Die Angst, im KZ Dachau zu landen

ARBON. Der ehemalige Kantonalbankdirektor Kurt Biefer hat als Primarschüler erlebt, wie der Zweite Weltkrieg an der Grenze tobte. Die Zeit war prägend. Der Vater verlegte Bücher von Emigranten. Die Familie hatte Angst, als erste dranzukommen.
04. Oktober 2014, 10:44
KURT BIEFER

Die Jahre des Zweiten Weltkrieges sind für die Bevölkerung eine düstere Zeit. Sie hat Kummer und lebt in Angst. Der Krieg tobt auf der anderen Seite des Bodensees. Die Arboner bekommen einiges mit, bleiben aber von seinen schrecklichen Auswirkungen verschont.

Bei der Generalmobilmachung Anfang September 1939 müssen die dienstpflichtigen Männer in die Armee einrücken. Männer mit deutscher oder italienischer Nationalität werden gezwungen, Militärdienst für ihr Vaterland zu leisten. Einige folgen den Aufrufen, andere verweigern diese und bleiben hier.

Zucker, Mehl und Öl rationiert

Viele Arboner leisten ihren Aktivdienst während der Grenzbesetzung im Territorial-Bataillon 131 unter Hauptmann Ernst Hanselmann, Sekundarlehrer. Bereits mit der Generalmobilmachung wird die Lebensmittelrationierung eingeführt. Die ersten Rationierungskarten müssen für Zucker, Speiseöl, Mehl bei der Gemeindeverwaltung im Rathaus abgeholt werden, wo eine grosse Menschenmenge auf die Kartenherausgabe wartet. Zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln müssen die Bauern die Ackerflächen ausbauen, um Getreide, Mais, Raps und Kartoffeln anzupflanzen. Auch die Bergliwiese wird umgepflügt.

Durch Stacheldraht an den See

Überall sind Soldaten zu sehen, die ihre Stellungen beziehen und patrouillieren. Alle Strassenschilder werden entfernt, der Ort nachts verdunkelt. Hafenanlage und Quaipromenade sind mit Stacheldraht abgesperrt. Man muss am Baer-Steg durch die Absperrungen kriechen, um fischen zu können. Verletzungen bleiben dabei nicht aus. Bunker werden am Ufer gebaut, Laufgräben zu den Bunkern in der Schlosswiese durch die Soldaten ausgehoben. Ein Gütertransportschiff aus Romanshorn wird in den Arboner Hafen beordert, damit es bei einem deutschen Angriff dort versenkt werden könnte. Dem Ufer entlang errichten Soldaten Gefechtsstände. Bei der Berglikirche installieren Soldaten Fliegerabwehrstellungen, auf dem Kirchturm einen Beobachtungsposten mit Scherenfernrohr. Auf dem Berglischulhaus und beim Konsum heulen Alarmsirenen.

Väter in den Stellungen

Im Mai 1940 steht die Schweizer Armee in höchster Alarmbereitschaft. Man erwartet einen deutschen Angriff – zum Glück wird sich dies als Fehleinschätzung der Armeeleitung entpuppen. Als Schüler sehen wir unsere Väter schwer bewaffnet in den Stellungen am Seeufer. Dort warten sie auf den Angriff der Deutschen, der am frühen Morgen um 3 Uhr erfolgen sollte.

Mein Vater ist am Vorabend noch schnell nach Hause gekommen und hat zu meiner Mutter gesagt: wenn der Krieg losgeht, sollten wir sofort in den Keller gehen und dort ausharren, auf jeden Fall nicht flüchten. Alle Bücher und Schriften von Emigranten, die die Genossenschaftsdruckerei Arbon druckte, seien zu vernichten. Uns quält die Angst, dass bei einer deutschen Besetzung die Familie als erste Arboner ins Konzentrationslager Dachau kommen wegen dieser Drucksachen von deutschen Emigranten. Naziorganisationen sind im Städtli aktiv. Es kommt auch zu Zusammenstössen mit der Arboner Bevölkerung. Gemeindeammann August Roth wird einmal nach Bern zitiert wegen einer deutschen Beschwerde.

