Fussgänger überfahren: Autolenker beantragt Freispruch

ST.GALLEN ⋅ Im März 2013 ist ein Rentner in Wil von einem Auto erfasst und getötet worden. Der in den Unfall verwickelte Lenker wurde wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Dagegen wehrt er sich am Dienstag vor Kantonsgericht St.Gallen.
05. Dezember 2017, 17:44
Der Beschuldigte fuhr am 4. März um 20.40 Uhr in seinem Personenwagen auf der St.Gallerstrasse von Zuzwil in Richtung Gamma-Kreisel. Zur selben Zeit versuchte auf der Höhe der dortigen Tankstelle eine dunkel gekleidete Person die Strasse zu überqueren. Der Fussgängerstreifen befand sich 140 Meter weit entfernt von der Unfallstelle. Der 81-jährige Fussgänger wurde frontal vom Auto erfasst und auf die Strasse geschleudert. Er verstarb an den erlittenen Verletzungen.
 

Einen Schatten wahrgenommen

Das Kreisgericht Wil sprach den Autolenker im Juni dieses Jahres der fahrlässigen Tötung schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 190 Franken. Der Beschuldigte zog das Urteil an die nächste Instanz weiter. Am Dienstag verlangte er am Kantonsgericht St.Gallen einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft, die an der Verhandlung nicht anwesend war, beantragte die Abweisung der Berufung.

Er könne sich noch heute nicht erklären, woher der Mann die Strasse betreten habe, betonte der Beschuldigte an der Berufungsverhandlung. Er habe keinen Fussgänger bemerkt. Erst unmittelbar vor der Kollision habe er rechts einen Schatten wahrgenommen. Der 50-jährige Schweizer beteuerte, er sei weder zu schnell noch unaufmerksam unterwegs gewesen. Noch heute beschäftige ihn der tödliche Unfall sehr, doch wisse er nicht, wie er ihn hätte verhindern können.

Der Verteidiger beantragte einen Freispruch oder die Zurückweisung des Urteils ans Kreisgericht. Er sprach ein Gutachten an, indem davon ausgegangen wird, dass der Autolenker etwas schneller als die erlaubten 50 km/h unterwegs gewesen ist. Diese Feststellung sei eine reine Vermutung, da nicht einwandfrei erklärt sei, ob die Bremsspur von den Hinter− oder Vorderrädern stamme.
 

Schlechte Sichtverhältnisse

Auch einen Verfahrensfehler machte der Verteidiger geltend. Er bemängelte, dass der Einzelrichter am Kreisgericht Wil eine offizielle Besichtigung vor Ort samt Tatrekonstruktion abgelehnt hatte, jedoch am Tag vor der Gerichtsverhandlung eine private Besichtigung vornahm.
«Bei dieser kam der Richter zum Schluss, dass die Sichtverhältnisse auf der St.Gallerstrasse ausreichend sind, um einen Fussgänger auf der Fahrbahn bemerken zu können. Man kann aber eine Winternacht mit Nebel und Feuchtigkeit nicht mit einer trockenen Juninacht vergleichen», beanstandete er. Die Sichtverhältnisse seien komplett verschieden. Zudem gehe es nicht an, dass bei der Besichtigung der Beschuldigte und sein Verteidiger nicht eingeladen würden, um Stellung nehmen zu können.

Der Verteidiger verwies auch auf Zeugenaussagen. Eine Fahrzeuglenkerin, die hinter seinem Mandanten gefahren sei, habe ebenfalls keinen Fussgänger bemerkt. Sie habe zudem ausgesagt, der vordere Wagen sei weder zu schnell noch sonst auffällig gefahren. Aufgrund der dunklen Kleidung des Fussgängers und der schlechten Sichtverhältnisse habe sein Mandant den Mann nicht sehen können. Das Urteil des Kantonsgerichts steht noch aus. (SDA-ATS/cis/gn)

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