Firmen sprühen unerlaubt Pestizid

FRAUENFELD ⋅ Wer gewerbsmässig Pestizide gegen Ungeziefer einsetzt, braucht eine Bewilligung. Abklärungen des Kantonslabors lassen aber aufhorchen. Von elf kontrollierten Betrieben im Thurgau hält kein einziger die gesetzlichen Vorschriften ein.
20. April 2016, 07:57
SILVAN MEILE

FRAUENFELD. Gift soll die lästigen Spinnen von der Hausfassade fernhalten. Weil sie mit ihren Spinnennetzen die Hauswände verschmutzen, geben viele Liegenschaftsbesitzer den Kampf gegen die Spinnen in die Hände von Fachleuten. Im Thurgau bieten diverse Firmen eine entsprechende Schädlingsbekämpfung an. Auch Insektizide kommen dabei zum Einsatz.

Nun nahm das kantonale Laboratorium elf Thurgauer Betriebe, die regelmässig Insektizide Spinnen-Bekämpfung versprühen, unter die Lupe. Die Resultate lassen aufhorchen: Kein Betrieb besass die nötige Bewilligung. «Wir sind erschrocken, wie wenig über die gesetzlichen Anforderungen zur Schädlingsbekämpfung bekannt ist», sagt Christoph Spinner, Chef des Thurgauer Kantonslabors. Alle betroffenen Betriebe hätten betont, die Vorschriften nicht gekannt zu haben. Die Spinnenbekämpfer zeigten sich ahnungslos darüber, dass sie für den gewerbemässigen Einsatz von Insektiziden eine Schulung besuchen müssen. Ihnen sei es nun mittels Verfügung verboten, weiterhin Pestizide beruflich einzusetzen.

Ärger in der Branche

«Ich bin positiv überrascht, dass der Kanton Thurgau sich dieses Problems annimmt», sagt Manuel Wegmann, Präsident des Verbandes Schweizer Schädlingsbekämpfer. Im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit führt sein Verband den Kurs zum Erlangen der Fachbewilligung allgemeine Schädlingsbekämpfung für den professionellen Biozideinsatz durch. Dieser dauert 18 Kurstage, auf ein halbes Jahr verteilt, und kostet 6500 Franken. Der Kurs wird mit einem eidgenössischen Zertifikat abgeschlossen. Für professionelle Schädlingsbekämpfer sei die Ausbildung selbstverständlich, sagt Wegmann.

Der Ärger seiner Branchenkollegen richtet sich etwa gegen Hauswartsfirmen oder Malergeschäfte. Solche würden nebenbei Schädlingsbekämpfungen anbieten, den nötigen Kurs aber nie besuchen und somit die Vorschriften nicht einhalten. «Es ist für uns deshalb höchst erfreulich, dass der Thurgau hier einen Pflock einschlägt», sagt Wegmann. Seit vergangenem Juli verlange das geänderte Chemikalienrecht von allen Schädlingsbekämpfern, dass sie diesen Kurs besuchten, eine Anleitung durch einige wenige Bewilligungsinhaber pro Firma ist praktisch nicht mehr möglich.

Kanton untersucht weiter

Die Chemie-Fachstelle des Kantons werde entsprechende Kontrollen weiter durchführen, kündet der Thurgauer Kantonschemiker Christoph Spinner an. Zu Strafanzeigen sei es zwar im Zusammenhang mit der Spinnenbekämpfung im Thurgau noch nie gekommen. Würden aber besonders schwere Fälle von Verstössen gegen die gesetzlichen Vorschriften bekannt werden, seien auch solche denkbar. Zum Schutz der Umwelt und der Menschen werde die Thurgauer Chemikalienfachstelle des kantonalen Laboratoriums sicherstellen, dass die Schädlingsbekämpfung im Auftrag Dritter nur noch von ausgewiesenen Fachleuten durchgeführt werde. Für den privaten Einsatz gelten diese Vorschriften jedoch nicht.

Bienensterben löst Kontrolle aus

Mehrere Meldungen über lokales Bienensterben brachten ursprünglich die Abklärungen des kantonalen Laboratoriums ins Rollen. «Es wurde ein Zusammenhang mit Fassadenreinigungen vermutet», schreibt das Labor in einem Bericht. Denn nichtfachgemässes Sprühen der Pestizide während des Bienenflugs kann zum Verenden der Nutzinsekten führen. Ausserdem besteht aufgrund der Giftigkeit der Mittel zur Schädlingsbekämpfung die Gefahr von Gewässerverunreinigungen. Denn Pestizide, die beispielsweise durch Regen von den Fassaden abgewaschen werden und dadurch ins Abwasser gelangen, können in Kläranlagen kaum herausgefiltert werden, bevor sie in die Gewässer gelangen. Auch deshalb schränkt der Bund im kommenden Jahr die zugelassenen Mittel weiter ein, weiss Schädlingsbekämpfer Wegmann.


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