Die Aufarbeitung kann beginnen

Eine fünfköpfige Forschergruppe hat vom Kanton den Auftrag erhalten, die umstrittenen Medikamentenversuche an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zu untersuchen. Das Ergebnis soll in drei Jahren vorliegen.
23. Dezember 2015, 02:35
CHRISTOF WIDMER

FRAUENFELD. Das Forschungsprojekt ist offensichtlich attraktiv: Gleich sechs Forschergruppen haben sich beim Kanton beworben, um die umstrittenen Medikamentenversuche von den 1950er- bis den 1970er-Jahren an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zu untersuchen. Den Zuschlag hat eine Gruppe unter der Leitung von Marietta Meier bekommen, wie das federführende Staatsarchiv gestern mitteilte. Meier ist Privatdozentin an der Universität Zürich und auf psychiatriegeschichtliche Themen spezialisiert. Ihr soeben erschienenes Buch «Spannungsherde» beschäftigt sich mit psychochirurgischen Eingriffen nach dem Zweiten Weltkrieg.

«Das Forschungsprojekt setzt besondere Fähigkeiten voraus», sagt Staatsarchivar André Salathé. Historiker ohne fundierte Kenntnisse in Psychiatriegeschichte kämen nicht weit. Salathé leitet die kantonale Projektgruppe, die über die Forschungsarbeiten zur Psychiatrischen Klinik wacht. Die Projektgruppe hat den Forschungsauftrag so ausgeschrieben, dass sich nur ganze Teams bewerben konnten, die interdisziplinär zusammengesetzt sind.

Mit dem Thurgau vertraut

Neben Marietta Meier gehören dem Team Magaly Tornay und Mario König an. Tornay hat ihre Dissertation über einen Teilaspekt der Psychopharmaka-Forschung geschrieben. König ist im Thurgau bekannt als Co-Autor der Huggenberger-Biographie und als Verfasser einer Studie über die Firma Saurer. Ausserdem hat er soeben eine Studie über die chemische Industrie in Basel abgeschlossen.

Vertraut mit dem Thurgau ist aber nicht nur König. Das gelte auch für Marietta Meier und Magaly Tornay, sagt Salathé. Sie haben im Zuge ihrer bisherigen Forschungen auch auf Material der Klinik Münsterlingen zurückgegriffen. «Sie sind mit Münsterlingen vertraut.»

Die Forschungen beginnen im Frühjahr 2016. Sie sollen bis in drei Jahren abgeschlossen sein und in Form eines Buches der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Neben dieser Hauptstudie sind noch zwei weitere Studien zu Spezialthemen geplant, die sich aus der Forschungsarbeit ergeben werden. Die eine wird als Habilitationsschrift von Francesco Spöring verfasst werden. Die andere Spezialstudie soll von einem angehenden Wissenschafter als Dissertation geschrieben werden. Dieser Autor wird noch bestimmt werden. «So können wir elegant auch noch Nachwuchsförderung betreiben», sagt Salathé.

Dem Forscherteam steht zudem für die Fachbereiche Chemie/Pharmakologie, Recht/Ethik und Psychiatrie/Medizin ein Beratergremium zur Verfügung.

Nachlass im Staatsarchiv

Der Thurgauer Regierungsrat hatte im Mai 750 000 Franken aus dem Lotteriefonds für das Forschungsprojekt über die Medikamentenversuche freigegeben. Grundlage für die Forschung ist der umfangreiche Nachlass von Roland Kuhn, des früheren Oberarztes und Direktors der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Unter Kuhns Leitung hatten die Medikamentenversuche stattgefunden. Staatsarchivar Salathé konnte den Nachlass des 2005 verstorbenen Kuhn für das Staatsarchiv sichern, nachdem unsere Zeitung vor drei Jahren in einer Serie von Artikeln die umstrittenen Versuche ans Tageslicht gebracht hatte.

Auch der Pharmakonzern Novartis hat zugesichert, mit der vom Thurgau eingesetzten Forschungsgruppe zusammenzuarbeiten. Kuhn hatte bei seinen Medikamententests mit der Basler Pharmaindustrie zusammengearbeitet.


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