Mehr Konsum, weniger Produktion

ROMANSHORN. Am Oberthurgauer Wirtschaftsmeeting sprach der bekannte Historiker und Energieforscher Daniele Ganser über das Thema Peak Oil. Dieser ist seiner Ansicht nach bereits erreicht.
02. November 2013, 09:46
SEVERIN SCHWENDENER

«Wir leben in einem veritablen Ölrausch», sagte Daniele Ganser. Die Arbeitgebervereinigung Romanshorn und Umgebung hatte den bekannten Historiker und Energieforscher zum jährlichen Oberthurgauer Wirtschaftsmeeting eingeladen, und zahlreiche Interessierte waren der Einladung am Donnerstagabend ins Romanshorner Brüggli gefolgt. Ganser referierte zum Thema Energie und Ressourcen. «Es hat auch bei mir lange gedauert, bis ich das gemerkt habe. Wir glauben, dass Öl selbstverständlich ist, doch das ist ein Irrtum», sagte er weiter.

Immer mehr Menschen

Das Thema Energie sei für das 21. Jahrhundert gesetzt. Denn die Zeichen, die auf eine nahende Versorgungskrise hindeuteten, seien deutlich und weit verbreitet. Faktor eins: der stetig steigende Konsum. «Wir werden schlicht immer mehr Menschen», sagte Ganser und verwies darauf, dass sich die Menschheit zwischen Christi Geburt und dem Jahr 1500 lediglich von 300 Millionen auf 600 Millionen verdoppelte. «Für die Erhöhung von 6 auf 7 Milliarden haben wir aber nur 12 Jahre gebraucht, jedes Jahr kommen 80 Millionen Menschen dazu.» Menschen, die heizen wollen, die herumfahren wollen, die Akkus laden, TV schauen und Energie in Massen konsumieren. Energie, die billig und immer verfügbar ist. Doch das war nicht immer so – noch vor 200 Jahren war Energie ein knappes, teures Gut.

Öl ja, aber weniger

Fossile Energien sind bei weitem die wichtigsten Komponenten in diesem Rausch; derzeit werden weltweit pro Tag 88 Millionen Fass Erdöl verbraucht. Das entspricht der Ladung von 44 Supertankern. Gleichzeitig sind immer mehr Quellen erschöpft, wechseln mehr Länder vom Produzenten- ins Konsumentenlager. «Indonesien beispielsweise ist aus der Opec ausgetreten, als es plötzlich mehr Öl importierte als exportierte», sagte Ganser.

Die weitherum kommunizierten Reserven würden dabei ein trügerisches Bild abgeben. «Man liest, dass das Öl noch für 50 Jahre reicht. Dann zählt man zu seinem eigenen Alter 50 Jahre dazu und merkt: Für mich reicht's.» So würden viele heute das Thema Ölknappheit beiseitewischen.

Der Irrtum

Dabei unterliegen sie einem fundamentalen Irrtum. «50 Jahre Öl bedeutet nicht 50 Jahre lang 88 Millionen Fass pro Tag zum heutigen Preis.» Denn wenn die billigen Quellen erschöpft seien, müsse man sich an die teuren, riskanten machen. Tiefseebohrungen. Ölsand. Fracking. «Das heisst im Klartext: viel mehr Kosten, viel mehr Risiko und damit auch mehr Unfälle.» Fracking sei nicht der Beginn des nächsten Rauschs, sondern ein klares Zeichen für das Ende des gegenwärtigen. «Wir müssen fracken, weil alles andere schon weg ist», sagte Ganser.

Sein Rat an die Arbeitgeber von Romanshorn und Umgebung war: «Stellen Sie heute die Weichen, damit Sie bereit sind, wenn das billige Öl Geschichte sein wird und der Rausch zu Ende ist.»


Leserkommentare

Anzeige: