«Keine Trauung im Kleinformat»

Für homosexuelle Paare sollen in den evangelischen Kirchen im Thurgau Segensfeiern durchgeführt werden können. Das soll die neue Kirchenordnung ermöglichen. Was bei den einen auf Anklang stösst, ärgert andere.
07. September 2013, 03:04
SEBASTIAN KELLER

«Wie kommt man dazu, im Namen Gottes etwas segnen zu wollen, das Gott verabscheut?» Das fragt Daniel Frischknecht aus Romanshorn in einem Leserbrief. Dass die evangelische Synode die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ermöglichen will, stört ihn. Frischknecht sitzt für die EDU (Eidgenössisch-Demokratische Union) im Grossen Rat, äussert sich aber als Privatperson. Er zitiert aus dem ersten und zweiten Testament: «Du sollst nicht bei einem Manne liegen, wie man bei einem Weibe liegt; das wäre ein Greuel.»

«Nochmals kritisch prüfen»

«Ich fordere die Synode auf, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in zweiter Lesung nochmals kritisch zu prüfen», sagt Frischknecht. Die Kirche sollte sich auf ihre Quelle Jesus Christus und das geschriebene Wort Gottes – die Bibel – besinnen und sich nicht dem gesellschaftlichen Zeitgeist unterwerfen. Mache sie das, verliere sie ihre Daseinsberechtigung.

Kein Plädoyer

Wilfried Bührer, Kirchenratspräsident, antwortet auf die Kritik: «Ich glaube, dass Jesus ähnlich reagiert hätte wie jüngst Papst Franziskus in einem Interview: <Wenn jemand schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht – wer bin ich, über ihn zu urteilen?>» Diese Aussage sei nicht automatisch ein Plädoyer für kirchliche Trauungen Homosexueller. Wenn die Kirche keine solchen Trauungen anbiete, müsse dies nicht als Verurteilung Schwuler und Lesben verstanden werden. «Die Lösung in der Kirchenordnung ist ein Kompromiss: Segenshandlungen sind möglich, nicht aber Trauungen.»

Bührer betont, auf Segnung bestehe kein Anspruch. Die neue Kirchenordnung sieht vor, dass der Pfarrer in Rücksprache mit der Kirchenbehörde eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen kann. Der Kirchenratspräsident rechnet nicht damit, dass dies in zweiter Lesung noch geändert wird. Umso mehr, als die Kirchenordnung nicht explizit von Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare, sondern nur allgemein von Segensfeiern bei wichtigen lebensgeschichtlichen Ereignissen redet – wozu auch das Eingehen einer eingetragenen Partnerschaft gehören könne. Bührer stellt klar: «Es geht nicht um Trauung im Kleinformat.» Es sei eher ein Nachvollzug. Die heutige Kirchenordnung stammt aus dem Jahr 1978. Seines Wissens fand die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paars im Thurgau erst einmal statt.

Spannungspotenzial ortet er in einer anderen Frage: «Falls eine zivilrechtliche Trauung für Homosexuelle möglich wird, müsste dies neu diskutiert werden. Die Kirche muss aber das zivile Eheverständnis nicht automatisch nachvollziehen.» Heute gilt: Für eine kirchliche Trauung ist eine zivilrechtliche Bedingung, was auf die Frau-Mann-Verbindung beschränkt ist.

HOT begrüsst Segnung

Die Homosexuelle Organisation Thurgau (HOT) begrüsst es, dass die Synode die Segnung ermöglichen will. «Das sollte man unbedingt machen», sagt HOT-Präsident Roger Lienheer. «Es sollte auch ein Anstoss für andere Kirchen sein, Homosexuelle zu akzeptieren.»


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