Opfer behördlicher Willkür erhält Preis

Walter Emmisberger wurde als Kind fremdplaziert. Er machte das Leid, das ihm Thurgauer Pflegeeltern zugefügt hatten, öffentlich. Für sein Engagement für Pflege, Heim- und Verdingkinder zeichnet ihn seine Wohngemeinde mit einem Förderpreis aus.
30. Dezember 2013, 02:36
INGE STAUB

FEHRALTORF. Das ehemalige Thurgauer Pflegekind Walter Emmisberger wird erneut geehrt. Der 57-Jährige erhält am 30. Januar einen Förderpreis seiner Wohngemeinde Fehraltorf ZH. «Er bekommt diesen Preis für sein Engagement im Verein Fremdplaziert und für den Mut, ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte ans Licht zu bringen», erklärt Nadine Hangartner, Assistentin des Gemeindeschreibers. Walter Emmisberger erhalte den Preis stellvertretend für alle Fremdplazierten. Emmisberger freut sich sehr über diesen Preis: «Was für eine Ehre. Die Gemeinde Fehraltorf setzt damit ein Zeichen.»

Im September war Emmisberger bereits vom «Beobachter» ausgezeichnet worden. Walter Emmisberger, Bernadette Gächter, Ursula Biondi und Jean-Louis Claude erhielten den Prix Courage. «Alle vier Preisträger traten mit ihren persönlichen Erlebnissen an die Öffentlichkeit und legten so stellvertretend für unzählige andere Betroffene beschämende Einzelbeispiele für behördliche Willkür offen», so die Jury.

Im Gefängnis Tobel geboren

Walter Emmisberger kam 1956 im Thurgau, im Gefängnis in Tobel, unehelich zur Welt. Vermutlich wurde seine Mutter administrativ versorgt. Die Sozialbehörden brachten ihn im Kinderheim Birnbäumen St. Gallen unter. Nach sechs Jahren kam er in Pflegefamilien, zunächst in ein Dorf am Untersee. «Die Pflegeeltern misshandelten mich schwer und sperrten mich in einen dunklen Keller ein», erinnert er sich. Einer Lehrerin fiel auf, dass es dem Buben nicht gut ging. Er kam dann zu neuen Pflegeeltern, einem Pfarrehepaar im Hinterthurgau. Doch dort erging es ihm nicht besser. «Der Pfarrer schlug mich viel und sperrte mich in die dunkle Besenkammer», sagt er. Zudem brachten ihn die Pfarrersleute in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen, wo pharmazeutische Wirkstoffe an ihm getestet wurden. Dies belegen seine Akten.

Verein gegründet

Walter Emmisberger, der noch heute unter den Folgen der Misshandlungen leidet, hat seine Geschichte öffentlich gemacht. Unter anderem in der Thurgauer Zeitung. Damit ehemalige Pflege-, Heim- und Verdingkinder eine Stimme haben, hat Walter Emmisberger den Verein Fremdplaziert gegründet. «Der Verein gibt Menschen, die wie ich bei Pflegeeltern oder in Heimen Leid erfahren haben, eine Plattform, um ihre Geschichten zu erzählen», sagt er. Auch vertritt der Verein die Interessen seiner Mitglieder gegenüber Behörden.


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