Kantone wollen Ärzte und Spitäler zu ambulanten Eingriffen zwingen

ST.GALLEN ⋅ Die Kantone wollen geplante Spitalaufenthalte nur noch vergüten, wenn medizinische Gründe gegen einen ambulanten Eingriff sprechen. Mit einem höheren Anteil ambulanter Leistungen könnten pro Jahr 500 Millionen Franken eingespart werden.
19. Mai 2017, 19:33
Dies gab die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) am Freitag nach einer zweitägigen Tagung in St.Gallen bekannt. «Wir wollen Gesundheitskosten sparen, nicht verschieben», sagte Thomas Heiniger, Präsident der GDK, vor den Medien.
Zu viele Leistungen, welche aus medizinischer Sicht ambulant erbracht werden könnten, würden heute in der Schweiz noch stationär und damit zu wesentlich höheren Preisen erbracht. Grund dafür seien falsche finanzielle Anreize. Nur knapp ein Fünftel aller chirurgischen Eingriffe würden in der Schweiz ambulant durchgeführt. Dies sei im Vergleich zu zahlreichen OECD-Ländern sehr wenig, sagte Heiniger.

Gemäss einer Studie der GDK kostet zum Beispiel eine ambulante Meniskus-Operation bei einem Patienten in der Grundversicherung 2400 Franken. Wird die gleiche Operation in einem Spital durchgeführt, kostet diese 3700 Franken. Geradezu astronomisch ist der Unterschied bei der Operation am Knie bei Zusatzversicherten. Während die ambulante Operation ebenfalls 2400 Franken kostet, schlägt die stationäre Behandlung mit 13'200 Franken zu Buche.
 

Liste mit ambulanten Eingriffen

Die GDK empfehle ihren Mitgliedern, den Beispielen der Kantone Luzern und Zürich zu folgen, sagte Heiniger. In beiden Kantonen sollen unnötige Hospitalisationen vermieden werden, indem die Kanton eine Liste mit Eingriffen festlegen, welche ambulant statt stationär erfolgen sollen. Dazu gehören häufige Operationen und Eingriffe wie Mandel-, Krampfadern− und Leistenbruch-Operationen oder das Zertrümmern von Nierensteinen.

Die Kantone sollen sich nur dann an den Kosten für stationäre Eingriffe dieser Liste beteiligen, wenn ein Eingriff im Spital aus medizinischer Sicht notwendig sei. Den Entscheid, ob eine Operation stationär oder ambulant durchgeführt wird, fälle der Mediziner zusammen mit dem Patienten.
 

500 Millionen Franken einsparen

Im Kanton Luzern wird eine solche Liste ab 1. Juli eingeführt, im Kanton Zürich sei eine solche ab Anfang 2018 geplant, sagte Thomas Heiniger, Gesundheitsdirektor des Kantons Zürich. Insgesamt seien 13 Eingriffe auf der Liste von Luzern. Dank des medizinischen Fortschritts seien in Zukunft bis zu 40 Eingriffe denkbar. Luzern rechne bereits in diesem Jahr mit Einsparungen von 3 Mio. Franken. In der ganzen Schweiz betrage das Sparpotential 500 Mio. Franken.

Die GDK hoffe, dass die Versuche in den beiden Kantonen Erkenntnisse für die ganz Schweiz bringen. Die andern Kantone seien aufgerufen, die Schritte zu übernehmen. «Wir wollen einheitliche Listen, keinen Flickenteppich», sagte Heiniger. Die GDK fordere die Tarifpartner auf, die Vergütung dieser Leistungen so rasch als möglich über Pauschalen abzuwickeln. «Denkbar wäre die Einführung einer Zero-Night-Pauschale», sagte GDK-Vizepräsidentin Heidi Hanselmann.
 

Kosten sparen statt verschieben

Die im eidgenössischen Parlament diskutierten Vorschläge, dass die Kantone die 10 Milliarden Franken, welche sie jährlich für die Finanzierung des Gesundheitswesens aufwenden, an die Versicherer weiterleiten sollten, lehne die GDK ab. Die einheitliche Finanzierung stationärer und ambulanter Leistungen sei keine Lösung für die Malaise in der heutigen Gesundheitsfinanzierung. «Wir wollen die Kosten dämpfen und nicht einfach nur öffentliche Gelder zu den Krankenkassen verschieben», sagte Heiniger.

Weiter fordert die GDK eine Verbesserung der Tarifsysteme im stationären und im ambulanten Bereich. Zudem solle ein Überangebot in gewissen Regionen und in einzelnen fachärztlichen Disziplinen vermieden werden. Das Parlament müsse eine nahtlose Nachfolgeregelung zur Angebotssteuerung beschliessen.
 

FMH enttäuscht

Der Zentralvorstand der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzten (FMH) reagierte enttäuscht, dass die GDK die bekannten Fehlanreize bei der Finanzierung der Gesundheitsleistungen nicht beseitigen wolle. «Mit ihrem Nein zur einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen sperren sich die Kantone gegen eine Dämpfung des Prämienanstiegs, der entsteht durch die Verlagerung von vorwiegend steuerfinanzierten stationären Leistungen in den prämienfinanzierten ambulanten Sektor», heisst es in einer Mitteilung.

Die Verlagerung von der stationären zur ambulanten Versorgung belaste einseitig die Prämienzahler, teilte der Krankenversichererverband santesuisse mit. Die Kantone erhielten dagegen keine wirkungsvollen Anreize, bei den Spitalambulatorien Kosten zu sparen. Die Spitalambulatorien seien seit Jahren der grössten Kostentreiber zu Lasten der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler.
 

Forderungen der Privatkliniken

Bereits im Vorfeld der GDK-Tagung hatten die Privatkliniken Schweiz (PKS) der Gesundheitsdirektoren-Konferenz eine Reihe von Anträgen zugestellt. Die heute bestehende massive Einschränkung der freien Arzt− und Spitalwahl sowie die Wettbewerbsbehinderung und Diskriminierung von privaten Anbietern müsse gemildert werden.

Konkret fordern die Privatkliniken eine zukunftsgerichtete, bedarfsgerechte Spitalplanung. Jeder Kanton solle den gesamten Bedarf seiner Wohnbevölkerung planen und systematische Unterkapazitäten vermeiden. Zudem müssten die Kantone die gesetzliche Spitalwahlfreiheit gewährleisten, indem sie für jede Leistungsgruppe mindestens drei Anbieter auf die Spitalliste aufnehmen. (sda)

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