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Tagblatt Online, 16. Februar 2012 01:04:00

Narrenblatt und Maskenparade

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Rorschacher Maskenparade in den 50er-Jahren: Prämierte Masken der einst stadtbekannten Fasnächtlerinnen Rös Frigoli (rechts) und Trudi Butz mit Walter Moser, Hotelier des damals noch florierenden Hotels Anker. (Bild: Bild : Privatarchiv Rös Frigoli)

Die Rorschacher Fasnacht galt in den 50er-Jahren als beste der Ostschweiz. Nebst vielen Anlässen gab es eine prämierte Maskenparade und eine Fasnachtszeitung. Neue Bräuche wie die Guggenmusiken haben ihren Platz eingenommen.

OTMAR ELSENER

RORSCHACH. «Ventil auf» – einen passenderen Namen hätte die Rorschacher Fasnachtszeitung kaum haben können. Sie bestand bis 1954. Das Logo zeigte einen Haushalts-Dampftopfkocher. Aus dem Ventil schoss Dampf, ein Sinnbild für die explosive Stimmung vor der Fasnachtszeit. Endlich Fasnacht, endlich konnte man Dampf ablassen. Die Zeitung, die bloss 60 Rappen kostete, erschien jeweils kurz vor dem Schmutzigen Donnerstag. Die Sprüche und Verse der Zeitung wurden am Arbeitsplatz in Fabriken und Büros weitererzählt oder den Nichtwissenden erklärt; die Zeit der Cliquen mit ihren Schnitzelbänken begann erst 1960.

Geheimnis erst jetzt gelüftet

Das Fasnachtsblatt umfasste vier Seiten in normalem Zeitungsformat mit Zeichnungen und Texten, davon viele als Inserat aufgemacht. Die Farbe änderte jedes Jahr: Grün, Gelb, Rosa. Erhältlich war die Zeitung nur an den Kiosken der Region. Man rätselte, wer die Herausgeber waren und wie die Redaktoren zu ihren unglaublich lustigen Geschichten kamen. Erstaunlicherweise wird dieses Geheimnis erst heute gelüftet: Der in Binningen BL lebende Sepp Bieger berichtet, wie sein Vater Josef Bieger, damals Stadtkassier, und Franz Mächler, Redaktor des Nebelspalters, jahrelang für diesen Fasnachtsspass verantwortlich waren.

Streng geheim

«Kurz nach Neujahr sassen die beiden jeweils zusammen, eröffneten ein Postfach und forderten die Rorschacher auf, ihre Beiträge über allerlei Abstruses einzusenden. «Das Fach mussten wir Kinder auf Schleichwegen leeren», erzählt Bieger. Sein Vater und Mächler wollten geheim bleiben mit all den skandalösen Neuigkeiten. Sie sichteten die Post, lachten und phantasierten über Dinge, die man nicht schreiben durfte und schieden Unpassendes aus. Sie dichteten die Verse und gestalteten die Seiten. Die zeichnerischen Beiträge lieferte der Kirchenrestaurator Bonifaz Engler. «Wir Kinder mussten die Zeitungen allen möglichen Kiosken anbieten, mit dem Velo bis nach Arbon», erinnert sich Bieger. «Manchmal nahm eine Kioskverkäuferin nur drei Exemplare ab und verlangte noch das Rückgaberecht für nicht verkaufte.»

Bieger hat einige Exemplare in seinem Archiv aufbewahrt. Wer heute darin blättert, findet alle kleinen und grösseren Skandälchen eines Jahres, immer leicht verrätselt und dem Leser doch schnell sonnenklar. Da werden z. B. die beiden Kinobesitzer Charly Weber und Bobby Krasensky wegen ihres Streits vor Bundesgericht ausgelacht. Es wird gefragt, warum das Gemeindeschiff Rorschacherberg nicht untergehen kann: Weil der Mast immer oben ist. (Mast hiess der Gemeindammann.) Viele der Verse, Sprüche und Zeichnungen wären auch heute noch überraschend aktuell, so die Texte zu den Barrieren oder zur geplanten Bahnsanierung. Der damalige Zeichner müsste heute staunen, seine Skizze mit einem Fremdenführer, der Touristen hinter dem Güterschuppen erklärt: «Von hier aus hätten sie eine wundervolle Aussicht auf den See», ist wahr geworden. Der damalige Stadtammann Ernst Grob ist als Ernst Fein in vielen Texten leicht zu erraten. Eine Kolumne «Schandpfahl» setzt den einzigen ernsten Punkt ins Blatt. Ein dekoriertes Lokal, das den elektrischen Stuhl und eine Folterkammer zum Thema hat, wird mit «Pfui Teufel» bezeichnet.

Wettstreit der Masken

Orangefarbene Plakate des Gemeinnützigen und Verkehrsvereins in vielen Schaufenstern kündigten jeweils die Maskenparade an. Es gab Prämien: 100 Franken für die beste Gruppe, 90 für das beste Paar, 70 für die beste Einzelmaske; viel Geld bei den damaligen Löhnen. Im zehnten Rang wird noch ein Fünfliber ausbezahlt. Die Parade fand stets am Fasnachtssonntagabend statt. Die Masken erhielten eine Kontrollkarte und zirkulierten wie heute die Cliquen in mehreren schon lange vorher ausverkauften Lokalen. In jedem Lokal bewerteten Preisrichter die Originalität und die «Betriebsamkeit»; die Masken mussten ihr Thema fasnächtlich präsentieren und sich mit dem Publikum anbiedern. Die Rangliste wurde im OT publiziert. 1959 gewann eine Gruppe, die das vom Volk abgelehnte hirnrissige Hochbahnprojekt parodierte. Der Preis für die Einzelmaske ging an die Maske «Frauenstimmrecht», weil die Schweizer damals einmal mehr den Frauen das Stimmrecht verweigert hatten.





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