Tagblatt Online, 13. Februar 2012 01:06:00
«Weit vom Untergang entfernt»
Gut essen in Rorschach? – «Kein Problem», sind sich Anita Künzler und René Engler einig. (Bild: Corina Tobler)
Unlängst wurde Kritik laut, Rorschach sei kulinarisch am Ende. Anita Künzler, Präsidentin von Gastro Bodensee-Rheintal, zeichnet ein anderes Bild. Die lokale Gastronomie hat sich etabliert, und zwar vom Take Away bis zum Gourmet-Restaurant.
CORINA TOBLER
RORSCHACH. Vom «kulinarischen Untergang der Hafenstadt» war kürzlich zu lesen (Tagblatt vom 3. Februar). Solch kritische Stimmen, die sich die guten alten Zeiten zurück wünschen, in denen man an jeder Ecke feines Essen habe geniessen können, lassen Wirte nicht kalt, im Gegenteil: «Wir alle haben in den letzten Jahren hart dafür gearbeitet und viel investiert, um in Rorschach ein gutes und vielfältiges kulinarisches Angebot zu schaffen», betont René Engler, der seit mehr als einem Jahr erfolgreich das «Englers am See» im ehemaligen Hafenbuffet führt und seit November auch das «Mariaberg» an der Hauptstrasse betreibt.
Kritik nicht nachvollziehbar
Anita Künzler pflichtet dem energisch bei. Sie hat mit ihrem Partner bis vor Jahresfrist in Rheineck das «Landhaus» geführt und dann das Rorschacher Café «Marktplätzli» übernommen. Zudem ist sie schon lange Vorstandsmitglied und seit drei Jahren Präsidentin von Gastro Bodensee-Rheintal. Ihre Sektion ist an den kantonalen und nationalen Berufsverband (GastroSuisse) angegliedert. Bei Problemen ist Künzler die Ansprechperson für die regionale Wirte und deshalb über die lokale Gastronomie bestens informiert. Sie kann die Kritik nicht nachvollziehen.
«Es stimmt einfach nicht, dass man hier nicht auch gehobenere Küche findet. Das <Englers am See> hat noch die letzte Lücke diesbezüglich gefüllt, aber vorher gab es ja auch schon den Stadthof, der auch im Gault Millau aufgeführt wird.» Dasselbe trifft auf die regional führende Goldacher «Villa am See», den Tübacher «Löwen» und das «Bad Horn» zu.
Weniger Lokale nötig
Sowohl Künzler als auch Engler verneinen nicht, dass Rorschach vor rund 30 Jahren tatsächlich ein Schlemmer-Paradies war. «Damals hatte die Stadt eine der höchsten Restaurant-Dichten der Schweiz. Es ist aber nur natürlich, dass sich das im Lauf der Zeit relativiert hat», sind sie sich einig. Sowohl das Verhalten der Gäste als auch die Anforderungen an die Gastronomen selbst hätten sich verändert. «Beispielsweise fährt heute fast jeder Auto. So ist man eher bereit, eine grössere Distanz zum Restaurant zurückzulegen. Auf der anderen Seite liegt wegen der Nulltoleranz beim Alkohol hinter dem Steuer das Feierabendbier nicht mehr drin. Beides führt dazu, dass weniger Restaurants der gleichen Art auf engem Raum nötig sind», erklärt Künzler.
Zudem, betont sie, sind und sollen gehobenere Restaurants etwas Spezielles sein. Der Aufwand dafür sei extrem hoch. «Die Waren, die ich einkaufe, müssen höchsten Ansprüchen genügen und haben deshalb ihren Preis. Dazu kommen die Personalkosten und die hohen Ausgaben für die Kücheneinrichtung», sagt René Engler und fügt an, auch nicht gebrauchte Frischwaren würden hohe Kosten verursachen. Diese landen im Abfallkübel und auf der Ausgabenliste der Erfolgsrechnung. «In Anbetracht solcher Veränderungen hat Rorschach auch heute noch eine sehr dichte Gastronomie», betont Künzler.
Neueröffnungen mit Potenzial
Auch das in den Medien häufig zitierte Beizensterben im Zuge der Einführung des Rauchverbots im Juli 2010 ist weitgehend ausgeblieben. «Es gab deswegen keine einschneidenden Veränderungen.» Eine Lücke habe hingegen regional der «Sulzberg» hinterlassen. Diese versucht nun der «Ochsen» in Goldach mit ähnlichem Konzept und gleicher Pächterfamilie zu schliessen. «Die Schliessungen halten sich mit den Neueröffnungen momentan die Waage, erst kürzlich eröffnete mit dem <Archetto am See> an der Thurgauerstrasse ein weiteres Lokal mit Zukunftspotenzial», sagt Künzler. Potenzial hat auch das ewige Sorgenkind Seerestaurant. «Ich hoffe sehr, dass es nach dem erneuten Pächterwechsel nun zum Erfolg findet. Die Lage ist schliesslich perfekt.»
Es braucht das ganze Spektrum
Auch wenn das Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist, die kulinarische Krise Rorschachs aus Sicht der Gastro-Präsidentin schon lange vorbei. «Von einer Baisse konnte man vielleicht vor zehn Jahren noch reden. Seither hat sich die lokale Gastronomie aber sehr positiv entwickelt.» Diese Aussage bezieht Künzler nicht nur auf die gehobeneren Lokale. «Es ist extrem wichtig, das ganze Spektrum abzudecken. Wir brauchen die Kebab-Take-Aways ebenso wie die Pizzerien, die Cafés und eben die teureren Lokale. Leider fehlt manchmal etwas das Verständnis dafür», betont sie.
Auch die günstigeren Alternativen bei Migros und Coop im Stadtzentrum sieht Künzler nicht als Konkurrenz für Wirte wie Engler. «Im Gegenteil, sie wirken belebend. Überhaupt ist die Erneuerung des Zentrums und die Bautätigkeit im Stadtwald für die Gastronomie nur von Vorteil.»
- Artikel empfehlen:










Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben