«Neunzig Prozent sind Heteros»

Morgen findet im Wängemer Lokal der Homosexuellen Organisation Thurgau die 12. Travestie-Show statt. Vereinspräsident Roger Lienheer tritt selbst auf. Er sagt, dass das Publikum vor allem aus Heteros besteht.
23. Oktober 2014, 09:12
TANJA VON ARX

Herr Lienheer, Sie haben einen besonderen Gast an der Travestie-Show: Jeroen Heusser aus der Sendung «Bauer, ledig, sucht…». Wie fand er dahin?

Roger Lienheer: Jeroen kam vor drei Wochen in unser Vereinslokal in Wängi, das über ein Mitglied. Ich habe ihn sofort erkannt und kam mit ihm ins Gespräch. Da fragte ich ihn, ob er Interesse hat, morgen das Aushängeschild der «HOT» zu sein.

Der Schwulenverein HOT, die Homosexuelle Organisation Thurgau, veranstaltet auch die Show.

Lienheer: Ein paar Vereinsmitglieder haben die «Travestie Show with Cabaret» vor zwölf Jahren aufgegleist. Sie gehen diesem Hobby in der Freizeit nach. Seither findet sie jährlich statt.

Dann ist die Show kein Anlass von Schwulen für Schwule?

Lienheer: Nein, gar nicht. Wir sind bereits ausgebucht, und da sehen wir, dass der grösste Teil des Publikums mit 90 Prozent aus Heteros besteht. Die Hälfte davon sind Frauen.

Warum ist das so?

Lienheer: Die Besucher sind vor allem Bekannte oder Kollegen der Veranstalter. Sie sind neugierig, was sie an einem solchen Anlass erwartet, und in vielen Fällen auch davon fasziniert.

Was beinhaltet denn das Programm?

Lienheer: Geschminkte und kostümierte Künstler performen unter einem Pseudonym. Ich bin beispielsweise «Lula Bee». So stellen wir Robbie Williams, Alizée oder Conchita Wurst nach, das in sechs Landessprachen inklusive Koreanisch.

Was ist die Motivation der HOT, die Show zu machen?

Lienheer: Ich denke, es ist zweierlei. Einerseits den Leuten ermöglichen, dem Alltag zu entfliehen, mal was anderes zu sehen und einen Abend lang Spass zu haben. Dann auch, den Besuchern zu zeigen, was wir können. Wir selber haben auch Freude daran, in andere Rollen zu schlüpfen.

Sie sagen «in andere Rollen schlüpfen» – ist das für Schwule denn heute noch nötig?

Lienheer: Die Situation hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Schwule sind heute in der Gesellschaft anerkannt. Allerdings hängt das von der jeweiligen Region ab: Auf dem Land ist das weniger der Fall als beispielsweise in einer Grossstadt wie Zürich.

Dann hat es keinen bestimmten Grund, dass das Vereinslokal der HOT in Wängi steht?

Lienheer: Nein. Wir sind einfach dort eingemietet und haben die Räumlichkeiten.

Grosso modo ist die Situation für Schwule in der Schweiz also okay?

Lienheer: Ja, hier geht es uns besser als in anderen Ländern. Es gibt aber auch immer wieder Rückschläge, wenn die Politiker finden, sie müssten die Gesetze ändern.

Können Sie ein Beispiel geben?

Lienheer: Die CVP wollte letzthin ein Bundesgesetz verankern, das die Ehe definiert als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau. Das in der Volksinitiative «Heiratsstrafe abschaffen – für eine Familienpolitik für alle». Und «Scheiss-Jugo» ist ein Schimpfwort, «Scheiss-Schwuler» hingegen nicht.

Kann man aber sagen, man ist auf gutem Weg?

Lienheer: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, es braucht einfach noch einige Jahre Zeit.

Was würden Sie sich wünschen?

Lienheer: Vollkommene Integration. Akzeptiert zu werden, egal, welches Geschlecht man liebt. Das gilt insbesondere für den Bereich Arbeit. Man definiert sich durch seine Leistung, nicht über seine Sexualität.

Travestie-Night with Cabaret 2014 24. und 25. Oktober, 20.00 Uhr Vereinslokal der «HOT» in Wängi

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