Eine Beziehung bis aufs Blut

PROZESS ⋅ Ein 36jähriger Mann erhält vom Bezirksgericht Münchwilen eine bedingte Gefängnisstrafe. Während seiner kurzen Ehe habe er seine Frau wiederholt bedroht und einmal sogar massiv im Intimbereich verletzt.
08. Dezember 2016, 09:37
Olaf Kühne
Ihre Beziehung begann auf Wolke sieben: Im Mai kennengelernt, im Juni zusammengezogen, im Herbst schwanger, Hochzeit im Februar.

Das war vor nunmehr acht Jahren. Diese Woche endete das einstige Glück vor dem Bezirksgericht Münchwilen. Der Mann, ein 36jähriger Deutscher, war wegen sexueller Nötigung sowie wegen mehrfacher Nötigung, Drohung und Körperverletzung angeklagt. Seine inzwischen von ihm geschiedene Frau, eine 30jährige Schweizerin, war aus gesundheitlichen Gründen vom Prozess dispensiert.

Folglich zitierte der Staatsanwalt aus den zahlreichen Befragungsprotokollen. Die Beziehung sei anfangs gut gewesen, sagte die Frau, habe sich nach der Hochzeit aber schlagartig geändert. Mehrmals täglich habe er sie angerufen, um sie zu kontrollieren oder auch, um "das Nachtessen zu bestellen". Nach dem Essen habe er dann bis spät in die Nacht am Computer gespielt, begleitet von viel Alkohol. Ihr Mann habe zwar immer getrunken, nach grösseren Mengen sei er aber regelrecht ausgerastet – das erste Mal im Herbst 2009. Laut Anklageschrift habe er damals während einer Auseinandersetzung ihr Gesicht und ihren Oberkörper mit Ellbogen und Knie traktiert. "Soll ich Dir die Nase brechen?", habe er gesagt und gedroht, er bringe sie um, wenn sie jemandem von diesem Vorfall erzähle.

Für den Geheimdienst Menschen zu Tode gequält
Die Frau sei darob so verängstigt gewesen, dass sie tatsächlich niemandem etwas erzählte und trotz mehrerer Blutergüsse auch keinen Arzt aufsuchte.

In den folgenden zwei Jahren sollten sich diese Drohungen laufend wiederholen – bis hin zur Behauptung des Angeklagten, er habe für einen Geheimdienst schon Menschen getötet oder gar zu Tode gequält. Diese Bilder habe sie nicht mehr aus dem Kopf gebracht, schilderte die Frau, sie sei davon massiv eingeschüchtert gewesen und habe zudem auch Angst um das Leben des gemeinsamen Sohnes gehabt. Der Angeklagte bestritt während des ganzen Prozesses sämtliche Vorwürfe und bezeichnete sich selber als "nett, fleissig und zuverlässig".

Erstmals aktenkundig wurden die Missstände in der Beziehung im August 2010. Das Paar war inzwischen von Felben-Wellhausen in den Hinterthurgau gezogen. Wegen eines Vaginalrisses musste die Frau eine Woche im Spital verbringen. Er sei gegen ihren Willen mit der ganzen Faust in sie eingedrungen, nicht einmal bei der Geburt ihres Kindes habe sie solche Schmerzen erlebt, gab die Frau zu Protokoll.

Das Ganze sei ihre Idee gewesen, so die Version des Angeklagten. Seine Frau habe an diesem Tag schon reichlich Sekt getrunken gehabt und vorgeschlagen, einmal etwas Neues auszuprobieren. Und es seien auch nur vier Finger gewesen, nicht die ganze Faust. Als Blut über seine Hand floss, habe er seine Frau sofort ins Spital gebracht.

Laut ärztlichem Protokoll könne die Verletzung nur "durch massive Gewalt" verursacht worden sein, ein Unfall sei praktisch ausgeschlossen, betonte der Staatsanwalt. Er zitierte ausserdem eine Ex-Freundin des Beschuldigten, die den Angeklagten ebenfalls als brutal und bedrohlich schilderte. Schon während ihrer Beziehung habe er eine Vorliebe für sogenannte Dehnungsspiele gehabt.

Anzeige erst ein Jahr nach der Trennung
Im Herbst 2011 schliesslich schaffte es die Frau, sich von ihrem Mann zu trennen. Anzeige reichte sie erst ein Jahr später ein. Wohl aus Rache, mutmasste der Angeklagte auf die entsprechende Frage des Richters. Solche zeitlichen Abstände seien in Fällen häuslicher Gewalt durchaus üblich, entgegnete der Staatsanwalt. Er forderte eine bedingte Gefängnisstrafe von 20 Monaten. Das Bezirksgericht reduzierte diesen Antrag auf 16 Monate und sprach den Angeklagten schuldig. Die ersten Taten liessen sich zeitlich nicht mehr genau zuordnen, könnten folglich verjährt sein, lautete die Begründung. Zudem seien die diesbezüglichen Aussagen des Opfers "nicht zweifelsfrei glaubhaft" gewesen.

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