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Tagblatt Online, 17. Februar 2012 01:05:58

Die Bundeskanzlerin

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Corina Casanova referiert in Gossau über ihre Rolle als Bundeskanzlerin. (Bild: Nina Rudnicki)

«Die Frauen gehören ins Haus – ins Gemeindehaus, ins Rathaus, ins Bundeshaus.» Diese Worte von Josi Meier, der ersten Ständeratspräsidentin, sind es, die Bundeskanzlerin Corina Casanova seit jeher beeindruckt und beeinflusst haben. Das und das Anliegen, auch andere Frauen für eine politische Laufbahn zu motivieren, hat sie am Mittwochabend für ein Referat in die Aula der PHSG in Gossau geführt. Denn hier stellte das Frauennetz im Hinblick auf die Wahlen im März die Kantonsratskandidatinnen vor. «Noch immer sind viel zu wenige Frauen in der Politik», sagt Casanova. «Im Nationalrat gerade mal 30 Prozent. In den Kantonen sieht es noch schlechter aus, vor allem in ländlichen Gebieten.»

Verbunden mit der Heimat

In ländlichen Gebieten kennt sich die 55-Jährige aus. Damals, als sie als junge Anwältin in Graubünden gearbeitet habe, hätten sie und Eveline Widmer-Schlumpf zu den wenigen karrierebewussten Frauen gehört. Sie beide hätten sich zudem politisch engagiert. «Aber eigentlich ist das nichts aussergewöhnliches. In einem Bündner Dorf gehört das automatisch dazu.» Dass sich die beiden Frauen in Bern wieder begegnen – Zufall, sagt sie, aber es sei schön mit einer Bündnerin zusammenzuarbeiten, das erinnere an die Heimat.

Die Verbundenheit mit der Heimat – etwas typisch Schweizerisches. Das zeige sich immer wieder an Veranstaltungen wie dieser in Gossau. Die brennendsten Fragen sind meist: War die Bundeskanzlerin schon mal hier, wie gefällt es ihr, kennt sie gar einige Personen, und wie denkt man in Bern über die Region? Die Gossauer dürfen beruhigt sein, denn ja, die Bundeskanzlerin hat die Region schon mal besucht und während ihrem Jus-Studium in Fribourg sogar ein paar ehemalige Friedberg-Gymnasiasten kennengelernt. «Vor allem in ländlichen Gebieten schätzen die Leute es sehr, wenn man von Bern persönlich vorbeikommt», sagt sie. Deshalb nehme sie solche Einladungen gerne an, umso mehr, wenn sie von Frauen oder jungen Leuten kämen. Viele junge Frauen hätten heutzutage das Gefühl, dass Gleichberechtigung ein veraltetes Thema sei, da sie sich im Alltag nicht benachteiligt fühlten. «Das mag stimmen, aber wenn sie Kinder bekommen, merken sie, wie gross die Herausforderung ist, Familie und Beruf in Einklang zu bringen», sagt Corina Casanova. Als naiv würde sie die jungen Frauen aber nicht bezeichnen. «Es ist die Erfahrung, die zeigt, dass wir uns immer um Gleichberechtigung bemühen müssen.»

Ein straffer Zeitplan

Dann ist der Abend mit Corina Casanova schon fast vorbei. Draussen wartet bereits der Chauffeur, der sie zurück nach Bern bringt. Der Zeitplan der Bundeskanzlerin ist straff. Zu Casanovas Aufgaben gehört es, die wöchentliche Bundesratssitzung vorzubereiten, die Geschäftsprozesse des Bundesrates zu betreuen und dessen Politik zu kommunizieren. Am Vortag sei sie zum Beispiel erst um 22 Uhr aus dem Büro gekommen. «Deshalb hab ich die Anreise nach Gossau im Zug genutzt, um mich etwas zu entspannen», sagt Casanova, die, wenn möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. «Zugfahren ist phantastisch, man ist immer pünktlich – eine Errungenschaft, auf die die Schweiz stolz sein kann.» Und vielleicht werde sie nächstes Mal im Speisewagen fahren – Gelegenheit, bei einem Abendessen auszuspannen.

Nina Rudnicki





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