«Mami, dä Chlaus isch jo echt!»

GRABS ⋅ Seit zwölf Jahren verwandelt sich der Grabser Hubert Hürlimann jeden Dezember in den Samichlaus. Die Kinder lobt und tadelt er jeweils mit Respekt und Achtung.
07. Dezember 2017, 06:00
Alexandra Gächter
alexandra.gaechter@wundo.ch

Für den Grabser Oberchlaus Hubert Hürlimann endet heute Abend eine strenge Zeit. 20 Chlausbesuche wird er hinter sich haben, der strengste Tag war gestern. Um 14 Uhr begann er seine Arbeit als Samichlaus, um ungefähr 21.30 Uhr endete sie mit einem Znacht. Dieser wurde sehnlichst erwartet, denn mit dem Bart kann der Samichlaus nicht essen und kaum trinken. Den Znacht gibt es jeweils erst, wenn alle zehn Chläuse, die im Einsatz waren, zurück sind. In der Zwischenzeit essen die Chläuse, was da ist: Nüssli und Mandarinli.

Seit zwölf Jahren verwandelt sich Hubert Hürlimann Jahr für Jahr für die St. Niklausvereinigung Buchs Grabs in einen Samichlaus. Zuvor war er Diener des Chlauses. So sagt man den beiden Chlaushelfern in Luzern, wo er aufgewachsen ist. Als solcher Diener begleitete Hürlimann den Chlaus vor 47 Jahren. «In der 5. oder 6. Klasse wurde ich dafür angefragt.» Seine Aufgabe bestand darin, den Stab und das Buch des Samichlauses zu tragen. Mit von der Partie war neben dem Samichlaus und seinen zwei Dienern der Schmutzli, welcher die Rute schwang, sowie der Knecht Ruprecht, der die «Nüssli-Kratte» trug. «So sassen wir jeweils zu fünft in einem kleinen VW Käfer, den Stab quer, die ‹Kratte› auf dem Schoss und fuhren von Familie zu Familie», erinnert sich Hürlimann. 
 

Das Verhalten reflektieren

Früher waren die Kinder dankbarer, weil sie vom Chlaus etwas bekamen, das sie das Jahr durch nicht erhielten. «Mandarinli gab es zum Beispiel erst ab dem Chlaustag. «Als ich in meiner Schulzeit Diener war, nahmen wir jeweils drei Chlaussäckli für die armen Familien mit, die zu wenig Geld für eigene Chlaussäckli hatten. Damals wie auch heute kaufen diese Säckli nämlich die Eltern und legen sie in den Briefkasten.» Eine arme Familie mit vier Kindern deponierte nur ein kleines Chlaussäckli im Briefkasten. Dieses legte der Knecht Ruprecht in die grosse ‹Kratte›. Als der Samichlaus anstatt nur diesem Säckli noch drei weitere aus der Kratte hervornahm, strahlten die Kinder. 

«Heute bringt der Samichlaus den Kindern viel mehr, dennoch ist dies nicht so besonders, da die Kinder das Jahr durch viel erhalten.» Dass Eltern via Chlaus ihren Kindern etliche grosse Päckli schenken, findet Hürlimann nicht so gut. «Der Samichlaus ist dazu da, um das Verhalten der Kinder zu reflektieren und Mandarinli und Nüssli zu verteilen.» Dem amerikanischen Weihnachtsmann, der schenkt, ohne zu loben oder zu tadeln, kann er nichts abgewinnen. Für ihn hat das Chlausen in erster Linie etwas mit Tradition zu tun. «Ich erzähle den Kindern von der Legende des heiligen Nikolaus, welcher die armen Kinder beschenkte. Danach dürfen die Kinder ein Sprüchli aufsagen.» Mit der Rute schlagen, lautes Schimpfen oder Drohungen gibt es bei der St. Nikolausvereinigung nicht. «Wichtig ist, dass Chläuse auf Augenhöhe mit den Kindern reden und sie genauso respektvoll und achtsam behandeln wie die Erwachsenen. So sagen wir zum Beispiel nicht vor versammelter Familie, dass ein Kind nicht mehr in die Windeln machen soll. Das kann peinlich für das Kind sein. Die Eltern sollen es dem Kind persönlich sagen und nicht via Chlaus.» Ausserdem sagt Hürlimann den Kindern nicht, dass sie nicht streiten dürfen. Auch wenn dies von den Eltern so gewünscht wurde. «Streiten ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Man muss sogar streiten. Zum Beispiel wenn der Bruder der Schwester die Puppe wegnimmt. Dann muss sie sich wehren. Das erkläre ich den Kindern auch. Nur schlagen soll man nicht. Und ganz wichtig ist, dass man danach wieder Frieden schliesst.» Den Nuggi hingegen nimmt der Samichlaus Hubert Hürlimann, wenn die Kinder den Nuggi ihm mitgeben. «Ich lege ihn hinterher in den Briefkasten. So müssen die Eltern keinen neuen Nuggi kaufen, wenn das Kind es sich am nächsten Tag anders überlegt hat.» 
 

«Ich glaubte an den Samichlaus»

Für die Kinder ist klar, es gibt den ­Samichlaus. «Manche wollen es aber genau wissen.» So kam ein etwa vierjähriges Mädchen immer näher und beobachtete Hubert Hürlimann eindringlich. Irgendwann war es seinem Gesicht zum Greifen nah. «Ich dachte, es will mir den Bart herunterreissen.» Stattdessen sagte das Mädchen: «Mami, dä Chlaus isch jo echt!» Hat die Familie neben kleinen auch grosse Kinder, so seien diese immer fair und lassen die kleinen Geschwister in ihren Glauben. «Bei uns zu Hause war das auch so. Ich glaubte an den Samichlaus. Meine älteren Schwestern haben nicht gepetzt. Später habe ich dann erfahren, dass der Samichlaus ein verkleideter Mann ist.» 

Die St. Niklausvereinigung Buchs Grabs legt Wert auf eine passende Verkleidung. Hubert Hürlimann lässt sich jedes Jahr ab August einen Schnurrbart wachsen. Den Bart klebt er auf. Mit Bart und Perücke, Schminke und seinem Chlausrock kommt er in den geheizten Stuben oft ins Schwitzen. Als Chlaus kann er nicht einfach seine Winterjacke ausziehen. «Ich bin jeweils richtig froh, wenn ich wieder nach draussen in die Kälte darf.» 60 bis 70 Personen arbeiten bei der St. Niklausvereinigung Buchs Grabs ehrenamtlich. 200 Besuche statten die etwa zwölf Samichläuse den Familien Anfang Dezember ab. Das Geld, welche die Eltern für den Chlausbesuch zahlen, wird für das Nachtessen, die Gewänder und die Reinigung ausgegeben. «Als Mann bin ich es nicht gewohnt, mit einem Rock zu gehen. Darum stehe ich manchmal mit den schmutzigen Schuhen darauf, wenn ich Treppen steigen muss», so Hürlimann. 

Etwas vom Berührendsten erlebte er bei einer vaterlosen Familie mit grösseren Kindern. Diese steckten ihm einen Zettel zu. Nachdem Lob und Tadel für alle Kinder ausgesprochen war, las er die Notiz. Darauf stand, dass die Kinder der Mutter für all ihre Fürsorge danken, was die Mutter zu Tränen rührte. Ebenfalls schöne Momente erlebte der Samichlaus Hubert Hürlimann auf der Dementenstation. «Die älteren Menschen freuen sich sehr über meine Besuche. Sie halten jeweils meine Hand und lassen sie nicht mehr los.» Er sehe in ihren Gesichtern, wie die alten Erinnerungen an ihre Kindstage nach und nach wach werden und sie zu strahlen beginnen. Trotz Demenz können sie mit etwas Hilfe immer noch alte Samichlaus-Gedichte aufsagen. Für wenige Augenblicke sind die älteren Heimbewohner in Gedanken wieder ein Kind. «Traditionen schaffen Erinnerungen. Die schönen Momente, die einst der Samichlaus den Kindern beschert hatte, blieben den alten Menschen über Jahrzehnte erhalten.» 

Der heutige Chlausbesuch wird für einige der älteren Kinder vorerst der letzte sein. Vielleicht bestellen sie ihn zu ihrer Familie, wenn sie Eltern sind. Vielleicht kommt er aber auch erst in 70 oder 80 Jahren – im Alters- oder Pflegeheim – wieder zu ihnen. Gut möglich, dass ihre Erinnerungen an den Chlausbesuch von Hubert Hürlimann wieder geweckt werden. Wie er sie mit Respekt auf ihre Schwachstellen hinwies, wie er sie lobte, wie er von der Legende erzählte und wie sie für ihr Sprüchli beschenkt wurden.

Leserkommentare

Anzeige: