helfen kann.» Und: «Schlussendlich sind alles Menschen.»

Wilfried Bührer aus Frauenfeld ist Kirchenratspräsident der evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau. Sein Jahr war geprägt durch das Jubiläum «500 Jahre Reformation»: «Sehr berührt hat mich in diesem Zusammenhang der Jubiläumsgottesdienst mit Abendmahl Ende Oktober in Weinfelden, an dem Menschen quer durch alle Parteien und Generationen teilgenommen haben.» Auf die Weltlage im auslaufenden Jahr angesprochen, meint er: «Ich würde nicht unbedingt in den Chor einstimmen, dass es immer schlimmer wird.»

Für 2018 wünscht Wilfried Bührer den Jungen gute Bedingungen für den Schritt ins Leben: «Ich habe manchmal das Gefühl, sie hätten es schwieriger, als wir es noch hatten.» Er wünscht sich aber auch, dass seine Generation und die Älteren nicht allzu sehr auf Kosten der Jungen leben, als Stichwort nennt er die Altersvorsorge und die Umweltbelastung, und dass noch etwas für die nächste und übernächste Generation übrig bleibt.


Anzeige: