Christen gegen schwulen Pfarrer

Am Ende eines Schlagabtausches zwischen Fundamentalisten und Fortschrittlichen stand das Verdikt: Die Bichelseer Evangelischen wählten den bekennenden homosexuellen Pfarrer Maik Becker nicht zu ihrem Hirten.
23. März 2016, 02:40
CHRISTOF LAMPART

BICHELSEE. Das Resultat war knapp, doch nicht zufällig. Denn es wurde im Laufe der von beiden Seiten offensiv geführten Diskussion deutlich, dass die Meinungen schon vor der ersten Wortmeldung gemacht waren. Am Ende sagten 26 Stimmberechtigte Ja zu einem Dorfpfarrer Maik Becker. Doch das nützte nichts, denn 32 Personen legten leer ein und verhinderten somit ein absolutes Mehr von 30 Stimmen.

Und diese hätte Maik Becker – welcher übrigens an diesem Abend nicht zugegen war, um den Kirchbürgern eine freie Diskussion zu ermöglichen – mindestens erreichen müssen, um in Bichelsee als gewählter Pfarrer zu gelten. Der Präsident der Kirchenvorsteherschaft, Christian Feuz, verhehlte zwar nicht, dass er Maik Becker gerne als Pfarrer gesehen hätte, akzeptierte das demokratisch zustande gekommene Resultat ohne Wenn und Aber.

Seelsorge war kaum Thema

Was jedoch ziemlich schockierend war an diesem Abend, waren die Argumente, welche zwar im Ton gesittet vorgetragen wurden, inhaltlich jedoch zu denken gaben. Maik Becker wurde von vielen «Bibel-Fundis» offen wegen seiner Homosexualität angegangen. Zuerst meldete sich zwar nur ein älterer Herr. Doch als Feuz die Diskussion bereits wieder schliessen wollte, brachen die verbalen Dämme vollends.

Dabei wurde über Maik Beckers vorhandene oder eben nicht vorhandene Qualitäten als Seelsorger nur anfänglich und auch nur am Rande diskutiert. Dass er am Vorstellungsgottesdienst die Osterkerze ausblies, kam bei einigen Älteren «schräg an», doch gab es auch einige, die sich über den «roten Faden seiner frischen Predigt» freuten. Denn was für die Mehrheit wirklich ein rotes Tuch war, war Beckers offen gelebte schwule Partnerschaft.

«Schande getrieben»

Viele, welche sich dazu bekannten, dass sie Becker ablehnten, erklärten, dass sie ja nichts gegen Schwule hätten, nur um ergänzend fortzufahren, dass ein Pfarrer aus ihrer Sicht nicht schwul sein könne. Nicht in Bichelsee und auch sonst nicht. Um zu belegen, dass Homosexualität eine Sünde sei, zitierten einige Becker-Gegner sogar aus der Bibel. Paulus habe im Römerbrief geschrieben, dass Männer, die mit Männern Schande trieben, nach Gottes Recht den Tod verdient hätten. «Das ist Gottes Wort, das ist die Bibel», erklärte ein Eiferer.

Ein Becker-Befürworter entgegnete ihm unaufgeregt, dass es sich dabei zwar durchaus um einen Bibeltext handle, nicht jedoch um ein Wort Jesu, sondern um eines von Paulus. «Und das macht für mich schon noch einen Unterschied, denn Paulus' Denken ist noch im Alten Testament verhaftet.»

In die Nähe von Terroristen

Nachdem eine Frau erklärt hatte, dass in der Bibel nichts von einem schwulen Pfarrer geschrieben stehe, giftete jemand zurück: «Es steht in der Bibel auch kein Wort darüber, dass Frauen an Versammlungen teilnehmen dürfen; und doch sehe ich heute abend viele hier.» Ein weiterer Becker-Befürworter zeigte sich regelrecht über diese Auslegung der Bibel geschockt – und fuhr selber mit harter Kritik auf: « Mit diesem fundamentalistischem Denken bringen wir uns in die Nähe von Terroristen.» Und schliesslich fragte ein weiterer Befürworter bereits resignierend, ob Homosexuelle denn «nicht auch Gottes Geschöpfe» seien.

Auch der finale Hinweis von Maja Zuber, Präsidentin der Pfarrwahlkommission, dass anfänglich alle zehn Kommissionsmitglieder für Becker waren und nach dem Bekanntwerden von dessen Homosexualität immer noch deren acht, und deshalb bewusst am Vorschlag Beckers festgehalten worden sei, änderte nichts am wenig später gefällten Mehrheitsentscheid.


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