«Prozente? Wir wollen unseren Sitz!»

Parteien vor der Wahl (4/9). Der Schock hat die Partei wachgerüttelt. Die Thurgauer FDP ist zuversichtlich, den vor vier Jahren verlorenen Nationalratssitz zurückzugewinnen, sagt Parteipräsident Walter Schönholzer. Gestärkt blasen die Freisinnigen im Wahlherbst zum Gegenangriff.
20. Juli 2015, 02:40
SILVAN MEILE

Herr Schönholzer, wird die FDP ihren Thurgauer Nationalratssitz zurückgewinnen?

Walter Schönholzer: Ich bin sehr zuversichtlich. Sicher kann man aber nie sein. Der Wähler wird bestimmen.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Schönholzer: Einerseits die Arbeit, die wir in den letzten Jahren im Kantonsrat machten, anderseits spricht der nationale Trend für uns. Unsere Kernkompetenzen Wirtschaft, Finanzen und Bildung sind gerade in der jetzigen Zeit gefragt. Wir stehen für Lösungen, die funktionieren. Nach vielen Jahren mit Abwärtstrend zeigen die Prognosen wieder nach oben. Ich hoffe, dass sich dies auch im Thurgau bewahrheitet. Die Zeichen dafür stehen gut. In den letzten kommunalen Wahlen legten wir in allen Thurgauer Gemeinden mit einem Parlament zu. Und als Absicherung haben wir noch eine Listenverbindung. Deshalb wird es uns gelingen.

Die grosse Erkenntnis der letzten Wahlen sind, dass es eben doch nicht ohne Listenverbindung geht?

Schönholzer: Die Situation im Jahr 2011 war ganz anderes. Wir kamen ohne Bisherigen, und die zwei neuen Mitteparteien BDP und GLP traten erstmals an. Es ist ein Fakt, dass beide rund fünf Prozent Stimmen machten. Wir unterschätzten das in den letzten Wahlen.

Seit 1987 verlor die Thurgauer FDP bei eidgenössischen Wahlen laufend an Stärke, von damals 18,5 auf 11,2 Prozent im Jahr 2011. Läuten Sie nun die Kehrtwende ein?

Schönholzer: Ja. Ich rechne wirklich damit, dass es jetzt aufwärtsgeht. Trotzdem müssen wir sehen, wo wir stehen. Wir waren einst die staatstragende Partei, die alle sieben Bundesräte stellte. Nur weil jetzt der Trend nach oben zeigt, sollten wir nicht gleich in Jubel ausbrechen. Wir sind noch lange nicht am Ziel. Wir müssen unsere Positionen und Werte wie Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt weiterhin bekanntmachen und vor allem die Wähler auch mobilisieren.

Aber der Aufwärtstrend fördert bestimmt die Moral in der Partei. Ist das spürbar?

Schönholzer: Es ist natürlich einfacher, so zu politisieren und macht mehr Spass, wenn man zu den Gewinnern gehört. Das ist dann besonders für Jüngere wieder attraktiv.

Ist dieser moralische Aufwind auch bei den Parteieintritten spürbar?

Schönholzer: Ja. Wir verzeichnen insbesondere im Jahr 2015 tatsächlich verstärkt Neueintritte. Es macht wieder Freude, bei der FDP dabei zu sein. Die Parteibasis kann in der Öffentlichkeit wieder mit Stolz sagen: «Ich bin bei der FDP.»

Wie viele Mitglieder haben Sie aktuell?

Schönholzer: 1600.

11,2 Prozent bei den letzten Wahlen. Wie viel Prozent wollen Sie im Herbst erreichen?

Schönholzer: Wir wollen einen Nationalrat oder eine Nationalrätin. Mit wie viel Prozent ist mir vorerst ziemlich egal. Wir wollen diesen Sitz unbedingt zurück – unbedingt.

Soll dieser Sitz auf Kosten der GLP gewonnen werden?

Schönholzer: Die GLP gewann damals den Sitz. Er hätte auch auf die BDP fallen können, das war ja so knapp. Uns schmerzt, dass wir den Sitz verloren. Böse sind wir aber auf niemanden. Aus heutiger Sicht wurde dadurch unsere Partei aufgerüttelt. Nach dem Schock positionierten wir uns erfolgreich neu. So sehr wir den Verlust noch immer bedauern, so klar sagen wir nun, dass wir den Sitz zurück haben wollen.

Dafür haben Sie sich diesmal mit einer breiten Listenverbindung abgesichert?

Schönholzer: Wir wollen als Partei den Sitz grundsätzlich aus eigner Kraft holen. Im Thurgau braucht es dafür 17 Prozent Wähleranteil. Das ist sehr schwierig und schafft eigentlich nur die SVP. Deshalb brauchen alle anderen Parteien eine Listenverbindung.

Auf der eigenen Liste vermeiden Sie den Ausdruck Spitzenkandidat. Wie ist die Reihenfolge auf der FDP-Wahlliste zustande gekommen?

Schönholzer: Hermann Hess ist der einzige Kandidat, der zum zweiten Mal kandidiert. Die Parteileitung entschied deshalb, dass er als Belohnung dafür den ersten Listenplatz bekommt. Die restlichen Kandidaten sind alphabetisch aufgeführt.

Das hat zur Folge, dass Regierungsrat Kaspar Schläpfer als prominentester Vertreter auf dem letzten Listenplatz auftaucht. Hat er nichts dagegen?

Schönholzer: Auch er war damit einverstanden. Die Parteileitung hat so entschieden. Diese Regel ist nicht verhandelbar. Alle haben die gleichen Chancen. Und alle auf unserer Liste wissen, dass die Chancen gross sind, dass wir einen Sitz holen. Somit sind sie topmotiviert, in ihrem Umfeld Stimmen zu holen. Das ist auch für uns als Partei eine phantastische Ausgangslage. Unsere Kandidaten sind alle glaubwürdig, wissen, wovon sie reden und haben das in der Praxis bewiesen.

Wieso stehen Sie selber nicht auf der Liste?

Schönholzer: Das Amt als Nationalrat lässt sich aus meiner Sicht nicht kombinieren mit jenem als Gemeindepräsident einer kleineren oder mittleren Gemeinde. Denn er ist ein Teil der Verwaltung und arbeitet direkt mit. Dafür haben ihn die Bürger gewählt. Ausserdem bin ich als Parteipräsident verantwortlich für den Wahlkampf. Diesem möglichen Interessenkonflikt weiche ich bewusst aus.

Und was denken Sie über eine eigene Kandidatur als Nachfolger des zurücktretenden Regierungsrats Kaspar Schläpfer im kommenden Februar?

Schönholzer: Das wäre für mich tatsächlich eine interessante Perspektive. Dieses Exekutivamt reizt mich. Es wird aber die Partei sein, die schliesslich nominiert. Und wählen wird ja der Bürger. Ich möchte mich der Partei aber für dieses Amt zur Verfügung stellen.


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