Schweizer können nicht überholen

LANGSAMVERKEHR ⋅ Pro Velo Thurgau fordert einen Mindestabstand beim Überholen von Velofahrern. Denn ­hierzulande wird oft knapp überholt – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil das Bewusstsein für die Gefahr fehlt.
07. Mai 2017, 05:17
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Eddie Kessler ist ein sehr guter Velofahrer. Seit 15 Jahren gibt er Velofahrkurse. Trotzdem sagt er: «Auf Schweizer Strassen ist mir nicht immer wohl.» Oft wird er zu nah überholt, bei manch beobachteter Situation kann er nur den Kopf schütteln. Der Kreuzlinger ist Sicherheitsbeauftragter von Pro Velo Thurgau und setzt sich für einen gesetzlich festgehaltenen Mindestabstand beim Überholen von Velofahrern ein. Die heutige Vorschrift, dass mit «ausreichend Abstand» überholt werden muss, sei zu schwammig und werde nicht richtig überprüft. Auch sind Fahrlehrer so nicht in der Pflicht, ihren Schülern das korrekte Überholen von Velofahrern beizubringen. Das knappe Überholen geschieht nicht aus Böswilligkeit der Autofahrer, wie Kessler betont. Die Sensibilisierung für das Thema fehle. Er hat auch schon Autofahrer auf ihre Überholmanöver angesprochen. «Meistens sind sie verblüfft und haben es gar nicht bemerkt.» Beim Überholen gerät das Velo in einen toten Winkel. «Erst im Rückspiegel sieht der Autolenker: Ah, es ist nichts passiert. Dann hat es ja gereicht.»

Eine Frau ohne Helm wird vorsichtig überholt

Pro Velo Thurgau hat im vergangenen Jahr eine Kampagne mit dem Motto «Abstand ist Anstand» lanciert. «Seither haben wir einen Zuwachs an Mitgliedern. Beiträge zu diesem Thema in sozialen Medien erhalten überdurchschnittlich viele Rückmeldungen», sagt Kessler. Die Mitglieder haben an der Delegiertenversammlung von Pro Velo Thurgau den Antrag gestellt, dass sich der nationale Dachverband Pro Velo Schweiz um das Thema kümmert und bei den entsprechenden Bundesstellen vorstellig wird. Die übrigen Regionalverbände haben sich dem Antrag angeschlossen. «Es wirkt, als hätten viele auf einen solchen Vorstoss gewartet.» Wie der Dachverband vorgehen wird, kann Kessler nicht sagen. «Ich bin sehr optimistisch, dass es in Zukunft besser wird. Wir lassen nicht locker.»

In vielen anderen Ländern klappt das Überholen gemäss Kessler viel besser. In Frankreich und Deutschland etwa gibt es bereits entsprechende Gesetze. In England sind Polizisten in Zivil auf dem Velo unterwegs, was über die Medien auch entsprechend angekündigt wird. In Tennessee (USA) haben Polizisten ein Radargerät entwickelt, mit dem sie auf dem Velo den Abstand zum überholenden Auto messen können. Es gibt auch Studien zur Thematik. Der Sicherheitsbeauftragte nennt einige überraschende Resultate: Velofahrer mit Helm etwa werden risikoreich überholt, genauso wie langsame Zweiräder. «Was gerade für schlechtere Velofahrer und Kinder problematisch ist.» Auch wer ganz nahe am Randstein fährt, wird tendenziell knapp überholt. Zu Frauen dagegen halten Autofahrende mehr Abstand als zu Männern. Aus tief verwurzeltem Sexismus, wie Kessler erklärt: «Der Frau traut man nicht zu, dass sie sicher fährt.» Der Entscheid für oder gegen risikoreiches Überholen geschieht aber innerhalb von Millisekunden und deshalb unbewusst.

Im Thurgau arbeitet Pro Velo mit dem Tiefbauamt zusammen. «Wir suchen gemeinsam nach Lösungen, um den Veloverkehr sicher zu führen.» Da auch Radwege nicht immer sicher seien, konzentriere man sich auf gemischten Verkehr auf der Strasse. «Velofahrer müssen Autofahrern vertrauen können.» Weil das im Thurgau alleine kaum erreicht werden kann, setzt der Interessenverband auf ein nationales Gesetz und auf Sensibilisierung.


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