Droht dem Bach Einspracheflut?

Der Thurgau lässt seine Planung zur Revitalisierung der Gewässer vom Bund absegnen. Das lässt Bauern aufschrecken. Ihnen droht ein Verlust von Landwirtschaftsland. Sie wünschten sich einen Kompromiss mit dem Kanton.
04. April 2015, 02:46
SILVAN MEILE

FRAUENFELD. Freier Lauf für den Dorfbach. Nach und nach sollen die Thurgauer Gewässer aus ihren betonierten Schranken befreit werden, in denen sie einst zu schnurgeraden Bächen geformt wurden. Denn mit der Gewässerrevitalisierung will der Bund die natürlichen Funktionen der Flüsse und Bäche wieder herstellen, ihnen mehr Raum überlassen. Das ist ein Generationenprojekt. Für die Planung zur Revitalisierung der Gewässer ist ein Zeithorizont von 80 Jahren vorgesehen.

Im Thurgau habe das Amt für Umwelt den Auftrag des Bundes umgesetzt und eine strategische Planung erstellt, sagt Marco Baumann, Leiter der kantonalen Abteilung Wasserbau. Diese geht nun zur Stellungnahme an das Bundesamt für Umwelt. Dort werde die strategische Revitalisierungsplanung aus dem Thurgau dahingehend geprüft, ob die Bundesvorgaben richtig angewendet wurden, sagt Bachmann.

Bauern wollten Kompromiss

Geht es nach den Landwirten, so schoss der Kanton bei der Umsetzung der Bundesvorschriften übers Ziel. Weil die Bäche mehr Raum bekommen, verlieren die Bauern bewirtschaftbares Land an den Ufern der Bäche. Schon mehrfach äusserten Vertreter der Landwirtschaft ihren Unmut. Gestern zeigte sich der Thurgauer Bauernpräsident Markus Hausammann erstaunt darüber, dass die Thurgauer Regierung die strategische Revitalisierungsplanung nun bereits nach Bern zur Stellungnahme einreichte. Denn die Bauern hätten sich vorher gerne noch mit der Thurgauer Regierung an einen Tisch gesetzt. «Wir wären interessiert gewesen, in den strittigen Punkten des Landverlustes einen gemeinsamen Nenner zu finden», sagt Hausammann. Denn damit hätte eine drohende Flut an Einsprachen verhindert werden können.

Mit dem Segen aus Bern zur kantonalen Planung dürfte der Spielraum der Thurgauer Landwirte weiter eingeschränkt werden. Wenn die Planung zur Revitalisierung vom Bundesamt für Umwelt abgesegnet in den Thurgau zurückkommt, beginnt die grosse Arbeit.

Gespräch mit jeder Gemeinde

Das kantonale Amt für Umwelt wird danach mit den einzelnen Gemeinden individuell analysieren, welche Renaturierungsmassnahmen in die Wege geleitet werden sollen. Gewässer gibt es überall. Deshalb werde jede der 80 Thurgauer Gemeinden betroffen sein, wie Marco Baumann vom kantonalen Umweltamt erklärt. In einer engen Zusammenarbeit mit den Gemeinden werden die Planungsarbeiten in Angriff genommen, welche Gewässerabschnitte revitalisiert werden sollen. Erst danach könne auch ermittelt werden, wie viele Kosten das Vorhaben tatsächlich verursache. Baumann sieht gerade im Zusammenhang mit den nötigen Massnahmen für den Hochwasserschutz mögliche Synergien, die es zu nutzen gelte. Auch der Bund gewährt finanzielle Beteiligung. «Diese liegen zwischen 35 und 80 Prozent», schreibt der Regierungsrat in einer Mitteilung.

Bei den Projekten stehen den betroffenen Grundeigentümern das Recht der Einsprache offen. Davon können zahlreiche Landwirte Gebrauch machen, wie eben auch Markus Hausammann bestätigt. «Doch vielleicht ging der Kanton ja ohne unseres Wissens nochmals über die Bücher», hofft der Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft.


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