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Tagblatt Online, 18. Februar 2012 10:47:00

Silikon, blaue Flecken und Träume

Thal - Tabledance Im Bach Pub Fasnacht Zoom

Sex-Appeal: Kurz nach dem Aufstehen sind die Tänzerinnen im «Bach Pub» bereits an der Stange. (Bild: Ralph Ribi)

THAL. Sie ist Poledancerin aus dem Osten und tanzt auf den Tischen in der Schweiz und in Deutschland. Tänzerin Jana U. berichtet von einem Job, der mit Schmerzen anfängt und in dem jede Erkältung das Einkommen schmälern könnte.

DOMINIK BÄRLOCHER

Jana U. tanzt. Sie trägt nur Unterwäsche, zeigt den Gästen im Thaler Pub Am Bach viel Haut. Die Musik hämmert aus den Boxen, Jana U.s hochhackige Plateauschuhe klappern am Boden, als sie sich auf die Knie fallen lässt, ihr Ring am Finger kratzt an der Metallstange. Der Duft von süssem Parfum steigt den Zuschauern in die Nase, wenn sie um die Stange wirbelt. Was wie eine Filmszene wirkt, ist eine Poledance-Show zur Fasnacht. Jana U. zieht ihren BH aus. Die Männer an den Tischen sind begeistert.

Eine Viertelstunde zuvor sitzt die 29-Jährige im Fumoir des Pubs, zieht an einer langen dünnen Zigarette. Sie wirkt müde. «Ich bin gerade eben aufgestanden und noch etwas verpennt», sagt sie, lächelt kurz. Jana U. spricht Hochdeutsch, mit osteuropäischem Akzent. Sie stamme aus Tschechien und wohne seit drei Jahren in Deutschland, sagt sie und erklärt in wenigen Sätzen den Aufstieg und Fall der Tschechoslowakei. Sie winkt dann ab, das sei nicht, worüber sie gerade reden möchte. Sie tanze schon eine ganze Weile, habe damit im englischen Manchester angefangen. Emotionen beim Tanzen habe sie schon längst nicht mehr. Sie tue ihren Job, konzentriert und so gut sie könne. Der Grund, dass aus der jungen Frau mit dunklem Haar und grünen Augen Tänzerin geworden ist: das Geld.

Blaue Flecken und Implantate

«Keine Frau würde diesen Job machen, wenn sie bei Aldi oder Lidl besser verdiente», sagt Jana U. und blickt ins Leere. Es sei nicht das Zurschaustellen, das sie störe, das gehöre dazu. «Der Job ist körperlich und psychisch extrem anstrengend», sagt sie. An der Stange zu tanzen brauche viel Körperbeherrschung und Kraft. «Aber es sieht schon cool aus», unterbricht sie eine Serviceangestellte in weissem BH und pinkem Höschen. Sie wolle das auch lernen. «Das gibt aber viele blaue Flecken», gibt Jana U. mit einem Schmunzeln zur Antwort. Zwischen den Beinen, unter den Armen, an der Seite. Als sie sich das Tanzen an der Stange anhand von YouTube-Videos selbst beigebracht hatte, habe sie gelitten. Aber das scheint ihr heute egal zu sein, die Warnung an ihre Kollegin klingt ehrlich, aber wie eine Floskel. Und bei der Arbeit – sie ist Vollzeit-Tänzerin, tanzt das ganze Jahr hindurch auf Tischen und an Stangen – seien blaue Flecken und Verletzungen ein Minus. Ihre Kolleginnen, die am selben Tisch sitzen, diskutieren derweil über Brustimplantate. Mindestens zwei von ihnen haben bereits eine Brustvergrösserung hinter sich. Blaue Flecken und Implantate seien nicht die grössten Sorgen der Tänzerinnen, berichtet Jana U. «Im Moment macht eine Erkältung die Runde», sagt sie. Auch das könne Einfluss auf die Performance beim Tanz haben.

Zum ersten Mal Fasnacht

In der Schweiz ist Jana U. zum ersten Mal. Den Job im Thaler Pub hat sie über eine Agentur in Deutschland gefunden, sie bleibt bis zum Ende der Fasnacht. «Um Jobs wie diesen an der Schweizer Fasnacht zu bekommen, brauchen Tänzerinnen gute Beziehungen», erklärt Jana U. Das Geld in der Schweiz sei gut, und die Barbesitzer versuchten selten, die Tänzerinnen um ihren Lohn zu betrügen. Damit bleibe auch die Polizei weitgehend aus dem Spiel. Die Zuschauer seien anständig. «Aber eklige Typen gibt's auch hier. Die gibt's überall», unterbricht sie eine Kollegin, die der Debatte über Implantate den Rücken zugedreht hat. Begrabscht werden die Tänzerinnen in der Schweiz selten. Für Jana U. und ihre Kolleginnen noch ein Grund, weshalb die Jobs in der Schweiz so beliebt seien.

Für immer will sie nicht Tänzerin bleiben, hat den Job auch nie zu ihrem Traumberuf gezählt. In Tschechien absolvierte sie nach der Schule eine Lehre, dann arbeitete sie an Imbissständen. Was aber genau auf sie zukommen soll, weiss sie nicht. Sie beantwortet die Frage mit einem Schulterzucken, kein Lächeln, keine Gefühlsregung. «Wenn ich die Wahl hätte, ich wäre gerne Taucherin. Irgendwo im Ozean. Das wäre schön. Unter Wasser ist es so entspannend und ruhig», sagt Jana. Sie nimmt noch einen letzten Zug aus ihrer Zigarette, steht auf, zupft sich das dunkle Korsett zurecht und stöckelt in Richtung Garderobe. Der Auftritt steht an.





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