Von Engelburg nach Bogotá

ENTWICKLUNGSHILFE ⋅ Andreas Koller ist in Kolumbien in der internationalen Zusammenarbeit tätig. Mit Unternehmensberatung will er einen Beitrag zur Wahrung des Friedens mit der FARC-Guerilla leisten.
23. Dezember 2017, 05:20
Adrian Lemmenmeier

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

Mit seinem dünnen Einband sieht es aus wie ein billiges Taschenbuch. Doch das 300 Seiten starke Werk, das Andreas Koller während des Gesprächs immer wieder in den Händen dreht, ist eine Ausgabe des Friedensvertrages zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla. Der vor einem Jahr unterzeichnete Vertrag markiert das Ende eines 50-jährigen Konfliktes (siehe Zweittext).

«Nur zehn Prozent des Vertrages handeln von einem militärischen Friedensschluss», sagt Andreas Koller, «Der Rest zielt darauf ab, die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen für einen stabilen Frieden zu schaffen.» Umgesetzt werden soll das Vertragswerk auf verschiedenen Ebenen, von verschiedenen Akteuren. Der Engelburger Unternehmensberater Andreas Koller ist einer davon – auch wenn seine Rolle bescheiden ist, wie er betont. Er wolle aber lieber ein kleines Lichtlein anzünden, als über die Dunkelheit fluchen.

Zwei Baustellen, ein Ziel

Koller ist in Kolumbien an zwei Orten tätig. In der Hauptstadt Bogotá arbeitet er im Koordinationsbüro von «Reprodepaz» – einem Netzwerk von Menschen, die sich in Kolumbien für den Frieden engagieren. Das Netzwerk besteht aus über 5000 Basisorganisationen, denen insgesamt fast eine Million Menschen angehören. Vom Frauenverein über das Fischereikollektiv bis hin zu politischen Friedensaktivsten. «Meine Aufgabe ist es, diese völlig unterschiedlichen Gruppen näher zusammenzubringen», sagt Koller. «Allen muss klar sein, dass wir dasselbe Ziel haben: Die Sicherung des Friedens.» Dazu leistet der 59-Jährige Kommunikationsarbeit und organisiert Workshops.

Der Friede brauche aber auch eine wirtschaftliche Grundlage. «Mehr Fisch, mehr Friede», hätten Fischer im Karibischen Meer die Formel auf den Punkt gebracht. «Wem es wirtschaftlich gut geht, der ist weniger anfällig, sich für Konflikte instrumentalisieren zu lassen.» Deshalb versucht ein zweites Projekt, in dem sich Koller engagiert, Unternehmen in der kolumbianischen Region Boyapac dabei zu helfen, die Wertschöpfung ihrer Produkte zu erhöhen. «Wenn etwa eine Kooperative rohen Zucker verkauft, verdient sie weniger Geld, als wenn sie ihn mit Kokosstreuseln zu einem Gebäck verarbeitet.» Ähnliche Ideen erarbeitet Koller für einen Kakaoproduzenten und für Menschen, die mit einfachen Mitteln nach Smaragden suchen. Durchgeführt werden die Projekte vom Schweizer Hilfswerk Interteam, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Vom Techniker zum Träumer

Mit seiner Arbeit in Südamerika hat sich Andreas Koller einen Traum erfüllt, den er vor dreissig Jahren glaubte, begraben zu haben. Schon in den 1980er Jahren wollte der Ingenieur in der Entwicklungshilfe tätig sein. Aus dem «Nachdiplom-Studium für Entwicklungsländer» an der ETH wurde aber nichts, und so schlug Koller einen, wie er sagt, «normalen» Weg ein. Er arbeitete als Ingenieur und gründete eine eigene Softwarefirma, die 2005 aber wegen Schwierigkeiten mit einem Grossauftrag unterging. «Danach begann ich mich für Organisationsentwicklung zu interessieren», sagt Koller. «Weshalb gelingen einzelne Projekte, während andere scheitern?»

Koller bildete sich zum Unternehmensberater weiter. Dabei stand für ihn stets die Frage nach Zielen, Visionen und Träumen im Fokus. Antworten suchte er nicht nur in Büchern. So begab er sich etwa auch vier Tage ohne Wasser, Essen und Menschenkontakt in die freie Natur. Auch wanderte auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Sein Fazit: «Wenn wir Ziele erreichen wollen, ist es wichtig, dass wir unseren Träumen folgen.»

Im Jahr 2015 machte Koller dann eine Reise nach Brasilien, besuchte seinen Sohn, der in einem Entwicklungsprojekt tätig war. Aus dem Besuch wurde eine fünfmonatige Südamerikareise, die in Kolumbien endete. Dort bleibt Koller vorerst, wenn er nicht gerade im verschneiten Engelburg einige Tage Ferien macht. «14 Monate dauern die jetzigen Projekte. Gut möglich, dass ich länger bleibe.»