Genug Energie für Energiewandel?

DISKUSSION ⋅ Dass die Atomkraft in der Schweiz keine Zukunft hat – darüber herrschte Konsens. Die Frage, an der sich beim CVP-Podium zur Energiestrategie die Gemüter erhitzten, war jedoch das Tempo, das beim Wandel angeschlagen werden sollte.
24. April 2017, 05:18
Christof Lampart

Christof Lampart

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Das Parlament hat zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 das Energiegesetz revidiert und so ein erstes Massnahmenpaket beschlossen. Es soll helfen, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und erneuerbare Energien zu fördern. Zudem wird der Bau neuer Kernkraftwerke verboten. Dagegen hatte die SVP knapp, aber erfolgreich das Referendum ergriffen, so dass der Souverän am 21. Mai über die Energiestrategie 2050 des Bundes an der Urne zu befinden haben wird.

Kompetente Kontrahenten

Wie viele Gesetze und Subventionen braucht es, um den Wandel nachhaltig zu forcieren? An dessen Ende die gesellschaftlich weitestmögliche Abkehr von fossiler Energie und die Hinwendung zu einem Wirtschaftsverständnis steht, das fast nur noch mit erneuerbaren Energien leuchtet, heizt, fährt und produziert?

Die CVP Arbon hatte am Donnerstagabend zum überparteilichen Podium ins «Felix»-Mediencafé eingeladen. Nach einer Einführung in das Thema durch Andrea Paoli, Leiter der kantonalen Energieabteilung, und unter der Moderation durch CVP-Kantonsrat Dominik Diezi, Stachen, kreuzten je zwei Befürworter und Gegner der Energiestrategie 2050 vor 35 Zuhörerinnen und Zuhörern verbal die Klingen. Während Josef Gemperle (CVP-Kantonsrat, Fischingen) und Daniel Eugster (FDP-Kantonsrat, Roggwil) für die Energiestrategie 2050 eintraten, sprachen sich Thomas Gemperle (SVP-Gemeinderat, Frauenfeld) und Armin Menzi (Energiejournalist, Frauenfeld) dagegen aus.

Für Josef Gemperle bietet die Energiestrategie 2050 mehrheitlich Vorteile: «Indem wir erneuerbare Energien fördern, betreiben wir Wertschöpfung vor Ort, schaffen Arbeitsplätze, beteiligen uns an Innovationen und tun etwas für die Umwelt.» Als gutes Beispiel könne er seinen eigenen Hof heranziehen: «Wir produzieren durch Fotovoltaik und Biomasse Strom für 100 Einfamilienhäuser.» Auch für Daniel Eugster ist dies die Energie der Zukunft. «Wir müssen unsere Energieversorgung von Grund auf überdenken und neu aufsetzen, denn die AKW werden eines nach dem anderen abgeschaltet – ohne dass die Abfallproblematik bis jetzt gelöst ist.» Dass in der Atomenergie weitergeforscht werden soll, sei okay, «aber ich sehe dort keine Chance, dass wir in den Sachen Sicherheit und Entsorgung Fortschritte machen». Für Paoli ist die heutige Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen – und somit auch vom Goodwill ­autoritärer Staaten– ein wichtiger Grund, weshalb man eine «energiemässig möglichst hohe Unabhängigkeit anstreben sollte».

«Der Wandel braucht Zeit»

Thomas Gemperle, der als Jungpolitiker den «Ausstieg vom Ausstieg» gefordert hat, empfiehlt heute einen bewussten Marschhalt: «Langfristig müssen wir aus der Atomenergie aussteigen, aber der Wandel braucht Zeit.» Der Wandel werde garantiert kommen, «aber dafür brauchen wir kein Energiegesetz. Auch die ­bisherigen Innovationen sind einfach so realisiert worden.»

Ähnlich sah dies Armin Menzi: «Die Energiestrategie gibt ­Ziele vor, die nicht erreicht werden können, weshalb es ehrlicher wäre, vorerst mit dem Status quo weiterzufahren und in der Zwischenzeit ein modernes Energiegesetz auszuarbeiten, das nicht nur die Energie, sondern auch die Raumplanung und die Mobilität beinhalten würde.» Das wäre laut Menzi «eine echte Vision».


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