Mehr Spendernieren verpflanzt

ORGANSPENDEN ⋅ Obwohl die Zahl der Transplantationen in St.Gallen gestiegen ist, fehlen Spenderorgane. Eine Ärztin am Kantonsspital fordert eine positive Grundhaltung in der Bevölkerung.
24. November 2017, 08:02
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

St.Gallen ist einer von sechs ­Orten in der Schweiz, in denen Organe und Gewebe transplantiert werden. Hier sind es Nieren und Hornhäute. Das Besondere an Nierenspenden ist, dass sie auch zu Lebzeiten möglich sind, als sogenannte Lebendspende. «Die Lebendspende ist ein wichtiger Teil im Bereich der Organspende», sagt Susann Endermann, Leitende Ärztin an der ­Klinik für ­Anästhesiologie, Intensiv- und Rettungs- und Schmerzmedizin des Kantonsspitals St.Gallen. ­Lebendspenden sind auch bei einem Teil der Leber möglich. Der Spender weiss dabei in der Regel, wem das Organ zugeteilt wird.

Am Kantonsspital St.Gallen hat die Zahl der Organspenden in den vergangenen Jahren zugenommen. 2015 wurden bei 12 Personen eine Nierentransplantation bei Verstorbenenspende und bei 4 Patienten nach einer Lebendnierenspende durchgeführt. Im vergangenen Jahr ­waren es 16 Transplantationen bei Verstorbenenspende und 10 nach einer Lebendnierenspende. Im laufenden Jahr wurden bisher bei 17 Patienten eine Nierentransplantation bei Verstorbenenspende und bei 12 Patienten nach einer Lebendnierenspende durchgeführt.
 

Debatte über Widerspruchslösung

Auch wenn die Anzahl der Transplantationen steigt, wünscht sich Susann Endermann mehr Spender. Denn es warten mehr Menschen auf ein Organ, als Organe zur Verfügung stehen. Welche Anreize hält die Ärztin für sinnvoll? «Es sollte eine positive Grundhaltung in der Bevölkerung in Bezug auf das Thema Organspende geschaffen werden.» Wer bereit sei, im Bedarfsfall ein Organ anzunehmen, sei vermutlich auch eher bereit, ­Organe zu spenden. Deshalb sei es wichtig, über das Thema zu sprechen. «Die Bevölkerung könnte sich mit den Themen Organspende und Transplantation gedanklich intensiver auseinandersetzen», sagt Endermann.

Tatsächlich erfolgt derzeit eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema (Ausgaben vom 17. Oktober und 9. November). Die Bewegung Jeune Chambre Internationale (JCI) Riviera hat im Oktober eine eidgenössische Volksinitiative lanciert. Sie fordert: Jede verstorbene Person soll potenziell Organspender werden, wenn sie das zu Lebzeiten nicht ausdrücklich abgelehnt hat. Mit dieser sogenannten ­Widerspruchslösung soll die Spendenbereitschaft erhöht werden. In den Nachbarländern Frankreich, Italien und Österreich gilt diese Regelung. Gemäss Experten sind die Spenderzahlen pro Million Einwohner dort doppelt so hoch wie in der Schweiz.

Susann Endermann sagt dazu: «Die Einführung der ­Widerspruchslösung könnte helfen, das Bewusstsein zum Thema Organspende zu fördern.» Wenn die Entscheidung bekannt sei, führe dies zudem zu einer Ent­lastung der Angehörigen.
 

«Prozesse für Organspende sind klar definiert»

Die Initiative ist nicht der einzige Grund, weshalb derzeit mehr über Organspenden gesprochen wird als auch schon. Das Expertengremium der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat die Richtlinien zur «Feststellung des Todes in Hinblick auf Organtransplantationen» revidiert und präzisiert. Die Änderung gilt seit ein paar Tagen. Neu darf der Tod nach einem Herzstillstand schon nach fünf Minuten statt wie bisher nach zehn festgestellt werden. «Im Kantonsspital St. Gallen sind die Prozesse im Bereich der Organspende klar definiert und strukturiert», sagt Endermann dazu. «Wir sind strikt den ethischen Vorlagen und gesetzlichen Richtlinien gefolgt, also werden wir diesen nach Inkrafttreten weiterhin folgen.»

Im Vorfeld hatte es Kritik ­gegeben an dem Entscheid des SAMW. Endermann verweist ­darauf, dass der Tod in jedem Fall nach irreversiblem Funktionsausfall des Gehirns festgestellt werde. Und sie betont, dass ein Therapieverzicht unabhängig von der Frage nach einer Organspende erfolge.


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