"Gegen invasive Arten ist man chancenlos"

THURGAU ⋅ Die Schwarzmeergrundel vermehrt sich explosionsartig in Schweizer Gewässern. Erreicht sie den Thurgau, dann ist es um Felchen und Egli schlecht bestellt. Denn sie frisst deren Laich.
15. Februar 2017, 06:47
Sabrina Bächi

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

Sie sieht harmlos aus, verbreitet aber gehörigen Schrecken. Zumindest bei Fischern, Forschern und Freunden der Natur: die Schwarzmeergrundel. Sie zählt zu einer invasiven Fischart. Das heisst, sie ist nicht heimisch, verbreitet sich aber explosionsartig. Durch die Öffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals gelangte die Grundel bis in die Schweiz. Schlimmer: Bereits im Kraftwerk Rheinfelden wurde sie gesichtet. Sie ist ein starker Nahrungs- und Raumkonkurrent für einheimische Fische und erobert immer mehr Fliessgewässer.

Der Rheinfall kann unsere Rettung sein

Patricia Holm, Professorin für Ökologie an der Universität in Basel, äussert sich sehr besorgt zur Verbreitung der Grundel. Seit 2012 befasst sie sich mit diesem Fisch. In Basel beträgt der Grundelanteil drei Viertel aller Fische und ist damit eine der grössten Bedrohungen der heimischen Fischwelt. Wo die Grundel vorkommt, haben Felchen, Egli und Äsche nur noch wenig Platz.

Im Thurgau ist die Sorge vor einer Invasion der Schwarzmeergrundel derzeit noch klein. «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es die Schwarzmeergrundel aus eigener Kraft bis in den Bodensee schafft. Aktive und passive Verschleppungen sind jedoch nicht auszuschliessen», sagt Roman Kistler, Leiter der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung. Wenn die Schwarzmeergrundel auf dem Weg in den Thurgau wäre, würde das der Kanton frühzeitig erfahren, sagt Kistler. Vor allem bei Kraftwerken werde der Fischbestand immer wieder überwacht. «Wenn sie aber bis hierher käme, wäre das gar nicht gut.» Sie wäre eine riesige Konkurrenz heimischer Fische. Das Problem: «Wenn invasive Arten einwandern, ist man fast chancenlos und bringt sie nicht mehr weg.» Höchstwahrscheinlich würde die Schwarzmeergrundel aus dem Rhein über die Thur ins hiesige Gewässersystem gelangen. «Der Rheinfall ist viel zu hoch. Ein unüberwindbares Hindernis», sagt Kistler.

Dies sieht auch die Fischereiforschungsstelle Bodensee in Langenargen so. Dort heisst es: Schwarzmeergrundeln können nur durch menschliches Verschulden in den Bodensee gelangen. Also durch Boote oder andere Gerätschaften, die in unterschiedlichen Gewässern benutzt werden und nicht genügend gereinigt in den Bodensee gelangen. Das sollte nicht passieren, weil Fischer mit Merkblätter immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, ihre Gerätschaften bei Gewässerwechsel besonders gut zu reinigen.

Berufsfischer sind besorgt und warnen

Der Rheinfall und die Merkblätter beruhigen Reto Leuch wenig. Der Präsident der Schweizer Berufsfischer hält die Gefahr, dass sich die Schwarzmeergrundel im Bodensee einnisten könnte, für gross. «Es wäre blauäugig zu denken, dass die Schwarzmeergrundel nie im Bodensee ankommt.» Das glaubt auch Christoph Maurer, Präsident des Fischereiverband Thurgau. «Die Fische sind sehr flexibel, Kraftwerke stellen mit den Fischtreppen keine Hindernisse mehr dar.» – «Merkblätter reichen längst nicht mehr», warnt Holm. «Sie beruhigen vielleicht das Gewissen, aber gelesen werden sie nur von Personen, die sowieso auf dieses Thema sensibilisiert sind.»

Eine erschreckende Entdeckung haben die Forscher in Zusammenhang mit dem Laichverhalten der Grundel gemacht. Sie laichen gerne in dunklen, höhlenartigen Nischen. Dafür nutzen sie auch mal Spalten in Booten, und so können die Eier beim Bootstransport verbreitet werden. «Es hat sich herausgestellt, dass die Eier der Schwarzmeergrundel bis zu 24 Stunden ausserhalb des Wassers überleben können und danach immer noch voll schlupf- und entwicklungsfähig sind. Das ist eine sehr beunruhigende Tatsache», sagt Holm.

Weil die Schwarzmeergrundel ein so grosses Problem ist und die Biodiversität in Schweizer Gewässern ernsthaft bedroht, gibt es seit Ende 2016 eine Grundelstrategie, an der auch das Bundesamt für Umwelt mitarbeitet. «Die Grundel ist eine Gefahr für das Schweizerische Gewässer, die man nicht unterschätzen darf.» Durch gezielte Forschung versuchen Holm und ihr Team einen Beitrag zum besseren Verständnis des Einwanderers beizutragen, damit die Grundel besser bekämpft werden kann.


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