Tagblatt Online, 08. Februar 2012 01:04:00
Modern sein trotz Traditionen
Selbstbewusst sein und einen starken Charakter entwickeln – das sollen die Mädchen an der Maitlisek voneinander lernen. (Bild: Archivbild: Hanspeter Schiess)
GOSSAU. Seit 1912 gibt es in Gossau die Maitlisek. Gefeiert wird das Jubiläum mit einem Musical, Ausstellungen und einem Festzelt. Kreativität steht im Zentrum – und die Jungs fehlen den Mädchen hier auch nach hundert Jahren nicht.
NINA RUDNICKI
Anfangs war Linda Graber, die mittlerweile in die 2. Klasse der Maitlisek geht, unsicher, ob sie sich für eine reine Mädchenschule entscheiden soll. «Als ich am Schnuppertag der Maitlisek dann aber gesehen habe, zwischen wie vielen kreativen Kursen man auswählen kann, wollte ich unbedingt hierhin», sagt sie. Dann habe sie sich nur noch abgesichert, dass sich ihre Kolleginnen ebenfalls anmeldeten. Die Entscheidung bereut Linda Graber nicht. Dass es keine Buben an der Schule hat, findet sie nicht altmodisch. «Man merkt während des Unterrichts gar nicht, dass sie fehlen, und ausserdem kann man sich ja in der Freizeit mit ihnen treffen.»
Ein Musical und Ausstellungen
Linda Graber ist eine von 137 Schülerinnen an der Maitlisek. Vor 100 Jahren wurde die Schule gegründet und öffnete im Mai 1912 erstmals für 45 katholische Mädchen ihre Türen. Für die damalige Zeit eine beachtliche Zahl, wie Birgit Berger-Cantieni, Präsidentin der Mädchensekundarschule, sagt. Und noch heute sei die Maitlisek, die inzwischen Schülerinnen aller Konfessionen offen steht, ein Erfolg. Gefeiert wird das mit einer 100-Jahr-Jubiläumsfeier, die, wie auch das Schulkonzept, ganz im Zeichen der Kreativität steht. Als erstes stellen die Schülerinnen an der Matinee am kommenden Samstag aus, was sie im vergangenen halben Jahr geschaffen und gemalt haben. Auch Musicals und Bildungsveranstaltungen für Erwachsene wird es geben.
Sich im Schulhaus begegnen
Neben der Kreativität steht im Jubiläumsjahr vor allem die Begegnung im Zentrum. Berger-Cantieni sagt: «Wir wollen Gossau ins Schulhaus bringen und zeigen, wie modern unsere Schule ist.» Vorwürfe, eine reine Mädchenschule sei nicht mehr zeitgemäss, weist die Präsidentin zurück. Im Sekundarschulalter befänden sich Mädchen und Knaben in sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen. «Uns geht es darum, das Bewusstsein als Frau zu fördern. Die Rollenfindung ist unabhängig von den Männern, daher braucht es keine gemischten Schulklassen», sagt sie. Ausserdem könne man so die Themen für den Unterricht spezifisch auf die Schülerinnen ausrichten und auch einmal eine Beautywoche einplanen.
500 Franken pro Jahr müssen Eltern aus Gossau-Arnegg und Andwil bezahlen, die ihre Tochter an die Maitlisek schicken wollen. Für auswärtige Schülerinnen, wie zum Beispiel aus Waldkirch oder Herisau, wird es etwas teurer.
Das Lernen selber bestimmen
Die private Maitlisek ist als Verein organisiert. Neben den Elternbeiträgen finanziert sich die Schule über Steuergelder der Stadt Gossau und der katholischen Kirche. Eine Realschule, die ebenfalls zur Oberstufe zählt, gibt es an der Maitlisek nicht – was die Frage aufwirft, ob die Maitlisek dem Bildungsauftrag des Kantons gerecht wird. «Da wir eine Privatschule sind, haben wir in Bezug auf die Beschulung ein gewisses Privileg», sagt Berger-Cantieni. «Wir können selbst entscheiden, ob wir nur eine Sekundar- oder auch eine Realschule führen wollen.» Die Gossauer stünden aber hinter der Schule, manchmal kämen einige «unglückliche» Rückmeldungen von Lehrern der anderen Schulen, die einen «Überschuss» an Buben zu beklagen hätten. «Erst wenn der politische Druck von aussen zunähme, müssten wir unser Schulkonzept überdenken», sagt sie.
Bis dahin werden hier Sekschülerinnen gefördert – nicht nur in ihrer Kreativität, sondern auch im selbstgesteuerten Lernen, in dem sie den Stoff selber einteilen und lernen und nur der Prüfungstermin vorgegeben ist.
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