Bombengewitter über dem See

Immer mehr bekommen die Schüler mit vom Krieg. Über dem See werden Friedrichshafen und Manzell bombardiert. Manche Nacht verbringen wir mit der Nachbarsfamilie Kuser im Keller des Druckereigebäudes. Gegenüber ist 1940 der Luftschutzkeller gebaut worden. Bei jedem Luftalarm müssen die Luftschutzmänner und auch -frauen in der Kommandostelle ihre Posten beziehen. Von Stress der Nacht und Schlafmangel gezeichnet, kehren sie am Morgen an ihre Arbeitsplätze zurück.

Ab 1943 und seit der Landung der Alliierten in der Normandie Anfang Juni 1944 fliegen Hunderte von schweren Bombern, teils von Westen und von Süden anfliegend, Angriffe auf Friedrichshafen/Manzell. In den ersten drei Kriegsjahren ist die Flugabwehr in Friedrichshafen stark. Die Schweizer Armee betreibt nur die zwei Fliegerabwehrstellungen bei der Berglikirche. Einmal tauchen für drei bis vier Tage 20-mm-Flabkanonen und dann drei grosse Armeescheinwerfer in der Bleiche auf. Damit wird nachts geübt. Nach drei Wochen verschwinden sie wieder aus Arbon wegen angeblicher Reklamationen der deutschen Armee.

An der Metzgergasse kracht's

Manchmal verirren sich deutsche Fliegerabwehrgeschosse (Blindgänger) nach Arbon oder in die Region. In der Metzgergasse schlägt ein Geschoss in ein Haus ein, das die Wände des Zimmers eines Mitschülers durchbohrt und bis ins Treppenhaus gelangt. Weil die Firma Saurer auch deutsche Aufträge ausführt, müssen wir immer Angst haben vor einer Bombardierung durch die Alliierten. Die Deutschen haben auf ihren getarnten Bodensee-Passagierschiffen Flabkanonen installiert und fahren bis einige hundert Meter vor das Schweizer Ufer, um von dort auf US-Bomber zu feuern. Ab Sommer 1943 fliegen immer mehr beschädigte amerikanische Bomber über den Bodensee in die Schweiz ein und kreisen tief. Die Arboner winken den Besatzungen mit Schweizer Fahnen zu, um ihnen zu signalisieren, dass sie Schweizer Hoheitsgebiet überfliegen.

Notlandung in Altenrhein

Immer wenn die Schüler am Seeufer sind und beschädigte Flugzeuge einfliegen sehen, die Kurs nach Altenrhein zur Notlandung nehmen, fahren sie mit den Velos zum Flugplatz. Als die französischen Truppen unter General Delattre de Tassigny im April 1945 immer näher an den Bodensee kommen, flüchten die vorher im Flugabwehreinsatz gestandenen grau getarnten deutschen Bodensee-Passagierschiffe in die Schweizer Häfen – drei nach Arbon. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges, am 8. Mai 1945, werden alle Schiffe über die französische Besatzungsbehörde an die zuständige deutsche Behörde zurückgegeben.

Prozess gegen Nazis

Nach dem Krieg findet auf dem Platz vor dem Pavillon auf der Quaianlage eine Grossveranstaltung mit 4000 Personen teil. Der Schaffhauser Stadtpräsident Walter Bringolf spricht zu den Teilnehmern. An dieser Veranstaltung wird gefordert, die in der Vergangenheit aktiven Nazis in der Schweiz seien sofort des Landes zu verweisen. Ein Prozess unter Leitung von Gerichtspräsident Robert Müller findet später vor dem Bezirksgericht Arbon statt. Da 700 Personen der Verhandlung beiwohnen wollen, wird sie in den Lindenhof-Saal verlegt. Der Umzug der Gerichtsherren, der angeklagten Arboner Nazis, begleitet von Polizisten und vieler Prozesszuschauer geht in die Geschichte ein.

Die angeklagten und für schuldig befundenen aktiven Arboner Nazis (Glass u. Co.) werden zu einer Strafe mit Landesausweisung verurteilt.


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