«Wir haben schlaflose Nächte»

FETZISLOH. Die Einwohner des Weilers Fetzisloh wehren sich geschlossen gegen die geplante Deponie für Bauabfälle vor ihrer Nase. Sie haben bereits einen ersten Erfolg erzielt: Einer der Grundeigentümer stellt sein Land doch nicht zur Verfügung.
21. Februar 2012, 06:54
MARKUS SCHOCH

Pascal Stacher steht auf der Terrasse seines Hauses. Der Blick geht auf seine Obstanlage, die Wiesen dahinter mit einzelnen Bäumen und richtet sich schliesslich auf den Säntis am Horizont.

Der Landwirt könnte dereinst nur noch Berge sehen, aber nicht den Alpstein, sondern bis zu 35 Meter hohe Kegel, aufgeschüttet aus leicht belastetem Aushub und Bauabfällen auf der Fläche von 15 Fussballfeldern. Die Firma Zürcher aus Zuzwil plant vor seiner Haustür eine sogenannte Inertstoffdeponie (TZ berichtete).

Pascal Stacher ist entsetzt. Und mit ihm der ganze Weiler Fetzisloh mit seinen 15 Häusern, die unmittelbar an die geplante Deponie grenzen.

Eigentümer macht Rückzieher

«Wir haben schlaflose Nächte», sagt Heidi Stacher, die Mutter von Pascal, die im Haus nebenan wohnt. Fetzisloh werde hinter einer riesigen Wand verschwinden, malt ihr Sohn schwarz. Und es gehe «bestes Kulturland» verloren. Dazu komme der ganze Verkehr, Staub und Lärm, 30 Jahre lang, fügt Erich Wagner an. Hunderttausende Lastwagen werden in dieser Zeit ihre Mulden in die Deponie entleeren.

An einer Versammlung letzte Woche haben die Einwohner von Fetzisloh den Plänen der Firma Zürcher geschlossen den Kampf angesagt. Und sie haben bereits einen ersten Erfolg erzielt: Einer der vier Grundbesitzer, die Land für die Deponie zur Verfügung stellen wollen, hat einen Rückzieher gemacht. «Wir haben das Gespräch mit ihm gesucht und konnten ihn überzeugen, dass die Deponie hier am falschen Platz ist», sagt Pascal Stacher. «Wir danken ihm dafür.» Anders sieht es die Firma Zürcher, die von «unerträglichem Druck» spricht, dem der Landwirt ausgesetzt gewesen sei.

Firma hält an Plänen fest

Damit steht nur noch gut die Hälfte der ursprünglich 22 Hektaren für die Deponie zur Verfügung. Das Transport- und Kiesunternehmen aus dem Kanton St. Gallen will deswegen die Flinte aber nicht ins Korn werfen. «Wir werden auf den Standort nicht verzichten und leiten nun die nächsten Schritte der Planung ein», schreibt die Firma Zürcher in einem Brief an die Anwohner. Die Lage des Gebietes Grosszälg in Roggwil sei ideal. Und die anderen Grundeigentümer würden weiterhin «voll und ganz» hinter dem Projekt stehen. Noch diese Woche wollen die Verantwortlichen über das weitere Vorgehen informieren.

Die Firma Zürcher hofft mit der Redimensionierung der Anlage auf mehr Akzeptanz in Fetzisloh. Denn die Deponie wäre nicht mehr ganz so nah.

Die Einwohner von Fetzisloh denken aber nicht daran, den Widerstand aufzugeben. Die Deponie sei auch im kleineren Massstab inakzeptabel, sagen sie. Der Betrieb bleibe störend. Zudem sei es wichtig, den Anfängen zu wehren. Denn die Gefahr sei gross, dass die Anlage später erweitert werde, wenn sich niemand mehr vorstellen könne, wie schön es einst gewesen sei.

Projekt sollte verboten sein

«Es kann nicht sein, dass diese Landschaft hergegeben und verschandelt wird, nur weil eine Firma, die um jeden Preis Profit machen will, das Gebiet Grosszälg politisch und verkehrstechnisch gesehen als optimal betrachtet», kritisieren die Einwohner von Fetzisloh.

Ein Projekt in diesen Dimensionen an einem solchen Ort sollte verboten sein, findet Amanda Baumberger. Den Einwohnern von Fetzisloh werde schon viel zugemutet mit der Bodensee-Thurtal-Strasse, die im Norden nahe am Weiler vorbeiführen soll.

Franziska Röhrl könnte nicht verstehen, wenn der Kanton die riesige Deponie bewilligen würde, während er sonst sehr genau hinschaue. Den vielen Besitzern von historischen Häusern in Fetzisloh und Maihausen mache er bei Bauvorhaben jeweils viele Auflagen und Vorschriften und achte peinlich genau auf deren Einhaltung, sagt Röhrl.

Nichts zu sagen in Roggwil

Jetzt gehe es darum, die Umzonung des Geländes zu verhindern, sagt Pascal Stacher. Das Problem: Fetzisloh gehört zur Gemeinde Egnach, das Deponiegelände liegt aber in Roggwil. Die meisten direkt betroffenen Anwohner können also nicht mitbestimmen. Die Fetzisloher vermuten dahinter Kalkül.

Diesen Verdacht nähre auch die Informationspolitik der Deponie-Verantwortlichen, kritisieren Burkhard Rutschmann und seine Frau Brigitte. Seit zwei Jahren laufe die Planung. Die Grundeigentümer hätten schweigen müssen. Sie als direkte Betroffene seien erst Ende Januar ins Bild gesetzt worden in einer äusserst kurzfristig anberaumten Orientierung. Die Einladung dazu habe er am Vortag erhalten, sagt Burkhard Rutschmann. Er habe es sich kurzfristig einrichten können. Vom Gemeinderat Egnach sei aber niemand da gewesen wegen einer Terminkollision, um die man bei der Firma Zürcher schon früh gewusst habe. «Ob sich hinter diesem Vorgehen eine Strategie verbirgt, einen absehbaren Widerstand zu verzetteln, bleibt im Raum stehen.»

Finanzielle Konsequenzen

«Wir appellieren an den gesunden Menschenverstand der Roggwiler, die Umzonung abzulehnen», sagt Pascal Stacher. Es gebe bestimmt geeignetere Standorte für eine Inerststoff-Deponie als in einem Weiler mit landwirtschaftlichen Betrieben, vielen jungen Familien mit Kindern und einem attraktiven Naherholungsgebiet.

Die Deponie hätte auch direkte finanzielle Konsequenzen für sie, sagt Brigitte Rutschmann. «Unsere Liegenschaften würden massiv entwertet.» Pascal Stacher will gar nicht so weit denken. «Ich möchte hier bleiben.»


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