Die Frau mit Haaren aus Stahl

BIOGRAFIE ⋅ Der Rorschacher Richard Lehner bringt im Herbst 2018 sein neues Buch heraus. Es erzählt die unglaubliche Geschichte der Artistin Josefine Tanasa, die aus Rumänien geflüchtet war und heute in Rorschach lebt.
23. Dezember 2017, 05:20
Jolanda Riedener

Jolanda Riedener

jolanda.riedener@tagblatt.ch

Nur an ihren Haaren, an einem Haken und einem Seil befestigt, lässt sich die rumänische Zirkusartistin Josefine Tanasa in der Manege in die Höhe ziehen, wo sie ihre Kunststücke vorführt. Mit ihrem Zopfhang wurde sie weltberühmt. In den 70er-Jahren begeisterte die Zirkusfamilie mit Josefine Tanasa die ganze Welt: Sie trat im Zirkus Knie auf, aber auch in anderen Ländern Europas oder in Brasilien, den USA und Argentinien.

Josefine Tanasa wohnt seit vielen Jahren in der Hafenstadt. Der Rorschacher Autor Richard Lehner hat sie vor gut fünf Jahren durch einen Bekannten kennengelernt. 2012 schrieb Lehner im «Tagblatt»-Regionalteil einen Bericht über die berühmte Artistin. Damals habe er schon gewusst, dass diese interessante Frau mehr als einen Zeitungsartikel wert ist.

Mehrere Koffer voller Material, Programmhefte, Fotos, Plakate und Briefe hatte Josefine Tanasa aufbewahrt. «Alleine mit den Fotos könnte man einen Bildband füllen», sagt Lehner. Die Familie habe viel fotografiert, auch hinter der Bühne.

Er habe sich mit Tanasa regelmässig unterhalten und ein Vertrauensverhältnis aufbauen können. «Mittlerweile kenne ich auch ihre Familie», sagt Lehner. Diese spiele eine grosse Rolle im Buch: «Es ist eine Familiengeschichte.» Enkelkinder von Tanasa seien mittlerweile selber in Brasilien als erfolgreiche Artisten tätig.

Lebhafte Erinnerungen an Artisten-Karriere

Heute ist Josefine Tanasa 77 Jahre alt. «Sie erinnert sich glücklicherweise noch sehr gut an früher und erzählt lebhaft von ihren Erlebnissen in der Zirkuswelt», sagt Lehner. Aufgewachsen ist sie in Jassy, einer Stadt im Nordosten Rumäniens. Zuerst mit ihrem Bruder, später mit ihrem Mann trat sie im rumänischen Staatszirkus auf, was ihnen zum Durchbruch verhalf. Während des Kalten Krieges war eine legale Ausreise aus der Diktatur Rumäniens für die Familie nicht möglich. Trotzdem gelang ihnen die Flucht dank der Mithilfe von Rolf Knie senior. So flüchteten sie 1966 via Bratislava und Wien in die Schweiz. «Die Geschichte von Josefine Tanasa ist schön und tragisch zugleich», sagt Lehner.

Das von Josefine Tanasa sorgfältig aufbewahrte Material habe seine Recherche erleichtert. Durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Land und seiner Geschichte habe er eine Vorstellung, wie die Zeit damals in Rumänien gewesen sein muss. Beruflich sei er auch schon einmal nach Rumänien gereist. «Josefine bekommt immer wieder Besuch aus Rumänien und interessiert sich für das Geschehen im Land. In der Schweiz hat sie aber auch Verwandte und ist in Rorschach gut vernetzt», sagt Richard Lehner.

Dass sie sich gerade in Rorschach niedergelassen hat, war gemäss Lehner vermutlich Zufall. Anfangs wohnte sie einige Zeit in Altenrhein, weil sie dort eine Wohnung gefunden habe. «Sie wollte in der Schweiz bleiben, weil sie dankbar war, dass sie das Land aufgenommen hat», sagt Lehner.

Josefine Tanasas leibliche Tochter, Aglaja Veteranyi, beschrieb ihr Leben in der Artistenfamilie, die in den verheissungsvollen Westen kommt, 1999 auf. Ihr Werk «Warum das Kind in der Polenta kocht» studierte Richard Lehner im Rahmen seiner Recherchearbeiten. «Meine Mutter wird jemanden finden, der ein Buch mit unserer Lebensgeschichte schreibt», heisst es im Buch. «Als ich das gelesen habe, durchfuhr es mich», sagt Lehner, denn damit sei ja er gemeint.

Geschichte der Artistin interessiert in Rumänien

Sein Buch «Haare aus Stahl – Das Zirkusleben der Josefine Tanasa und ihrer Familie» wird im Herbst 2018 vom Appenzeller Verlag herausgegeben. Statt in Kapiteln ist es in Zirkusnummern gegliedert. Der Kanton St. Gallen unterstützt das Werk mit 10000 Franken aus dem Lotteriefonds. «Ich freue mich sehr darüber», sagt Lehner. Für die Finanzierung des Werks werde er bei der Stadt Rorschach noch vorstellig werden und bei Stiftungen nachfragen. Passend ist auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung im kommenden Herbst. Denn 2019 feiert der Schweizer Zirkus Knie sein 100-Jahr-Jubiläum.

Richard Lehner wünscht sich, dass sein Buch auch ins Rumänische übersetzt wird: «Die Geschichte von Josefine Tanasa und ihrer Familie interessiert die Menschen in Rumänien.»


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