Die Thurgauer erwarten Antworten

Dem Staatsarchivar André Salathé ist es zu verdanken, dass Historiker die Geschichte der Psychiatrie in unserem Kanton aufarbeiten können. Er weiss, wie der weitere Fahrplan aussieht und ob wir dabei von Glück reden können.
04. November 2016, 02:40
Interview: Anna Miller

Anfang dieser Woche liess die Meldung aufhorchen, von den unkontrollierten Medikamentenversuchen des Dr. Roland Kuhn in Münsterlingen seien viel mehr Menschen betroffen, als bislang angenommen.

Herr Salathé, Sie sind als Staatsarchivar des Kantons Thurgau unmittelbar an der Aufarbeitung des Falls Münsterlingen beteiligt. Was können Sie zum aktuellen Stand der Forschungen sagen?

André Salathé: Die Arbeit liegt jetzt in den Händen der Forschungsgruppe unter Marietta Meier. Im April hat das Team mit den Arbeiten begonnen, es hat nun Zeit bis Januar 2019, um den Fall umfassend zu untersuchen. Die Ergebnisse werden dann in einem verständlich geschriebenen Buch publiziert, für die breite Öffentlichkeit.

Was erwarten Sie für 2019?

Man darf damit rechnen, dass 2019 eine tiefschürfende Untersuchung vorliegt. Und, dass die wichtigsten Fragen geklärt sind. So zum Beispiel, wie viele Personen in den Fall involviert waren und welche Methoden in der Klinik angewendet wurden. Und natürlich auch, ob die Patienten gewusst haben, was mit ihnen passiert. Auch müssen die Verantwortlichkeiten der Behörden im Fall geklärt werden.

Hören wir bis dahin nichts mehr von Ihnen?

Zwischenberichte, die veröffentlicht werden, wird es mit Sicherheit nicht geben. Das haben wir intern festgelegt. Man kann bei Zwischenberichten nie wissen, ob die veröffentlichten Zwischenfazite nicht wieder korrigiert werden müssen. Bei solch relevanten Fragen wäre das Unruhe stiftend. Wir werden uns 2019 breit dazu äussern, mit dem Abschlussbericht. Dieser ist dann auch wissenschaftlich fundiert.

Das ist aber eine lange Wartezeit für die Bevölkerung. Schliesslich beschäftigen diese Fälle stark.

Wenn Medien anfragen, muss man jeweils gemeinsam einen Weg finden, wie das Informationsbedürfnis befriedigt werden kann. Ohne dass die weiteren Forschungen dadurch erschwert werden. Das wurde mit dem Interview von Meier im «Tages-Anzeiger» versucht. Man muss aber bedenken, dass wir nicht alle paar Wochen neue Forschungsresultate präsentieren können. Die Arbeit ist komplex und vielschichtig. Die Forschergruppe muss in Ruhe arbeiten können.

Wie werden Sie selbst über den Fortschritt der Untersuchungen informiert?

Die Forschergruppe muss der Begleitgruppe, die ich präsidiere, regelmässig Zwischenberichte abliefern. Der erste Zwischenbericht erfolgt im November. Bisher haben wir uns mündlich über erste Ergebnisse ausgetauscht. Wir überwachen diese Arbeit natürlich.

Wer ist konkret an der Erforschung des Falls beteiligt?

In der Begleitgruppe sitzen vier Universitätsprofessoren aus Basel, Zürich und St. Gallen. Es sind die Disziplinen Geschichte, Pharmakologie, Psychiatrie und Recht vertreten. Zur Gruppe zählen auch unser Kantonsapotheker, die Chefin des Kulturamts und der Generalsekretär des Departements für Inneres und Volkswirtschaft. Die eigentlichen Forschungen werden von fünf Historikerinnen und Historikern unter der Leitung von Marietta Meier gemacht. Die Verantwortung für das Buch liegt voll und ganz beim Forschungsteam.

Arbeiten Sie selbst auch am Projekt mit?

Das Forschungsprojekt wurde vom Kanton in Auftrag gegeben und mit fast einer Million Franken finanziert. Es ist übrigens der höchste Betrag, den die Regierung je für ein solches Projekt gesprochen hat. Ich persönlich arbeite nicht an der Aufarbeitung mit. Ich stehe jedoch zur Verfügung, falls bei Archivarbeiten Fragen auftauchen. Ich wurde in meiner Rolle als Staatsarchivar schon mehrfach um Rat gefragt, wenn es beispielsweise um die Frage ging, wo man nach Dokumenten suchen muss.

Auch bei Novartis und Swissmedic?

Die Archivarbeit bei Novartis hat sich gut entwickelt, ich konnte mithelfen, dass das möglich wurde. Bei Swissmedic bin ich nicht involviert. Aber ich denke, der Zugang zum Archiv wird bald erfolgen. Als de facto staatliches Archiv hat Swissmedic nach meinem Dafürhalten die Pflicht, geeignet Zugang zu gewähren.

Waren Sie überrascht, dass mehr Menschen betroffen waren als bisher gedacht?

Nein. Bei einem so komplexen Thema ist klar, dass neue Tatsachen an die Oberfläche kommen. Ich habe auch damit gerechnet, dass die Arbeit immer wieder neue Fragen generieren wird.

Sind Sie persönlich froh, dass der Fall nun beleuchtet wird?

Es stehen wichtige gesellschaftliche Fragen im Raum, die debattiert werden müssen. Ich finde es richtig, dass diese Untersuchung stattfindet. Es ist mir ein Anliegen, dass wir mit der Aufarbeitung die Zukunft im Auge behalten. Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber vielleicht lässt sich durch die Aufarbeitung etwas für die Zukunft lernen.

Sind Sie den Erben Kuhns dankbar, dass sie die Akten übergeben haben?

Ja, sehr. Sie wären dazu nicht verpflichtet gewesen. Sie haben damit einen grossen Teil der Aufarbeitung überhaupt ermöglicht. Ich habe als Archivar den Beitrag geleistet, dass die Akten hier geordnet wurden. Und die Regierung hat einen grosszügigen Betrag für ein Forschungsprojekt gesprochen.

Glauben Sie, Medikamententests waren auch in anderen Schweizer Kliniken Alltag?

Ja. Wir haben Hinweise, dass dem so war. Es liegt auf der Hand. Welche Kliniken konkret Medikamententests durchführten, weiss man jedoch noch nicht. Aber man muss auch feststellen, dass in öffentlichen Archiven andernorts wenig Material dazu vorliegt. Es scheinen nicht so viele Dokumente von Forschern in öffentlichen Archiven zu liegen. Was alles noch in Privathaushalten liegt, weiss ich natürlich nicht. Hier im Thurgau ist die Materiallage anders, hier liegt viel mehr vor. Man kann nur forschen, wenn man Material hat.

Sie hatten also Glück im Thurgau?

Von «Glück» würde ich in diesem Zusammenhang nicht reden. Aber man kann sagen, dass wir im Thurgau eine einmalige Quellenlage haben. Alles Wichtige liegt im Staatsarchiv. Nun will die Thurgauer Bevölkerung Antworten auf schwierige Fragen. Und sie hat darauf auch ein Anrecht.


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