Tagblatt Online, 20. Februar 2012 01:04:00
Visionenkurt als Vorzeigefödle
In der Konfettiwolke: Kurt Weigelt werden die letzten Reste von Föbü-Gesinnung aus dem Leib geschossen. (Bild: Bilder: Benjamin Manser)
Den Einzug in den Nationalrat hat er fast geschafft, für den Himmel der Ehrenfödlebürger hat es ganz gereicht. Kurt Weigelt wurden mit der Konfettikanone die letzten Reste von Föbü-Gesinnung aus dem Leib geschossen.
Er hätte so gerne einen andern Marktplatz gehabt, träumte von einer Piazza ohne Hüttchen, jedoch mit grosser Parkgarage. Die Vision ist geplatzt, dafür ist ein anderer Marktplatztraum wahr geworden: Kurt Weigelt wurde just am Ort seiner Niederlage mit der schrägsten Ehrung ausgezeichnet, die St. Gallen vergeben kann: mit der Aufnahme in den Himmel der Ehrenfödlebürger.
In einer Konfettiwolke entschwebte er dorthin, wo alles Kleinbürgertum überwunden ist; wo man das Födle nicht nur zum Sitzen, sondern auch zum Denken braucht, wie ein Mitglied der Födlebürger-Sozietät erklärte.
Kurt Weigelt ist Direktor der Industrie- und Handelskammer, ein ernsthafter Beruf, der aber Raum lässt für phantasievolle Ideen. Zum Beispiel für den Vorschlag, Studenten im spätern Berufsleben die Kosten des Studiums nachzahlen zu lassen.
Dass solche Ideen in einer Bruchlandung enden, ist kein Hindernis für Föbü-Ehren. Man kürt ja nicht einen Realo, sondern den Visionenkurt, jemand mit «Födle, Herz und Humor».
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Samstagabend auf dem Blumenmarkt. Kurz nach Ladenschluss fährt ein Tieflader ein martialisches Ungetüm herbei, die Konfettikanone, die René Engeler alsogleich in Stellung bringt.
Und bald schon beginnt es zu dampfen und zu rauchen. Pech und Schwefel verbreiten eine Höllenatmosphäre, passend zu den Teufelsfratzen der Kanon-Crew. Techniker des Stadttheaters richten die Bühne her, Marco Scandola beginnt mit den Soundchecks. Dies alles braucht es, um einen respekteinflössenden Richtplatz herzurichten. Schliesslich findet man einen Ehrenföbü mit Vorzeigefödle nur einmal im Jahr.
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Derweil versammelt sich die ehrenföbüwerte Sozietät in ihrem Stammlokal, dem Drahtseilbähnli. Dort, wo alle Föbüs und Föbinen mit einer Karikatur von Alibert verewigt sind, mit heiterem Gesicht und blankem Hintern.
Die offizielle Uniform sieht allerdings etwas zugeknöpfter aus: Für die himmeltraurige Höllenzeremonie vom Fasnachtssamstag tragen die Ehrenföbüs Frack und Zylinder. Feierlich geben sie dem Neuen das Ehrengeleite. Noch ist sein Name nicht bekannt. Also wird Kurt XXXVIII. Weigelt als Gallus verkleidet und von einem Bär begleitet zur Richtstatt gefahren, flankiert von Ehrenföbine Trudy XV. Hermann als Bär und zwei jungen Talenten aus der Ballettschule Angelika Haindl als Ad-hoc-Mönchlein.
Guggen aus St. Gallen, Gäste aus Bayern, Vitznau, dem Baselbiet, Muolen und Oberuzwil begleiten das Gefährt, auf dessen Anhänger «Gallus» nach allen Seiten grüsst, als wäre er der Papst auf dem Papamobil.
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Vor der Kanone muss er sein geistliches Gewand allerdings ablegen und sich in Motorradkluft präsentieren. Nebst Marktplatzvisionen sei Töffli-Bolzen seine zweite Leidenschaft, verrät Zeremonienmeister Michael XXXV. Hüppi, der von Kurt II. Kern und Föbükanzler Peter XXX. Stössel assistiert wird.
Vor dem Verschuss darf der Geehrte noch drei Wünsche äussern. Zwei hat er für die Kinder: eine Rutschbahn von der Mühlegg bis ins Tal und Kleider aus St. Galler Stoffen fürs Kinderfest. Beim dritten Wunsch ist er wieder ganz Visionenkurt: «Dass sich die künftige Marktplatzgestaltung nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet und nicht nach den Interessen der Parteien.»
Kurz darauf wird der neue Ehrenföbü samt Wünschen und Visionen von einer Konfettiwolke erfasst. Anders als vor einem Jahr zündet das Schwarzpulver diesmal einwandfrei. Gutes Omen, dass die Stadt auch weiterhin Feuer unter dem Födle hat.
Josef Osterwalder
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