Der grosse Wurf der Vorarlberger

KATHEDRALE ⋅ Ein ehrgeiziger Fürstabt, dazu sture, aber zuletzt doch nachgiebige Mönche – und viel Geld: Aus diesen Zutaten entsteht vor 250 Jahren jenes Weltkulturerbe, auf das St. Gallen heute so stolz ist.
29. Dezember 2017, 22:06
Rolf App

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@tagblatt.ch

Kaum ist der Vertrag geschlossen, fallen im Mai 1755 die Vorarlberger zu Hunderten in St. Gallen ein. Es sind Bauleute, bestellt von ihrem Landsmann Peter Thumb, der den Auftrag bekommen hat, jenes neue Kirchenschiff zu bauen, das heute, 250 Jahre nach seiner Fertigstellung, zusammen mit dem Kloster und der Stiftsbibliothek den Titel Weltkulturerbe trägt. Einen neuen Chor wollen die Mönche nicht – noch nicht. Doch der aus Feldkirch stammende Fürstabt Coelestin II. Gugger von Staudach (Abt 1740– 1767) bearbeitet sie schon seit Jahren, und er wird sein Ziel erreichen.

Das Resultat des ehrgeizigen Plans, eine Perle des Spätbarock, hat der Kunsthistoriker Josef Grünenfelder kürzlich in einem prachtvollen Buch in allen Details beschrieben. Grünenfelder ist es auch, der den Bau eine «Fehlkonstruktion» nennt. «Er ist eindeutig zu lang. Während vorne die Türme gegenhalten, drücken die schweren Gewölbe zur Seite und nach hinten.» Und zwar von Anfang an, schon in den 1780er-Jahren treten erste Risse auf. Bis dann im 20. Jahrhundert eine Sanierung unumgänglich wird. Seither gibt ein Eisenbeton-Skelett Halt.

Der Mann an der Spitze will mehr als die Mönche

Doch zurück zu den Vorarlbergern, deren Schaffenskraft dieses Kleinod zu verdanken ist. «Es handelte sich um eingespielte Teams, die immer mit Peter Thumb gearbeitet haben – und mit Johann Michael Beer, der später den Chor baut», erzählt Jakob Kuratli Hüeblin, der stellvertretende Stiftsarchivar. In seinem Archiv (siehe Text unten) lagern Vorstudien, Pläne, Protokolle und Äbte-Tagebücher. Sie erzählen die Geschichte des ehrgeizigen Mannes an der Spitze und einer Mannschaft, die den grossen Wurf nicht will.

Ihren Anfang nimmt der Neubau in einer Katastrophe. «Im Zweiten Villmergerkrieg müssen die Mönche nach Neuravensburg fliehen», erzählt Kuratli Hüeblin. «Während sie da festsitzen, werden rundherum die prachtvollsten Barockkirchen gebaut. Einer der Patres, Gabriel Hecht, beschreibt ein ideales neues Kloster. Nach der Rückkehr skizziert er einen Neubau mit einer barockisierten Kirche.» Diese besteht zu dieser Zeit aus dem spätgotischen Hallenchor aus dem 15. Jahrhundert, aus dem ab 830 errichteten karolingischen Langhaus und aus der Otmarskirche im Westen.

Für Zeitgenossen ist das kein besonders imposanter Anblick. In Einsiedeln und Pfäfers sind prachtvolle Barockanlagen entstanden, und spätestens mit dem Amtsantritt von Coelestin Gugger von Staudach wächst auch in St. Gallen der Ehrgeiz. Geld hat man auch wieder.

Doch der Fürstabt hat hartnäckige Gegner. «Oft berät er sich mit den Patres seniores, also den älteren Patres, um alle andern auf seine Seite zu ziehen», beschreibt Jakob Kuratli Hüeblin das Kräftemessen mit den konservativen Mönchen. 1745 fragt er: Sollen wir eine neue Kirche bauen, eine neue Krankenabteilung oder ein neues Kornhaus? Die Patres ziehen das Kornhaus in Rorschach vor, weil dieses Projekt «zum Wohl der Öffentlichkeit und zum Trost der Armen» sei. Doch der Abt lässt nicht locker, selbst wenn es Streit gibt. Plan um Plan wird angefertigt und fachkundig beurteilt. 1752 erklärt der fürstenbergische Hofbaumeister Franz Joseph Salzmann eine allzu grosse Rotunde in der Mitte für statisch problematisch. Und er zweifelt ganz generell, ob es sich lohne, an einem solchen Ort ein so wertvolles Kirchengebäude zu errichten.

Mit dem hellen Kirchenschiff schwindet der Widerstand

Damit meint er die Enge des – im Gegensatz zu heute – von einer hohen Mauer umgebenen Terrains. Doch der Fürstabt will genau dies: Der reformierten Stadt St. Gallen zeigen, wozu ein wieder erstarkter Katholizismus in der Lage ist. Längerfristig funktioniert das nicht. 1798 rebellieren im Gefolge der Französischen Revolution die Untertanen. Kurzfristig allerdings hat Coelestin Erfolg. Mit dem schönen und hellen neuen Kirchenschiff, dem auch die Otmarskirche hat weichen müssen, schwindet unter den Mönchen der Widerstand gegen den Neubau des Chors. Nun wollen auch sie den grossen Wurf.


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