Sie hoffen auf Frieden in ihrer Heimat

ESCHLIKON. Seit gut einem Jahr wohnen die Asylsuchenden von Eschlikon im evangelischen Pfarrhaus. Sie fühlen sich wohl im neuen Heim. Probleme bereiten ihnen jedoch die Arbeitssuche, die ungewisse Zukunft und die Situation in ihrem Heimatland.

26. August 2011, 01:08
Mario Testa

Hasan Ramadan ist Kurde, Hassan Kiko Araber. Beide sind vor über einem Jahr aus ihrer Heimat Syrien geflohen und haben in der Schweiz Asyl beantragt. «Ich vermisse mein Land. Syrien ist wunderschön, mit den Bergen, dem Meer und den vielen grünen Äckern», sagt Ramadan über seine Heimat und fügt ernüchtert an: «Die politische Situation erlaubt mir aber leider nicht, zurückzugehen.» Als Kurde wurde er von der Polizei in Syrien mit Argusaugen beobachtet und willkürlich angegriffen. Mehr als einmal sei er im Gefängnis gelandet und darum habe er den Entschluss gefasst, zu fliehen.

Araber geniessen unter dem Assad-Regime in Syrien ein viel besseres Ansehen. Trotzdem musste auch Kiko fliehen. «Die Offiziere im Militär haben meine kurdischen Kameraden systematisch gemobbt und angegriffen. Ich wollte meine Kollegen, die aus dem gleichen Dorf kamen wie ich, verteidigen und bin dafür drei Monate ins Gefängnis gesteckt worden.» Daher sei auch er aus dem Land geflohen. Einen Monat musste er an der türkischen Grenze ausharren, bis ihm die Flucht über die Grenze und anschliessend in die Schweiz gelungen sei. «Eine harte Zeit, ich hatte grosse Angst und wusste nicht, ob ich diese Tortur überlebe.»

Mit den Gedanken in der Heimat

Sie haben beide überlebt und schauen in diesen Tagen gespannt in ihre Heimat, in der sich das Volk gegen das Assad-Regime auflehnt. Bis jetzt erfolglos, wie beide traurig feststellen, besonders beim Gedanken an ihre Familien. Kikos Eltern sind unterdessen in die Türkei geflohen. Ramadans Eltern und seine Geschwister blieben in Syrien, in der Stadt Adra, 40 Kilometer nördlich von Damaskus. Dank Internet und Telefon steht Ramadan mit seinen Angehörigen im Kontakt. «Am Telefon hat mir meine Schwester erzählt, dass sie eine ganze Woche lang nicht aus dem Haus konnte, um Essen zu kaufen. Sie hat gesagt, in den Strassen stünden Zivilpolizisten, die auf die Leute schiessen, welche ihre Wohnung verlassen.» Er hofft nun, dass das Volk sich gegen das Herrscher-Regime durchsetzen wird und wieder so etwas wie Normalität einkehrt.

Kiko braucht deutliche Worte für die Obrigkeit in seiner Heimat: «Assad ist ein Verrückter, genau wie Gaddafi!» Ob sich die Situation bessern würde in seiner Heimat, wenn der Herrscher gestürzt würde, bezweifelt er. «Das Regime hat es geschafft, ein Land, in dem früher alle Religionen friedlich nebeneinander leben konnten, zugrunde zu richten. Es gibt jetzt Tausende wie Assad in Syrien, die um die Machtposition kämpfen werden, wenn sie zu haben ist.»

Kaum Arbeit für Asylsuchende

Angesichts der grossen Probleme in der Heimat scheinen die aktuellen Schwierigkeiten der jungen Moslems in Eschlikon verschwindend klein. Mühe haben sie mit der Arbeitssuche. Kiko war in seiner Heimat Coiffeur, Ramadan Bauernsohn und Küchengehilfe. Gerne würden sie auch in der Schweiz diesen Tätigkeiten nachgehen, blieben mit ihren Jobanfragen bislang jedoch erfolglos. Ganz ohne Arbeit stehen sie jedoch nicht da. Für die Gemeinde gehen beide, mit Handwagen und Greifern ausgerüstet, auf Putztour. «Die älteren Eschlikerinnen und Eschliker grüssen uns freundlich und sagen sogar danke, wenn wir am Putzen sind. Das freut mich. Die jüngeren meiden uns eher», erzählt Hassan Kiko.

Richtig glücklich sind beide nicht mit ihrer Arbeit als Putzmänner, bekleidet mit leuchtend orangen Hosen. Als kleinen Ansporn gibt es von der Gemeinde einen Zustupf zum Asyl-Taggeld, wenn Kiko und Ramadan regelmässig auf Putztour gehen.

Einen Monat lang Verzicht

Im muslimischen Kalender ist zur Zeit Ramadan, also Fastenzeit. Das bedeutet für die beiden, nichts zu essen und zu trinken zwischen Sonnenauf- und untergang. Seit drei Wochen steht Hasan deshalb schon um halb vier in der Nacht auf, um zu essen und zu trinken. Um halb fünf folgt das erste Gebet, und von da an darf er nichts mehr zu sich nehmen bis abends um neun Uhr, nach dem vierten Gebet. «Das ist kein Problem, nach zwei-drei Tagen hat man sich daran gewöhnt», sagt er, und Kiko stimmt ihm nickend zu und fügt auf die Nachfrage des Journalisten an: «Nein, Abkühlen in der Badi geht auch nicht, da hat es zu viele leicht bekleidete Frauen. Auch auf deren Anblick sollten wir besonders im Ramadan verzichten.»

Das Ende all dieser Entbehrungen ist jedoch nah. Am Montag geht der Ramadan zu Ende, und ab dann dürfen auch die Moslems in Eschlikon wieder essen und trinken, wann und wie viel sie wollen.


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