«Die wollten mich brechen»

Münsterlinger Psychiater verabreichten Walter Emmisberger 1967 ein nicht zugelassenes Arzneimittel. Er war damals elf Jahre alt. Das Ausmass der pharmazeutischen Versuche erfuhr er aus seinen Akten, die er jetzt einsehen konnte.
13. April 2013, 01:37
INGE STAUB

MÜNSTERLINGEN. Die Fürsorge hat bis 1981 viel Leid angerichtet – nun wird das Leid anerkannt. Am Donnerstag versammelten sich die Opfer der damaligen Fürsorge erstmals in Bern. Walti Emmisberger hätte an diesem Gedenktag gerne teilgenommen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er verzichten.

Walti Emmisberger hat sein Trauma den Thurgauer Fürsorgebehörden zu verdanken. Das ganze Ausmass seines Leidens hat er erst dieser Tage begriffen. Aufgrund der TZ-Serie über die Vergangenheit der Psychiatrie Münsterlingen (siehe Kasten) hat er beim Staatsarchiv des Kantons Einsicht in seine Patientenakten verlangt. «Als ich die Artikel in der Thurgauer Zeitung las, verglich ich die Beschreibungen mit meinen Erinnerungen an damals. Ich spürte, dass mir das gleiche passiert ist.» Aus den Akten erfuhr der heute 57 Jahre alte Mann, dass er zwischen 1967 und 1969, also im Alter von elf bis dreizehn Jahren, ambulant in der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen behandelt worden und ihm ein nicht zugelassenes Medikament verabreicht worden war.

Der Mann, der heute in Fehraltorf im Kanton Zürich lebt, kam 1956 in einem Gefängnis unehelich zur Welt. Vermutlich wurde seine Mutter administrativ versorgt. Walti Emmisberger kam in ein Kinderheim, wo er bis zum Alter von sechs Jahren blieb. Anschliessend lebte er für ein Jahr bei Pflegeeltern am Untersee. Diese misshandelten ihn schwer. Dies soll einer Lehrerin aufgefallen sein. Sie erstattete Anzeige. Die Fürsorger brachten ihn in einem anderen Thurgauer Dorf bei einem reformierten Pfarrer und seiner Frau unter. «Das war nicht besser. Der Pfarrer schlug mich viel und sperrte mich stundenlang in der dunklen Besenkammer ein. Auch zog er mich an den Haaren in den Keller und sperrte mich dort ein», erinnert sich Walti Emmisberger.

«Bub ist nicht unintelligent»

Die Akten aus Münsterlingen belegen, dass die Pfarrleute ihren Zögling Ende der 1960er-Jahre in die psychiatrische Klinik zur ambulanten Behandlung brachten. Dies geschah in Zusammenarbeit mit dem Dorfarzt. Gegenüber den Psychiatern nannten die Pflegeeltern als Grund ihrer Konsultation, dass der Bub «erzieherisch sehr schwierig» sei. Er habe schlechte und gute Zeiten. In den schlechten Zeiten wirke er apathisch und stelle irgendetwas Dummes an. «Jetzt geht er in die vierte Primarklasse. Der Lehrer sage, er sei nicht unintelligent, habe nur eine schlechte Arbeitshaltung», hält ein Münsterlinger Psychiater in seinem Bericht an den Hausarzt fest. Walti Emmisberger gab damals an, dass er von den gleichaltrigen Schulkollegen geplagt werde und dass er sich wehre.

Der Psychiater diagnostiziert «eine Störung aus dem Formenkreis der Depression» und verordnet im Dezember 1966 das Antidepressivum Tofranil und Luminaletten, ein Arzneimittel, das gegen Epilepsie eingesetzt wird.

Elfjähriger erhält G 35 259

Die Pflegeeltern berichten im März 1967, dass die «Verstimmungszustände» weniger lang seien, jedoch sei ihr Pflegebub empfindsamer geworden und brause rasch auf. Der Psychiater ersetzte daraufhin Tofranil durch das Präparat G 35 259. In einem Brief an den Dorfarzt schreibt er: «Dürften wir Sie bitten, dem Knaben zuerst eine Tablette Tofranil durch das Präparat G 35 259 zu ersetzen und nach einer Woche auch noch die zweite Tablette.» Hinter dem Kürzel G 35 259 verbirgt sich Ketotofranil. Dieses Antidepressivum wurde nie auf den Markt gebracht. Walti Emmisbergers Akten belegen: Die Münsterlinger Psychiater testeten an einem Elfjährigen einen nicht zugelassenen pharmazeutischen Wirkstoff. Es handelt sich dabei um denselben Wirkstoff, der auch dem ehemaligen Fischinger Heimkind Walter Nowak verabreicht worden war (siehe Kasten).

