«Verkehr einfach verschoben»

Seit 55 Tagen fahren die Autos in Einbahnrichtung über die Hauptstrasse durch die Arboner Altstadt. Den Verkehr in die andere Richtung müssen nun die Anwohner der vormals ruhigen Promenadenstrasse erdulden. Dagegen wehren sie sich.
25. Februar 2014, 02:34
MAX EICHENBERGER

ARBON. Um gut einen Drittel hat sich die Autolawine vermindert, seit die neue Kantonsstrasse der Bahnlinie entlang in Betrieb ist. Jetzt, bei der verkehrsberuhigten Hauptstrasse, ist es noch einmal etwas ruhiger geworden. Dies aber auf Kosten der Anwohner der Turmgasse und der Promenadenstrasse. Denn über diese ehemals fussgängerfreundliche Zone wird jetzt nämlich der Verkehr in der Gegenrichtung geführt – vorbei am Promenaden-Schulhaus und dem Sekundarschulzentrum Reben 4 übers Eck beim Rathaus und Pärkli.

«Viel mehr Autos»

Eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität bringe das neue Verkehrsregime jedenfalls nicht allen Altstadt-Bewohnern, stellt Rolf Bochsler ernüchtert fest. Im Gegenteil: Ein Teil des Verkehrs werde einfach verschoben, was dort in Schul- und Wohnzonen zu erheblichen Belastungen führe.

Bochsler wohnt an der Turmgasse 2, die erhöht parallel zur Promenadenstrasse verläuft. Die vorher ruhige Quartierstrasse werde jetzt von viel mehr Fahrzeugen befahren, auch von Lastwagen und Bussen der Postauto AG und der Autokurse Oberthurgau, wie Bochsler vom Wohnzimmer aus beobachten kann.

Gefährlich und lärmig

«Die ehemals fussgängerfreundliche Promenadenstrasse ist zu einer Verkehrsachse umfunktioniert worden. Leidtragende sind vor allem die schwächsten Verkehrsteilnehmer: Fussgänger und Schüler», klagt Bochsler. Deren Gefährdung sei das eine Problem. Der Lärm, der manche Anwohner nicht mehr ruhig schlafen lasse, das andere. Vor allem die schweren Fahrzeuge wie Busse und Lastwagen liessen den Immissionspegel störend anschwellen. Die Pflästerung im Bereich des Pfarreizentrums sei alles andere als ein Flüsterbelag. Das Kopfsteinpflaster klappere, gehe kaputt und verfärbe sich durch den Gummiabrieb schwarz.

«70 Prozent fahren zu schnell»

Die wenigsten Autofahrer würden sich an das signalisierte Tempolimit 30 halten, fordert Robert Bischof – als Sofortmassnahme – dringend entsprechende Kontrollen. «70 Prozent fahren zu schnell, mindestens 50 km/h. Das beschwört viele Gefahrensituationen herauf», sagt Bischof, der das «Rote Haus» im Eck des Einlenkers Bahnhofstrasse bewohnt. Davor befindet sich auf der Fahrbahn die Bushaltestelle. Wegen der Vibrationen sollen dort sogar die Gläser in den Schränken klirren, wie Bochsler zugetragen worden ist. Er gehört der Interessengemeinschaft an, die Anwohner im ehemaligen Gerichtssaal im Rathaus aus der Taufe gehoben haben. Seit einem halben Jahr befindet sich dort die Patentanwaltskanzlei von John Moetteli.

Konzept so nicht stimmig

Der Mieter der städtischen Liegenschaft ist treibende Kraft und Initiant der IG. Sie wehrt sich gegen die provisorische Verkehrsführung – solange die grossen Busse und der Lastwagenverkehr nicht von der Promenadenstrasse verbannt werden und verkehrsberuhigende Massnahmen umgesetzt sind. «Die Busse sind der Zankapfel», sagt Bochsler. «Wir gingen in guten Treuen davon aus, wie das auch so kommuniziert worden war, dass auf diesen Zeitpunkt hin die kleinen und leisen 12-Plätzer-Ortsbusse eingesetzt würden», kritisiert er. «Weil das Geld fehlt, ist jetzt einfach der Ortsbus gestrichen worden.» Das Konzept sei so nicht mehr stimmig. «Ich weiss, dass auch die Busfahrer nicht glücklich sind.»

Druck über Petition

Die in der IG vertretenen gebeutelten Anwohner wollen nun am liebsten nur noch den Zubringer- und Anwohnerverkehr zulassen. Sie wollen ihren Anliegen über eine Petition Nachdruck verleihen. Beim Pfarreizentrum sei es schon zu heiklen Situationen gekommen, berichtet Bochsler. «Es gibt PW-Lenker, die den haltenden Bus einfach überholen und aufs Trottoir fahren, während Passagiere aussteigen. Oder vom Ludi-Distel-Platz via Rathaus- und Turmgasse abkürzen.» Für Ortsunkundige sei die Signalisation schlecht.

Bauschäden befürchtet

Bochsler fürchtet zudem, dass die vermehrten Abgase den geschützten historischen Sandstein- und Riegelbauten arg zusetzen könnten. «Diese Gebäude bilden einen unverwechselbaren Postkarten-Anblick.»


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