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Tagblatt Online, 22. Februar 2012 06:28:00

Der neue Hunger auf Verzicht

Pfarrherren Zoom

Nach der Föbü-Nacht die Fastenzeit: Christoph XXV. Sigrist und Alfons XXIII. Sonderegger (rechts). (Bild: Benjamin Manser)

Heute ist Aschermittwoch und die Fastenzeit beginnt – allerdings ohne kirchlich verordnetes Fasten. Aber die Föbü-Pfarrherren stellen fest, dass immer mehr Menschen spüren: «Überfluss macht eben nicht satt.»

DANIEL KLINGENBERG

An der Fasnacht über die Stränge hauen, darauf in der Fastenzeit Busse tun: Die beiden Zeitabschnitte stehen, so will es eine volkstümliche Sicht, für zwei Seiten des Menschseins. Während das Leben nicht nur an Fasnacht zur Party geworden ist, hat die gedrosselte Nahrungsaufnahme aber ein sauertöpfisches Image. Fastende stellt man sich nicht als glückliche Menschen vor.

Allerdings: Ein Drittel der Bevölkerung der Schweiz gilt als zu dick, die XXL-Postur ist eine Volkskrankheit. Essen gibt es hier im Überfluss – aber eben: «Gefüllt» muss nicht «erfüllt» heissen. Die verbreiteten Essstörungen können komplexe psychische Zusammenhänge haben.

Fasten braucht neuen Sinn

Wie sehen die Föbüs Alfons XXIII. Sonderegger und Christoph XXV. Sigrist die Fastenzeit? Die beiden Pfarrer verfügen neben fasnächtlichen auch über spirituelle Kompetenzen. Alfons XXIII. ist in den 1940er-Jahren im katholischen Berneck aufgewachsen und hat das kirchlich verordnete Fasten und Beten erlebt. «Ich erinnere mich, wie man strassenweise zum Gebet aufgeboten wurde», erzählt er. Damals war auch klar: «Bis Ostern kommt am Freitag kein Fleisch auf den Tisch.» Wobei dies für ärmere Familien sowieso die Regel war.

Mit der Veränderung der Gesellschaft und dem Konzil in den 1960er-Jahren war es vorbei mit Fasten nach Vorschrift. Das hatte zwei Folgen. Einerseits verlor das Fasten für breite Bevölkerungsteile an Bedeutung. Wer aber fastetet, musste dies anderseits mit einem neuen Sinn füllen.

Hier sieht Alfons XXIII., lange Pfarrer in St. Otmar, grosse Chancen. Durch den Verzicht erinnere man sich etwa beim «solidarischen Fasten» an die Menschen, die nicht wie hier im Überfluss lebten. Überfluss verstelle oft den Blick darauf, dass sehr viele Menschen weniger Privilegien hätten. Dieses Fasten steht für Alfons XXIII. stark im Zusammenhang mit der Hilfswerk-Tätigkeit von Fastenopfer und Brot für alle.

Konsum und verlorene Mitte

Im zwinglianischen Zürich aufgewachsen, hat Christoph XXV. in seiner Jugend keine Fastenzeit erlebt. Auch der Begriff wurde nicht verwendet: «In der reformierten Kirche spricht man von Passionszeit.» Das Thema «Essen» holte ihn aber vor rund zwei Jahren ein. «Aus gesundheitlichen Gründen esse ich heute wohl etwa halb so viel wie zuvor», sagt der heutige Grossmünster-Pfarrer.

Dem Heilfasten, wie es in alternativ-religiösen Kreisen praktiziert wird, kann er aber viel abgewinnen. «Je grösser die <Konsumtempel> in unserer Gesellschaft, desto wichtiger wird der Verzicht.» Offensichtlich wachse in einem Teil der Gesellschaft durch den Überfluss auch ein «Hunger auf den Verzicht». Alfons XXIII. sieht dies ähnlich: «Überfluss macht eben nicht satt.» Bei diesem Fasten geht es oft auch um die Konzentration auf das, was im eigenen Leben wichtig ist. «Damit hat es eine Ähnlichkeit mit dem Fasten von Jesus» (siehe Kasten).

Mitmachen beim «Autofasten»?

Neben dem Verzicht auf Nahrung gibt es vielfältige weitere Formen des Fastens. Auch dem «Autofasten», nämlich in der Fastenzeit möglichst wenig mit dem eigenen Wagen unterwegs zu sein, kann Alfons XXIII. viel abgewinnen.





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