Nachdem Dorfarzt und Pflegeeltern den Psychiatern mitgeteilt hatten, der Bub vertrage die «weissen Tabletten» besser als das Tofranil und es gehe erzieherisch etwas besser, erhöhten die Münsterlinger Psychiater die Dosis. Im November 1967 hielten sie in den Akten fest: «Wir wollen nun einmal versuchen, das Ketotofranil auf 3 × 2 Tabletten langsam zu steigern, um dann zu sehen, was so passiert.» Im Januar 1968 berichtet die Ehefrau des Pfarrers in Münsterlingen, sie habe dem Buben nur vier Tabletten geben können. Bei sechs Tabletten würde er erbrechen. Man habe schon den Eindruck, dass ihm die Medikamente gut täten. Er erhält zusätzlich ein Arzneimittel, das als «Ciba-Mittel» bezeichnet wird.

Einen Monat später notieren die Psychiater, der Lehrer sage, die Leistungen seien immer noch sehr stark schwankend. Der Bub sei am Morgen manchmal müde. Die Medikamentendosis wird erneut gesteigert. Monate später wird auf das Antiepileptikum Tegretol umgestellt, obwohl mehrfach attestiert wurde, dass keine «Störungen aus dem epileptischen Formenkreis» vorliegen. «Frau Pfarrer findet, dass es dem Knaben mit Tegretol eher besser gehe. Er sei ruhiger, man habe den Eindruck, er leiste mehr.» Die Diagnosen variieren im Laufe der Jahre von Verhaltensstörungen, Verwahrlosung bis zu Epilepsie. Walti Emmisberger musste sich in Münsterlingen auch dem Rorschachtest unterziehen, der ihm eine durchschnittliche Intelligenz bescheinigte.

Schicksal kaum beachtet

Emmisbergers Akten dokumentieren in erster Linie die Medikation. Sein Schicksal als uneheliches und fremd plaziertes Kind wird zwar erwähnt, die Psychiater gehen darauf jedoch nicht weiter ein. Obwohl sie an einer Stelle vermerken, der Bub habe «wahrscheinlich ein grosses Liebesbedürfnis». Der Pflegefamilie stellen sie ein gutes Zeugnis aus: «Jetzt in guter Pflege, die Pflegemutter ist etwas ängstlich.»

Die «gute Pflege» erlebte Walti Emmisberger wie er sagt, ganz anders: Der Pfarrer habe ihn in den sechs Jahren, die er dort war, nicht nur geschlagen, sondern zudem auch im Badezimmer sexuell belästigt. Zudem habe er ihn genötigt, im Haushalt zu arbeiten. «Ich musste im ganzen Haus die Fliesen schrubben.» In den Schulferien schickten ihn die Pfarrleute ins Bernbiet, wo er einer Bauernfamilie helfen musste. Als Walti Emmisberger 13 Jahre alt ist, schiebt ihn die Pfarrersfamilie zu Bauern ins Zürcher Unterland als Verdingbub ab. Dort chrampfte er drei Jahre lang. Anschliessend musste er eine Lehre als Konditor absolvieren. «Ich hätte lieber Radioelektriker gelernt», sagt er.

Pflegeeltern erzeugten Angst

Walti Emmisberger glaubt nicht, dass der Pfarrer und seine Frau überfordert waren. Seine Pflegeeltern hätten bei ihm Angst erzeugt. «Die wollten mich mit allen Mitteln brechen.» Er erlebte die Pfarrleute als verlogen. «Sie praktizierten nicht, was sie sonntags in der Kirche predigten.»

Walti Emmisberger schaffte es, sich trotz seiner «gestohlenen Kindheit» ein gutes Leben aufzubauen mit Beruf und Familie. Doch vor einigen Jahren holte ihn seine Vergangenheit ein. Seither leidet er an Panikattacken und traut sich nicht mehr aus dem Dorf. Eine psychotherapeutische Behandlung ergab, dass seine Probleme auf die Erlebnisse in seiner Kindheit zurückzuführen seien. Er sagt: «Ich kann mir vorstellen, dass mir nicht nur die Härte der Pflegeeltern, sondern auch die Medikamente geschadet haben.»


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