Altersheim für Wüstenschiffe

OLMERSWIL ⋅ Ulli Runge und Karin Stiffler geben auf ihrem Hof bei Neukirch an der Thur betagten Kamelen das Gnadenbrot. Das Paar will mit anderen Experten ein Schweizer Kompetenzzentrum für die exotischen Paarhufer aufbauen.
05. Mai 2017, 05:19

Drei Dromedare und ein Trampeltier stehen auf einer Weide zwischen Obstbäumen, rupfen Frühlingsgras und zupfen und zerren an zwei Haufen trockenem Geäst. Das ist ein verblüffender Anblick für den Fremden, der zum ersten Mal durch die Hügellandschaft bei Neukirch an der Thur fährt. In der Region aber sind die Paarhufer aus den Wüsten Nordafrikas und Arabiens und den Steppen Zentralasiens wohl bekannt.

Seit rund zehn Jahren leben sie im Thurgau. Damals übernahmen Ulli Runge, ein Zootierpfleger mit europaweitem Renommee als Kamelfachmann, und die Pharmazeutin, Chefarztsekretärin und Marketingspezialistin Karin Stiffler ein Bauerngut in der Neukircher Aussenwacht Olmerswil und zogen mit ihren Kamelen, Lamas und Alpakas dort ein.

Beschäftigung und Bewegung

Zurzeit zähle die Herde der Grosskamele sieben Trampeltiere, vier Dromedare und zwei Mischlinge beider Rassen, rechnet Ulli Runge vor. Wir stehen neben der Koppel. Von der anderen Seite des elektrischen Zauns guckt der 13-jährige Trampeltier-Wallach Sambal herüber. «Er möchte bespasst werden», erklärt Karin Stiffler. Bewegung und Beschäftigung seien zentral für die artgerechte Haltung der Vertreter der einzigen noch existierenden Schwielensohler.

Dann schlurfen die drei anderen Kamele herbei; der Rest der Herde steht noch im Stall. Khaleesi, eine Dromedar-Stute und mit fünf Jahren die Jüngste auf dem Hof, drängt sich neben den Wallach und starrt ihn an. Khaleesi versuche, Sambal zu ärgern, sagt Karin Stiffler. «Sie kann manchmal richtig nerven. Sie steckt noch in der Pubertät.» Bewegung und Beschäftigung erhalten die geselligen Tiere auf dem Hof reichlich.

Gegen Voranmeldung bietet der Erlebnishof ein- oder mehrstündige Kamelritte an. Es gibt Führungen und Vorträge, und die Kamele lassen sich für Werbeauftritte, Feiern oder Theateraufführungen buchen. Auf Trekkings können die Gäste mit den Wüstenschiffen als Karawane durch Mostindien ziehen und sich dabei ein wenig wie Karl Mays Kara Ben Nemsi fühlen. Die Tiere auf der Weide sowie die hofeigenen Frettchen im Freigehege, die Landschildkröten, Ohrfasane, Cemani-Hühner und Alexandersittiche dürfen frei besichtigt werden.

Runge und Stiffler betreiben keinen Tierhandel und züchten auch kaum Nachwuchs. Sie übernehmen vielmehr Tiere von Besitzern, welche diese nicht mehr halten können oder wollen, und vermitteln sie weiter oder behalten sie in Olmerswil. Sei ein Tier hier aber einmal fest eingezogen, werde es nicht mehr weggegeben, betonen sie; die Kamele dürften keine «Wanderpokale» werden. Mit ihrem Wissen helfen sie auch Veterinären und pflegen Kontakte zu Zoos.

Jene Tiere, die fürs Reiten oder Trekking zu alt geworden sind, erhalten hier das Gnadenbrot. Derzeit sind dies die etwa 30-jährige Cléo – das einzige Tier, das noch in Nordafrika geboren wurde –, die 29-jährige Baikal, der 24-jährige Rashid sowie der 17-jährige Faruk. Er kann wegen einer Verletzung nicht mehr als Reittier eingesetzt werden.

Die Trampeltier-Stute Baikal musste nach ihrer Ankunft zur Untersuchung ins Zürcher Tierspital gebracht werden. Sie hatte zuvor zehn Jahre lang als schlecht betreutes Einzeltier in einem deutschen Park gelebt und traf mit vereitertem Kiefer und einem üblen Zungengeschwür im Thurgau ein. Karin Stiffler und Ulli Runge nehmen grundsätzlich alle kranken Tiere auf, die noch eine Heilungschance haben. Inzwischen sind vier faule Zähne gezogen, der Tumor ist kuriert, und Baikal ist zur heimlichen Diva der Herde geworden.

Altersheim soll bei Bedarf ausgebaut werden

Solche Wohltätigkeit kostet Geld. Um das vermutlich einzige Kamel-Altersheim der Welt betreiben und bei Bedarf auch weiter ausbauen zu können, gründeten Runge und Stiffler zusammen mit Katherine Kreutzer, der gleichfalls in Olmerswil engagierten Tierpflegerin des Flughafens Zürich, sowie mit dem Wildtierarzt Wolfgang Zenker, dem Umwelt- und Naturschutzfachmann Roger Graf vom Zürcher Zoo, dem Finanzfachmann Martin Bundi und weiteren Interessierten den Verein Kamel-Kompetenzzentrum Schweiz.

Dieser organisiert und finanziert die tierärztliche Versorgung alter und vernachlässigter Tiere und unterstützt den Kamelhof bei deren Weitervermittlung oder der Unterbringung in Olmerswil. Es sind auch Tierpatenschaften möglich.

Ulli Runge schätzt die Zahl der Grosskamele in der Schweiz – inklusive der Tiere in Zoos und Zirkussen – auf 150 bis 200. Der Kamelhof pflegt aber auch Kontakte über die Grenze hinaus, vor allem nach Deutschland, wo die private Kamelhaltung anders als in der Schweiz nicht bewilligungspflichtig ist. Seit seiner Gründung sind im Kamelhof erst zwei Tiere gestorben; eingeschläfert werden musste noch kein einziges. Das ist ein gutes Zeugnis.

Alois Feusi

redaktion@thurgauerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: