Tagblatt Online, 17. Februar 2012 01:06:00
Vogelfrei vier Kilometer über Boden
Frei wie ein Vogel unter freiem Himmel: Passagiere dürfen sich mit Pilot Dominik Frei (rechts) sicher fühlen. (Bild: pd)
Gleitschirmpilot Dominik Frei aus Wattwil qualifizierte sich anfangs Monat als einer von über hundert Piloten für den Weltcupfinal in Mexiko. Der Schweizer Meister im Streckenfliegen steuerte seinen Schirm innerhalb von drei Jahren mit kalkulierbarem Risiko an die internationale Spitze.
URS HUWYLER
GLEITSCHIRMFLIEGEN. Gleitschirmpilot Dominik Frei aus Wattwil startet morgens auf dem Hohen Kasten. Sieben Stunden später landet er rund 30 Kilometer südlich vom italienischen Skiort Bormio entfernt. Im Gegensatz zu den Ballonfahrern wird der Vogel gewordene Mensch nicht von einem Begleitfahrzeug verfolgt, sondern steht mit dem 25 Kilo schweren Schirmrucksack alleine in «Bella Italia». Einen Streckenflug bricht Mann selbst dann nicht ab, wenn der Rückweg beschwerlich werden könnte. «Mit Autostopp kam ich bis Pontresina, erwischte den letzten Zug und war um ein Uhr nachts wieder zu Hause», erzählt der Abenteurer lachend.
In Australien verlief der Rückweg etwas schwieriger nach 267 Kilometern Flug, weil nach der Landung irgendwo in der Pampa die Flügel gegen die Füsse getauscht werden mussten und die Dämmerung nahte. «Nach zweieinhalb Stunden Marsch sah ich Scheinwerfer. Leute kamen mir entgegen und holten mich ab. Aber ich hatte eine Hängematte dabei. Gefährlich wäre es nicht geworden», lässt sich Dominik Frei auch rückblickend nicht aus der Ruhe bringen. «Die Flugposition wird alle zehn Minuten via Satellit ins Internet übertragen, so dass jeder vermisste Pilot rasch gefunden würde», weist der Architekt für Häuser und Flugrouten auf das Sicherheitssystem hin. Die Gefahr, nach einer Bruchlandung mit einem gebrochenen Bein verloren zu gehen, besteht demnach kaum.
Vier Flüge ab Fanas
Dass die Freiheit auch unter den Wolken grenzenlos sein kann, erleben Dominik Frei und seine Kollegen bis in 4000 Metern Höhe Stunde für Stunde. Die Basis für Genuss- und Wettkampfflüge bilden die nötigen Technik-, Thermik- und Meteo-Kenntnisse. «Die Erfahrung spielt eine entscheidende Rolle. Nach dem Brevet gibt es oft Rückschläge und Misserfolge zu verkraften. Bei mir war es nicht anders.» Er selbst darf seit 2005 überall auf der Welt «adlern». Doch flugsüchtig wurde er erst, als ihm in den Dolomiten ein stundenlanger Traumflug den Bergwänden entlang gelang. 2008/09 begann der Hobby-Biker und Taucher Wettkämpfe zu bestreiten.
Inzwischen sind es für den Senkrechtstarter im Schweizer A+-Kader über 1000 Flüge und ein Einzel-Meistertitel im Streckenfliegen. Zwischen dem 15. und 20. April 2011 flog er viermal ab Fanas, das nach Freis Lehrmeister Thomas Koster (Ebnat-Kappel) benannte «Koster-Dreieck». Ergab insgesamt nicht etwa 40 Stunden zwischen Himmel und Erde. Über Klosters, Davos, Chur ging's nach Disentis, an den Walensee und über die Churfirsten möglichst bis zum Parkplatz zurück. Ergab pro Tag 222 bis 235 Kilometer, die im Kampf um den Meistertitel ungewohnt früh für eine Vorentscheidung sorgten. Dominik Frei hatte eine ideale Woche. Zusammen mit Lukas Gantenbein, Michael Rohner und Martin Hug gewann er für den Gleitschirmclub Toggenburg zudem die Teamwertung.
Von Fiesch aus hing Dominik Frei bei seinem längsten Flug zehneinhalb Stunden in den Seilen. Die weiteste Reise endete in Brasilien nach 280 Kilometern. Der Stress sei bei Wettkampfflügen grösser als der Genuss, gesteht der Toggenburger schmunzelnd. Wie bei jedem Sportler in jeder Sportart. «Es müssen aufgrund der Winde und der Wettersituation dauernd neue Entscheidungen getroffen werden. Der Pilot steht dabei unter Dauerstrom.» Stehen ausser dem Kopf zeitweise noch andere Körperteile unter Druck oder sagt Mann «Blasius, ich lass es fliegen und laufen»? «Männer haben es einfacher», erklärt der Internationale lachend, «für sie gibt es eine spezielle Vorrichtung. Bei Frauen lösen Windeln das Problem.» Wobei er im Büro deutlich mehr aufs WC müsse als in der Luft.
Weltcupfinal in Mexiko
Beim am 4. Februar zu Ende gegangenen Weltcupfinal in Mexiko hielten sich die Flugzeiten mit zwei bis vier Stunden in Grenzen. Der Berner Peter Neuenschwander gewann die Gesamtwertung der neun Massenstart-Konkurrenzen, Dominik Frei landete unter den weltweit 120 qualifizierten Piloten im Mittelfeld (62.). «Viele Details müssen für einen optimalen Flug zusammenstimmen. Es braucht neben den richtigen Entscheidungen Glück. Für mich war es eine weitere wertvolle Erfahrung.» Das tönt nicht nach «Ich fliege künftig nur noch nach Feierabend vom Stockberg oder am Wochenende zum Plausch in den Churfirsten.» Das Sportler-Gen und die Lust nach Adrenalin pur werden auf der kontrollierten Jagd nach persönlichen Rekorden erneut sichtbar.
Passagierflüge
Ein gewisses Risiko besteht immer. Trotzdem werden vom «Flieger aus Leidenschaft» Passagierflüge angeboten. «Solche Flüge sind für mich absolut ungefährlich. Es wird ein Schirm eingesetzt, den ich im Vergleich zum Wettkampfgerät als Traktor bezeichne. Und ich fliege nur bei guten Wetterverhältnissen. Passagierflüge sollen einen Eindruck vermitteln, wie faszinierend Fliegen ohne Motor ist, man fühlt sich frei und sieht die Welt aus einer neuen wunderschönen Perspektive.»
Er selbst wird weiter durch die Welt gleiten, während Stunden im Internet die Konkurrenten verfolgen, deren Routen nach fliegen und im Büro beim Blick aus dem Fenster vergitzeln, wenn er an einem optimalen Flugtag nicht im Schirm, sondern als Amateur von Berufes wegen auf dem Stuhl sitzt und die Wetterprognose die Hoffnung auf Höhenflüge zunichte macht. Auch menschlichen Vögeln bleibt manchmal im Alltag nichts anderes übrig, als mit beiden Füssen auf dem Boden zu stehen.
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